18.12.2025
Deutsche Männer sehnen sich besonders nach Penisvergrößerungen

Deutscher Größenwahn

Der deutsche Mann ist unzufrieden mit seiner Durchschnittlichkeit: Fast jeder Zweite denkt, sein Penis sei zu klein. Nicht jeder dieser Männer wünscht sich eine Vergrößerung, aber mehr als in anderen Ländern. Experten warnen vor den Risiken und vor Betrügern und empfehlen in bestimmten Fällen eine Psychotherapie.

Das Geschäft mit der Schönheit wächst wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Überall wird gespart, nur nicht am ­eigenen Leib. Das Bedürfnis nach ästhetischer Selbstaufwertung ist besonders hierzulande offenbar stärker als jede Krise: Nicht nur die Kosmetikbranche steigert ihren Umsatz trotz Konsumflaute, auch schmerzhafte Operationen werden immer häufiger in Kauf genommen, um sich einem Schönheitsideal anzunähern. Deutschland zählt in absoluten Zahlen zu den zehn Ländern mit den meisten Schönheitsoperationen weltweit: Im ver­gangenen Jahr waren es 626.000, im Vorjahr 463.000. Die Deutsche Ge­sellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) spricht von einem »Comeback der Chirurgie«.

Besonders auffällig ist der DGÄPC zufolge der Anstieg von Operationen in der Intimchirurgie: Die machen 5,2 Prozent aller Behandlungen aus, bei der Altersgruppe unter 30 Jahren sogar 11,8 Prozent. Frauen bevorzugen Scham­lippenverkleinerungen, Männer Penisvergrößerungen. Die Nachfrage wächst bei Operationen im Intimbereich am stärksten. Immerhin ist fast jeder zweite Mann in Deutschland mit seiner Penisgröße unzufrieden (45 Prozent). Freilich lassen deswegen nicht alle an sich rumschnippeln, aber in Deutschland werden laut einer Statistik von 2013 in absoluten Zahlen weltweit die meisten Penisvergrößerungen vor­genommen.

Frauen bevorzugen Scham­lippenverkleinerungen, Männer Penisvergrößerungen.

Prinzipiell kann man zwischen zwei Varianten unterscheiden. Bei der Penisverlängerung wird der im Körper verborgene Teil durch die Durchtrennung der Haltebänder nach außen verlagert, was in nichterigiertem Zustand zu einer rein optischen Verlängerung von bis zu zwei Zentimetern führen kann. Bei der Penisverdickung wiederum wird entweder Eigenfett oder ein anderes Füllmaterial wie Hyaluronsäure unter die Penishaut gespritzt. Hyaluronsäure wird im Gegensatz zum Eigenfett innerhalb von ungefähr ein bis zwei Jahren abgebaut. Zwei bis drei Zentimeter mehr Umfang sollen damit erreicht werden. Oft wird beides kombiniert, dann spricht man von einer Penisvergrößerung.

Die Wahl des Facharztes ist entscheidend, denn die Risiken sind nicht ohne: Infektionen, Gefühlsverlust und sogar Impotenz drohen. Nur in den wenigsten Fällen sind Penisoperationen medizinisch notwendig, etwa weil Mann unter einer Penisverkrümmung oder einem Mikropenis leidet und die Funktion gegebenenfalls beeinträchtigt ist. Der deutsche Durchschnitt sind um die 14 Zentimeter im erigierten ­Zustand, bei unter sieben Zentimetern spricht man von einem Mikropenis. Schätzungsweise betrifft das etwa zwei Prozent der Männer. Da Penisvergrößerungen in der Regel also aus kosmetischen Gründen durchgeführt werden, zahlt die Krankenkasse nicht. Und billig ist das nicht: Die Preise einer Verlängerung beginnen bei 4.000, die einer Verdickung mit Hyaluronsäure bei 2.000 und mit Eigenfett bei 4.500, eine Vergrößerung kostet somit mindestens 8.000 Euro. Forscher vom King’s College London sehen hier kein an­gemessenes Verhältnis von Kosten und Nutzen. In einer nichtrepräsentativen Studie von 2019 raten sie von diesen Operationen ab. »Ineffektiv und riskant« seien sie.

Penis-Dysmorphophobie

Für unnötig hält auch Christian Leiber-Caspers von der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA) die Eingriffe. Auch andere, wesentlich sanftere Methoden lehnte er im Gespräch mit dem Focus ab. Penisgewichte, Salben oder Pillen – seiner Überzeugung nach ist nichts von alledem wirksam. Das Längenwachstum finde in der Pubertät statt und sei danach unwiderruflich abgeschlossen.

Trotzdem setzen sich jährlich rund 3.000 Männer in Deutschland dem ­Risiko einer Operation aus. Ein Patiententypus lässt sich nicht bestimmen. Chirurgen- und Patientenberichten zufolge sind es häufig ästhetische Gründe, aber auch das Selbstbewusstsein spielt eine Rolle. Immer wieder liest man von Situationen in der Umkleide vom Fitnessstudio oder der Gemeinschaftsdusche. Der Eingriff wird als Selbstfürsorge beschrieben.

Der Wunsch nach einem größeren Glied liegt häufig in einer verzerrten Wahrnehmung und ist auf psychologische Faktoren zurückzuführen. In der Wissenschaft spricht man in gewissen Fällen von einer Penis-Dysmorphophobie: Das Glied ist zwar normal groß, wird aber als zu klein empfunden, was bei den Betroffenen enormen psychischen Druck verursacht und auch zu Erektionsstörungen führen kann. Leiber-Caspers zufolge leidet jeder zehnte Patient mit Wunsch nach einem größeren Penis an dieser speziellen Form der Zwangsstörung.

Ein Kellner, der Silikon spritzte

Auch übergewichtige Männer zweifeln oft an ihrer Penisgröße. In ihrem Fall liegt das daran, dass der Penis unter dem überschüssigen Fett sozusagen begraben wird und deshalb kleiner wirkt. Man spricht hier auch vom ­buried penis syndrome. In Ausnahmefällen, wenn der Penis so stark eingegraben ist, dass normale Funktionen beeinträchtigt sind oder es zu starken hygienischen Problemen führt, besteht eine medi­zinische Indikation und die Krankenkasse übernimmt die Kosten. Verun­sicherten Männern empfiehlt Leiber-Caspers in der Regel allerdings erst mal keine Operation, sondern eine Psychotherapie. Auch die Beratung bei einem Andrologen könnte etwaige Sorgen beseitigen.

Ein extremer Fall führte 2023 im Wuppertaler Landgericht zu einer Verurteilung eines 46jährigen Solingers wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft. Der Angeklagte injizierte im Juli 2019 einem 31jährigen Silikon ins Geschlechtsteil, das in die Blutbahn gelangte und zu einer Blutvergiftung führte. Der Beschuldigte hatte die Silikonbehandlung im Internet angeboten und soll dem Verstorbenen die notwendige Qualifikation vorgetäuscht und zudem falsche Angaben über die Art des verwendeten ­Silikonöls gemacht haben. Tatsächlich war er Kellner. Strafverschärfend kam hinzu, dass er auch danach noch weiteren Männern Spritzen verabreichte; zuletzt im März 2023. Ein weiterer Betroffener berichtete der Rheinischen Post von gesundheitlichen Folgen; er habe »nur knapp überlebt«.

Besonders auffällig ist der Anstieg von Operationen in der Intim­chirurgie: Die machen 5,2 Prozent aller Behandlungen aus, bei der Altersgruppe unter 30 Jahren sogar 11,8 Prozent.

Freilich ist ein solcher Betrugsfall mit Todesfolge die Ausnahme. Die DGÄPC ist dennoch beunruhigt. Mit der steigenden Nachfrage wachse auch die Zahl unqualifizierter Anbieter. Es mehrten sich die Fälle, in denen ästhetische Eingriffe ohne entsprechende Facharzt­ausbildung vorgenommen würden, so die DGÄPC. »Wir sehen immer häufiger Patientinnen und Patienten mit Komplikationen nach fehlerhaften Eingriffen durch nicht spezialisierte Behandler. Das ist aus Patientensicht und vor allem für Patientensicherheit nicht hinnehmbar«, so der Präsident der DGÄPC, Helge Jens, zur »Tagesschau«. Die DGÄPC fordert deshalb im Sinne des Patientenschutzes eine Facharztpflicht, wie sie in anderen Ländern bereits gilt.

Einen erheblichen Einfluss auf das Selbstbild haben die sozialen Medien – bei Männern wie bei Frauen. Ganz unabhängig von den Behandlungsarten kämen immer häufiger Patientinnen und Patienten mit bearbeiteten Bildern und somit oft völlig unrealistischen Vorstellungen in die Beratung, berichtet die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Aktuellen Zahlen der DGÄPC zufolge führt fast jeder vierte Patient seine Behandlung auf eine gewisse Beeinflussung durch soziale Medien zurück. Die DGÄPC fordert deshalb eine Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Bilder.

Dominik Groß, der Vorsitzende des Klinischen Ethik-Komitees des Uni­versitätsklinikums Aachen, sieht im gestiegenen Schönheitsbedürfnis außerdem eine Reaktion auf die weltweiten Krisen. »Ich denke tatsächlich, dass krisenhafte Situationen in der Welt und der Eindruck, dass die Welt auseinanderfällt und man hilflos zuschauen muss, die Tendenz verstärken, sich auf sich selbst zu beziehen«, teilte er der »Tagesschau« mit. Das hält auch Helge Jens für denkbar und spricht von einem »lipstick effect«, also einem Phänomen, bei dem Menschen in wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Krisen stärker in Körperpflege oder ­ästhetische Aufwertungen investieren. Schönheit, teilte der Präsident der DGÄPC der »Tagesschau« mit, vermittle dann ein Gefühl von Kontrolle. Das habe man schon während der Covid-19-Pandemie beobachten können.