Postkarten des Grauens
»Deutschland ist schön, wir zeigen es!« Mit dieser unverhohlenen Drohung wirbt ein Unternehmen, das Deutschlands größter Anbieter von Ansichtskarten ist. Jahrzehntelang war der Slogan – vielleicht ist er es sogar noch immer – auf den von diesem Touristikverlag produzierten Postkarten zu lesen. Deren Vorderseiten zeigten oft mehrere kleine Fotos, auf denen das nackte deutsche Grauen zu sehen war, meist versehen mit Schriftzügen wie »Viele Grüße aus Karlsruhe/Wuppertal/Neumünster/Deppendorf«.
Die Bilder vermittelten Ortsfremden einen ausgezeichneten ersten Eindruck von der begnadeten Schönheit Deutschlands: Szenen aus trostlosen Fußgängerzonen, die man – im hilflosen Versuch, die allumfassende Rossmann/Deichmann/Fielmann-Tristesse irgendwie zu kaschieren – mit klobigen Betonblumenkübeln und geschmacklosen Zierbrunnen dekoriert hat.
Schneebedeckte Gebirgsmassive, die so fotografiert wurden, dass sie möglichst erhaben und ehrfurchtgebietend aussehen sollen, als seien sie direkt vom großen Panoramafenster von Hitlers »Berghof« aus abgelichtet worden.
Brutalistische Warenhausklötze, die »Urbanität« ausstrahlen sollten, aber aussahen wie Kreuzungen aus Kriegsbunkern und Parkhäusern. Vierspurige Schnellstraßen, die Schneisen der Verwüstung in den Innenstädten hinterlassen haben, in die man sie einst stolz hineinbetoniert hat (»Grüße aus Pforzheim«). Düstere Gotteshäuser und Klöster aus dem Mittelalter. Schloss Neuschwanstein, der Kreidefelsen und die Loreley. Fahnen und Flaggen, Städtewappen und Vereinshäuser, Kartoffeläcker und Kriegerdenkmäler (»Sie sind gefallen für Deutschlands Ehre«).
Pausbäckige Schwarzwaldmädel, Weinköniginnen und kernige Gebirgsschützen. Eine blonde Mutti mit zwei blonden Kindern mit Hitlerjugendfrisuren, die gemeinsam vor einem künstlich angelegten kleinen See auf einer Parkbank sitzen, im Bildhintergrund ein possierliches Schlösschen mit Zwiebeltürmchen unter einem mit schneeweißen Zuckerwattewölkchen versehenen azurblauen Himmel: ein deutsches Familienidyll (»Im Schlosspark«), nur der putzig dreinblickende Deutsche Schäferhund fehlt noch. Oktoberfest, Kuckucksuhr, Nussknacker. Und, nicht zu vergessen: schneebedeckte Gebirgsmassive, die so fotografiert wurden, dass sie möglichst erhaben und ehrfurchtgebietend aussehen sollen, als seien sie direkt vom großen Panoramafenster von Hitlers »Berghof« aus abgelichtet worden.
Hier, auf diesen Postkarten, finden der ebenso obszöne wie unausrottbare nationale Kult um Brauchtums- und Heimatquatsch, das urdeutsche Bedürfnis nach seelenstreichelndem Kitsch, der nahezu alles beherrschende und durchdringende Autoindustrie-/Beton-/Technik-/Maschinenbau-Fetisch des Landes und das vollkommene Desinteresse der hiesigen Bevölkerung an Fragen der Ästhetik einträchtig zusammen. Durch den Blick auf die Postkartenbilder erfahren wir, was Deutschland ist: ein Land, das offenbar stolz auf seine Scheußlichkeit ist und seine bestürzende Unbedarftheit, was Kunst, Form, Stil und Geschmack angeht, jederzeit schamlos herzeigt.
Blitzsaubere, absolut funktionstüchtige Puppenstubenheimat
Dem aus dem Ausland kommenden Betrachter soll vermittelt werden: Hier, in unserer blitzsauberen, absolut funktionstüchtigen Puppenstubenheimat, gibt es reizende romantische Fleckchen, die schon Joseph von Eichendorff bedichtet hat (Foto: alter Holzsteg über einem Bächlein, umgeben von deutschen Eichen und Trauerweiden), aber wir sind auch ein hochmoderner Technologie-/Industrie-/Wirtschaftsstandort (Foto: aschgraues Sichtbeton-Monstrum, das die örtliche Berufsschule/Fabrik/Veranstaltungshalle beherbergt).
Doch der Einheimische beziehungsweise hier Aufgewachsene weiß: Nicht allzu weit entfernt vom romantischen Holzsteg fuhren vor nicht allzu langer Zeit noch die Deportationszüge ab, und demnächst muss, im Rahmen der keine Pause kennenden kapitalistischen Betriebsamkeit, das Bächlein samt Trauerweiden dem Neubau einer Tiefgarage und einer Einkaufspassage weichen; und in der regionalen Berufsschule/Fabrik (vermutlich Karosserietechnik und Werkzeugbau) werden die Heranwachsenden zu genau jenen stumpfsinnigen Ficken-/Bier-/Fußball-Höhlenmenschen abgerichtet, die der in dieser Gegend herrschenden potenzierten Geistfeindlichkeit und intellektuellen Rückständigkeit, die man hier traditionell für Bodenständigkeit hält, über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hinweg ihr Gesicht geben.
Nicht allzu weit entfernt vom romantischen Holzsteg fuhren vor nicht allzu langer Zeit noch die Deportationszüge ab.
Je länger man also die auf diesen Grußkarten abgebildeten Bauwerke, Stadtansichten, Landschaften und Personen betrachtet, desto mehr bedauert man im Nachhinein, dass der Morgenthau-Plan nie realisiert wurde.
Dennoch ist der Claim vom »schönen Deutschland« keine Lüge. Man muss sich nur die Deutschen selbst und deren zahllose kulturelle, architektonische und stadtplanerische Verbrechen wegdenken, dann stimmt er. Anders gesagt: »Wenn man im Speisewagen hindurchfährt, ist Deutschland schön. Man darf bloß nicht den Fehler machen und aussteigen.« (Wiglaf Droste)
Denn tatsächlich wird eine Region nicht nur abscheulich und unansehnlich, indem man sie über Jahrzehnte hinweg besinnungslos mit Autobahnen, Kreisverkehren (»autogerechte Stadt«), Betontunneln, Betonbrücken, Autowaschanlagen, Tankstellen, Reihenhaussiedlungen, Einkaufszentren, Möbelabholmärkten und identischen quaderförmigen Häusern mit Schießschartenfenstern zupflastert, sondern auch durch die Menschen, die in dieser unwirtlichen, lebensfeindlichen Gegend wohnen und keinerlei Scheu zeigen, jene Bosheit und Empathielosigkeit, für die sie international bekannt sind, jederzeit freimütig hervorzukehren. Und an solchen gibt es hierzulande ja nun wirklich keinen Mangel.