Umetikettierte Geschichte
Jewgenija Chasis hatte in Haft 16 Jahre lang Zeit, über ihre Beteiligung an einem der aufsehenerregendsten politischen Morde russischer Neonazis im postsowjetischen Russland nachzudenken. Am 19. Januar 2009 erschoss ihr damaliger Lebensgefährte Nikita Tichonow am helllichten Tag mitten im Moskauer Stadtzentrum den bekannten Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasia Baburowa. Beide waren eng mit der antifaschistischen Szene verbunden. Chasis kam die tatrelevante Aufgabe zu, Tichonow darüber zu informieren, in welche Richtung Markelow nach einer Pressekonferenz davonging. Der Mörder musste nur noch den Abzug seiner Pistole betätigen.
Tichonow sitzt eine lebenslange Freiheitsstrafe ab, seine Komplizin wurde Ende November aus der Haft entlassen. Anfang vergangener Woche veröffentlichte Ksenija Sobtschak, ehemalige prominente Fernsehmoderatorin und Tochter von Anatolij Sobtschak, dem ehemaligen Bürgermeister von Sankt Petersburg und einstigen Vorgesetzten von Präsident Wladimir Putin, ein Interview mit Chasis auf Youtube, das beachtliche 1,8 Millionen Aufrufe erreichte. Die zwischen liberaler Opposition und kremlkompatiblen Positionen mäandernde Sobtschak lässt darin Chasis drei Stunden lang ungestört über ihre Rolle als »Marionette« lamentieren. Sie sei lediglich eine »Geisel ihrer Gefühle« gewesen, unfähig, sich ideologischen Einflüssen zu widersetzen. Ihr Zusammenleben mit Tichonow beschreibt Chasis als romantische Beziehung.
Tichonow begann seine Laufbahn in der rechtsextremen Szene Ende der neunziger Jahre als Neonazi-Skinhead bei den Vereinigten Brigaden 88. Dort machte er die Bekanntschaft von Aleksandr Parinow, einem Arbeitskollegen von Chasis, der sich später in die Ukraine absetzte und nie gefasst wurde. Tichonow, der sich ebenfalls in der Ukraine versteckte, kehrte nach Russland zurück. Beide waren wegen Mords an dem Antifaschisten Aleksandr Rjuchin 2006 zur Fahndung ausgeschrieben. Markelow vertrat damals Rjuchins Angehörige und machte Druck auf die Behörden – was später zu den Motiven für den Mord an ihm zählte. Chasis war beim Gerichtsprozess ebenfalls anwesend.
Gute Kontakte in kremlnahe Kreise
Auf Betreiben eines engen Freundes Tichonows, Ilja Gorjatschew, entstand die militante Neonazi-Gruppe Kampforganisation Russischer Nationalisten (Born) als Ableger der legalen Vereinigung Russkij Obras. Gorjatschew, der über gute Kontakte in kremlnahe Kreise verfügte, verfolgte ein organisatorisches Konzept nach dem Vorbild des Zusammenwirkens der paramilitärischen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) und ihres politischen Arms, Sinn Féin.
Über Russkij Obras flossen zwar Gelder an Born, seinen Einfluss hatte Gorjatschew hingegen überschätzt. So wurde auch er im Juli 2015 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, nachdem zuvor im April Urteile gegen mehrere Born-Mitglieder gefällt worden waren. Die Neonazi-Gruppe war für eine Reihe rassistischer Morde verantwortlich, tötete mehrere Antifaschisten und einen Richter. Markelow galt ihren Mitgliedern als Kopf der Antifa-Bewegung, die Beseitigung bekannter Aktivisten der Szene stellte eines der obersten Ziele von Born dar.
Über dieses Tötungsmotiv verlor Chasis im Interview allerdings kein Wort. Stattdessen lässt sie darin ihrer persönlichen Abneigung gegen den Anwalt freien Lauf. Während sie vorgibt, den Tod von Baburowa zu bereuen, beschuldigt sie Markelow, aufgrund seiner politischen Haltung die Verfolgung von Tichonow regelrecht provoziert zu haben. Markelow hatte zudem im Januar 2009 versucht, rechtliche Schritte gegen die kurz zuvor erfolgte vorzeitige Haftentlassung von Oberst Jurij Budanow einzuleiten, der wegen Vergewaltigung und Mords an Elsa Kungajewa im zweiten Tschetschenien-Krieg zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Chasis nennt Markelows Bemühungen im Interview »Diskreditierung der Armee«, ein Tatbestand, der erst nach Beginn des vollumfänglichen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 eingeführt worden ist.
Anbiederung an die russische Führung
Man darf Chasis aufgrund dieser Einordnung politisches Kalkül unterstellen. Gezielt präsentiert sie sich als Unterstützerin der russischen Führung, russischen Nationalismus bezeichnet sie als Extremform des Patriotismus. Sie zieht eine direkte Linie von ihrer politischen Vergangenheit bis heute, biedert sich geradezu an. Sowohl Tichonow als auch Gorjatschew sollen sich nach Angaben des Kriegsbloggers Aleksandr Koz vergeblich darum bemüht haben, für die Armee gegen die Ukraine zu kämpfen. Chasis selbst erzählt, sie habe in Haft zwar einen Vertrag mit den Streitkräften abgeschlossen, aus ihr unbekannten Gründen sei es jedoch nicht zu einem Einsatz gekommen.
Der Historiker Jaroslaw Leontjew, ein enger Freund Markelows, stellte im Gespräch mit der Jungle World die Vermutung an, Chasis glaube womöglich, sich als öffentliche Persönlichkeit etablieren zu können. »Obwohl ich persönlich nicht ausschließe, dass der neue Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Igor Krasnow, der damals ihren Fall als Strafermittler untersuchte, möglicherweise versuchen wird, dies zu verhindern«, so Leontjew. Schließlich wisse Krasnow nur allzu gut, dass Chasis’ Weltbild nicht auf nationalistischen, sondern rassistischen und nationalsozialistischen Auffassungen beruhe.
Seit 2009 haben sich die politischen Verhältnisse in Russland komplett verändert. Damals gingen die russischen Strafverfolgungsbehörden teils äußerst rigoros gegen paramilitärisch organisierte Neonazi-Gruppen vor. Inzwischen kämpfen viele aus diesem Milieu an der Front – je nach politischer Vorliebe auf russischer oder ukrainischer Seite.
Rechtsextreme Gewalt nimmt in Russland zu
Auch auf Russlands Straßen nimmt rechtsextreme Gewalt zu: Für 2025 erfasste das unabhängige Moskauer Dokumentationszentrum Sowa bislang 284 Fälle – im Jahr 2022 waren es 35. Am Dienstag tötete ein rechtsextremer 15jähriger in seiner Schule bei Moskau einen zehnjährigen tadschikischen Jungen und fotografierte sich in seinem »No Lives Matter«-T-Shirt vor der Leiche. Vor seiner Tat hatte er ein Manifest verbreitet, in dem er zu Massenmord aufrief und als Feinde Juden, Muslime, die liberale Opposition und Antifaschisten nannte.