Optischer Schlaganfall
Über Schönheit, meine Lieb:innen, wird gern gesprochen, als sei sie eine Marotte, der man leicht Herrin werden könne, sofern man nur auf einige Sachen achtet. Nun sind Theorie und Praxis bekanntlich zwei Paar Schuhe, wie ich in der folgenden Geschichte am eigenen Gesicht zu spüren bekam.
Es begab sich einst in einem jener alternativen Clubs der Hauptstadt, in denen sowohl der Putz als auch das Publikum in allen erdenklichen Farben schillern. Gebucht als Soli-Tunte sollte ich für eine einschlägig bekannte Zeitung durch den Abend moderieren. Nun tragen wir Fummeltrienen, auch wenn man es uns kaum ansieht, auf der Bühne kiloweise Make-up, und, man glaubt es kaum: auch die Wimpern sind nicht echt.
Hier begann das Desaster
Und genau hier begann das Desaster. Eine meiner falschen Wimpern beschloss, ein Eigenleben zu führen. Verdammt. Ich sprang also in der Pause mit einem unfreiwilligen Karl-Dall-Gedächtnislook durch den Club, auf der Suche nach der nächsten Toilette, um das Malheur zu beheben. Doch dann: kein Spiegel. Ach Göttin, weder auf den herren- noch damentlichen Örtlichkeiten gab es Reflexionsmöglichkeiten.
Skandal, so dachte ich. Irgendjemand hatte die Dinger wohl mitgehen lassen. Schimpfend wandte ich mich also an die Person, die die Veranstaltung organisierte, während ich versuchte, meinen optischen Schlaganfall mit Hilfe der Spiegelung einer Bierflasche zu korrigieren. Sie erklärte, leicht irritiert und ganz ernsthaft, das sei Absicht – in vielen linken Clubs gebe es keine Spiegel, wegen Lookismus.
Auch wenn man Schönheit zur Gesellschaftskrankheit umlabelt, ihr Einfluss verschwindet nicht, nur weil man einen Spiegel abhängt.
Ich hielt inne. »Bitte?« fauchte ich. »Was sollen Spiegelverbote verhindern? Wenn sich jemand unzumutbar scheußlich findet, soll er halt nicht hinschauen? Das schützt doch niemanden vor den Blicken anderer. Sollen wir jetzt alle mit Eimern über dem Kopf rumlaufen, nur damit der Eindruck entsteht, wir würden uns nichts aus Schönheitsnormen machen? So ein Unsinn.« Mit noch immer hängender Wimper stapfte ich zurück auf die Bühne.
Im Rückblick bleibt festzuhalten: Auch wenn man Schönheit zur Gesellschaftskrankheit umlabelt, ihr Einfluss verschwindet nicht, nur weil man einen Spiegel abhängt. Sie wirkt weiter in Blicken, Erwartungen und stillen Rangordnungen. Spiegel aus vorauseilender Korrektheit zu entfernen, reflektiert vor allem eigene politische Eitelkeit – und erregt obendrein noch den schaurigen Zorn einer Tunte.