18.12.2025
Jihye Jeong, Buchautorin, im Gespräch über Schönheitsnormen in Südkorea

»Die dunkle Seite von K-beauty«

Nach K-Pop sind Kosmetikprodukte der nächste weltweite Exportschlager aus Südkorea. Doch südkoreanische Frauen leiden unter extremen Schönheitsnormen und patriarchalen Rollenbildern, meint die Autorin Jihye Jeong.

Woher stammt der weltweite Erfolg der »K-beauty«-Industrie? Haben Kosmetik und physische Schönheit in Korea einen besonderen Stellenwert?
Ja, die Erwartungen an Frauen, hübsch und feminin zu sein, sind streng. Frauen orientieren sich stark am männlichen Blick. Ständig liest man beispielsweise im Internet die Frage: Würde das meinem Freund gefallen? Es ist immer noch schwer, als Frau in Korea Anerkennung für soziale oder berufliche Erfolge zu bekommen, aber schön zu sein, öffnet Türen, man wird besser behandelt. In Korea ist man sehr stolz auf den weltweiten Erfolg von »K-beauty«. Aber über deren dunkle Seite, nämlich wie die Branche Geschlechternormen zuspitzt, wird kaum geredet.

Was sind das für Normen?
Traditionell sollen Frauen zurückhaltend sein, ihre Partner oder männliche Familienmitglieder unterstützen und nicht zu unabhängig sein. Sie werden weniger als eigenständige Individuen betrachtet, sondern durch ihre Beziehungen zu Männern. Zu bestimmt oder aggressiv aufzutreten oder zu starke Meinungen zu vertreten, gilt als unfeminin und merkwürdig. Viele Frauen verstecken ihre wahren Ansichten.

»Insgesamt ist der Konkurrenz­druck sehr hoch. Junge Männer sehen es als bedrohlich an, wenn Frauen akademisch oder beruflich erfolgreich sind.«

Korea ist gleichzeitig ein sehr modernes und hochentwickeltes Land, Frauen sind in großem Umfang an der Arbeitswelt beteiligt. Ist das nicht ein Widerspruch zu solchen traditionellen Rollenbildern?
Ja, es ist erstaunlich, dass trotz der sehr schnellen Modernisierung immer noch so starke patriarchalische Vorstellungen vorherrschen. Es gibt sogar einen Backlash: Junge Männer fühlen sich bedroht davon, dass Frauen so hart arbeiten und mit ihnen um Stellen konkurrieren. Also gibt es gesellschaftlichen Druck auf junge Frauen, nicht »zu erfolgreich« zu sein. Denn junge Männer haben auch zu kämpfen: Den traditionellen Erwartungen nach müssen sie genug verdienen, um eine Familie zu versorgen. Korea hat den größten gender pay gap aller OECD-Länder.

Wenn man sich die koreanische Schönheits- und auch Unterhaltungsindustrie anschaut, hat man nicht den Eindruck, dass dort sehr traditionelle Normen vermittelt werden; es wirkt vielmehr sehr kommerziell.
Es ist beides. Insgesamt sollen Frauen hübsch und verletzlich erscheinen, damit Männer sich als Beschützer fühlen können. Gleichzeitig gibt es den, sage ich mal, vom US-Feminismus beeinflussten Gedanken, dass es progressiv sei, wenn Frauen sich sexy präsentieren.

Auch für Schönheitsoperationen ist Korea bekannt. Ist das ein Massenphänomen?
Im Vergleich zu anderen Ländern denken in Korea viel mehr Frauen über Schönheitsoperationen nach. In Gegenden wie Gangnam in Seoul sieht man überall Werbung von Chirurgen, auch viele Ausländer kommen dafür nach Korea.

Gibt es kritische Diskussionen über Schönheitsnormen?
Ja, insbesondere unter jungen Feministinnen, aber wir sprechen hier von einer kleinen Minderheit. Teenager und junge Frauen sind oft sehr kritisch, aber in der Gesellschaft insgesamt gibt es dafür kaum Verständnis. Wenn Bewegungen wie »Befreie dich aus dem Korsett« (feministische Online-Bewegung; Anm. d. Red.) Kritik äußern, wird das ziemlich scharf als übertrieben oder merkwürdig abgewehrt. Die großen Medien ignorieren solche Themen. Ich kriege eher von ausländischen Zeitungen dazu Anfragen.

Aus europäischer Sicht ist auffällig, dass die koreanische Kosmetikindustrie sich auch sehr stark an Männer als Kunden richtet und dabei das männliche Schönheitsideal geradezu androgyn wirkt. Ist das ein Bruch mit klassischen männlichen Rollenbildern?
Die Vermarktung von Kosmetik an Männer nimmt tatsächlich immer mehr zu, aber das hat weniger mit dem Verschwinden von Geschlechterrollen zu tun als mit dem Bedürfnis nach Konkurrenzfähigkeit: Auch für Männer ist Kosmetik ein Weg, als Individuum in dieser Gesellschaft zu bestehen. Die Androgynität hat dabei auch damit zu tun, dass Gewalt gegen Frauen ein so schweres Problem ist, dass viele Frauen weniger maskulin erscheinende Männer bevorzugen.

Woher kommt die starke Abwehr von Feminismus insbesondere bei jungen koreanischen Männern?
Patriarchale Normen sind immer noch sehr stark und Feministinnen stellen sie in Frage, also ist auch die Gegenwehr heftig. Außerdem ist insgesamt der Konkurrenzdruck sehr hoch. Junge Männer sehen es als bedrohlich an, wenn Frauen akademisch oder beruflich erfolgreich sind. Es macht es schwieriger für sie, traditionelle Erwartungen an Männer zu erfüllen, die eben mehr verdienen sollen als ihre Partnerin.

»Es gibt recht klare Erwartungen, wie man zu leben hat. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann steht auf dem Programm, zu heiraten, Kinder zu haben, eine gute Wohnung zu besitzen und so weiter.«

Woher kommt diese Konkurrenz?
Ich weiß nicht, warum in diesem Land so ein extremer Konkurrenzdruck herrscht. Aber die Erwartungen sind sehr hoch: Fast alle studieren, akademische Standards sind sehr hoch, und selbst etwas wie Mittelmaß fühlt sich bereits sehr schwer zu erreichen an. Also gibt es sehr viel Frustration, denn die Leute arbeiten unfassbar hart, aber haben das Gefühl, weniger zu erreichen, als sie sollten. Und das hat Auswirkungen auf das gesamte Leben, das Privatleben. Ein anderes Problem ist, dass es so wenig Diversität in dieser Gesellschaft gibt, verglichen mit anderen Ländern mit einem ähnlichen Entwicklungsstand.

Wie meinen Sie das?
Es gibt recht klare Erwartungen, wie man zu leben hat. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann steht auf dem Programm, zu heiraten, Kinder zu haben, eine gute Wohnung zu besitzen und so weiter. Es ist unmöglich, dass alle solche Ansprüche erfüllen. Aber es gibt nicht die Möglichkeit zu sagen: Das ist okay, man kann auch anders leben. Das Ergebnis ist, dass alle emotional unglaublich erschöpft sind. Es geht wirklich mehr um emotionale Erschöpfung als rein ökonomische Probleme. Wenn Ausländer nach Korea kommen, sind sie ja immer beeindruckt, wie wohlhabend und gut gepflegt alle Leute aussehen – weil die unbedingt vermeiden wollen, dass man auf sie herabblickt.

Warum heißt Ihre Kolumne »The Red Pill« (Die rote Pille) – ist das eine Anspielung auf die antifeministische Incel-Kultur?
Nein, es ist genau andersherum. Als ich die Kolumne 2020 begann, sprachen koreanische Feministinnen viel von der »red pill«, um auszudrücken, dass sie die unangenehme Wahrheit über die patriarchale Gesellschaftsordnung erkannt hatten, wodurch sie, wie Neo in dem Film »Die Matrix«, nicht mehr in ihr bisheriges Leben zurückkehren konnten. Ich wollte eine Kolumne über Geschlechterthemen schreiben, und um das meiner eher konservativen Zeitung schmackhaft zu machen, sagte ich, der Titel bezieht sich auf »Die Ma­trix«. Die wussten gar nicht, dass das ein feministisches Codewort war, sondern dachten nur, es sei cool, weil es mit diesem Film zu tun hatte.

Sind typische Auffassungen des Incel-Milieus denn auch in Korea verbreitet?
Ich würde sagen, dass der Fall Koreas strukturell anders gelagert ist. In Südkorea beschränken sich antifeministische Positionen nicht auf eine marginale Incel-Subkultur. Viele antifeministische Männer finden bei Politikern und Mainstream-Medien Gehör, wo ihre Beschwerden als legitime gesellschaftliche Anliegen behandelt werden. Infolgedessen tritt frauenfeindliches Ressentiment seltener als isolierte oder offen extremistische Subkultur in Erscheinung, sondern ist stärker normalisiert. Dennoch ist es nach wie vor sehr verbreitet, dass diese Männer sich selbst als Opfer von Frauen, Feminismus und angeblicher Diskriminierung von Männern darstellen.

»Viele Männer werden durch die Ablehnung des Feminismus auch ganz allgemein in rechten Aktivismus hineingezogen.«

Worauf stützt sich diese Behauptung, sie würden als Männer diskriminiert?
Das ist vor allem eine rhetorische Strategie. Weil Feminismus sowieso schon ein schlechtes Image hat, können sie sich damit strategisch als seine Opfer darstellen, um ihn weiter zu diskreditieren. Viele der Frustrationen dieser Männer sind eigentlich klassenbasiert; sie leiden nicht unter Sexismus und Diskriminierung, sondern unter ökonomischer Ungleichheit. Aber sie schimpfen über Frauen und Feminismus. Die koreanische Regierung hat kürzlich erst das Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter und Familie umstrukturiert und eine Abteilung für die Benachteiligung von Männern geschaffen.
Viele Männer werden durch die Ablehnung des Feminismus auch ganz allgemein in rechten Aktivismus hineingezogen. Manche mobben Frauen im Internet, betreiben cyberbullying oder verüben digitale Sexualverbrechen – mit KI-generierten Fotos und Videos wird das noch schlimmer. Ein anderer Trend sind Morddrohungen zur Einschüchterung oder Androhung von Amokläufen. Die Täter sind meist junge Männer.

Sie sagten, vor allem junge Frauen würden bestimmten Aspekten der Geschlechterkultur kritischer gegenüberstehen. Wie gestaltet sich das?
Es geht vor allem um anonyme Online-Diskussionen, besonders in den sozialen Medien. Offline gibt es nur sehr selten Räume für feministische Diskussionen. 2020 wurde die sogenannte Frauenpartei gegründet, die sich in Frauenfragen engagiert, aber in anderen Parteien spielen Geschlechterfragen kaum eine Rolle. Wenn eine der wenigen weiblichen Parlamentsabgeordneten sich für feministische Belange einsetzt, riskiert sie damit, die nächste Wahl in ihrem Wahlkreis zu verlieren.