18.12.2025
Warum man mit Trends meist zu spät dran ist

Zu spät, zu spät

Bei Modetrends kommt es immer auch aufs Timing an. Manchmal ist es gar angebracht, einen längst vergangenen Trend wiederzubeleben.

Das größte Problem mit Trends ist immer das Timing. Vor 25 Jahren war ich so stolz auf meine brandneue, schwarze Lakritzbrille, mit der ich als existentialistischer Erstsemester die Uni ­betrat – nur um sofort zu bemerken, dass hier anders als in der Provinz haufenweise Leute mit derlei modischen Sehhilfen herumliefen. Und diese sich noch dazu eben nicht zugleich wie ein unbeholfener Studienanfänger in Szene setzten. Was für ein Dämpfer: Flieg’ nicht zu hoch, mein kleiner Freund, sagte ich mir.

Wenige Jahre später, in den ersten Hauptseminaren, war ich dann mit einem Boomer-Schnurrbart, der meinem working class dad alle Ehre erweisen sollte, wiederum zu früh dran. Vor allem von weiblicher Seite gab es lediglich verstörte bis verächtliche Blicke, während der Schnäuzer nur kurze Zeit später plötzlich zum Retro- und Hipster-Trend aufstieg, mit dem vor ­allem pseudointellektuelle Schnösel aufwarteten.

Wer braucht schon Mode?

Immer lag ich falsch. Immer, wenn ich versuchte, mit gewagten fashion statements Aufmerksamkeit zu erhaschen, war ich zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht war es doch schlichtweg am besten, die eigene Profilneurose anderweitig zu bearbeiten und dem Markt der Eitelkeiten mit seinem oberflächlichen Tand fortan aus dem Wege zu gehen. Wer braucht schon Mode?

Angesichts immer schütterer werdenden Haupthaars ist es ­allerdings keine schlechte Idee, sich feine Kopfbedeckungen zuzulegen, in Form von schicken Schieber- oder Ballonmützen zum Beispiel, um die Nichtfrisur zu überdecken. Doch wieder kam ich mindestens eine Saison zu spät, jeder zweite linke Checker zeigte sich ebenfalls von der Serie »Peaky Blinders« beeinflusst und trug längst eine ähnliche Kappe.

Schnell versuchte ich, mich zumindest durch erlesene Marken abzugrenzen; nicht die gewöhnlichen Mützen von Stetson oder gar Kangol, sondern City Sport aus Belgien und Alfonso D’Este aus Italien wurden meine erste Wahl. Dennoch kam ich nicht an gegen diesen Allerweltstrend szeniger Männlichkeitsdarbietung – erneut nur ein Mensch der Masse.

Mit Blick auf die Weltlage scheint die angemessen antiquierte Hutmode das Accessoire der Wahl zu sein, um wie zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise dem Unheil apart ins Gesicht zu lachen.

Seit langem warte ich ohnehin darauf, dass individuelle, stilvolle Hüte jedweder Art sich endlich wieder durchsetzen, und zwar für jedwedes Geschlecht, allerdings will dies einfach nicht passieren. Diesen Sommer habe ich nun entschieden, dass ich selbst mit gutem Beispiel vorangehen muss, und begonnen, einen meliert geflochtenen Porkpie-Hut zu tragen. Ursprünglich im 19. Jahrhundert noch als Frauenhut entworfen, wurde der Porkpie in den zwanziger Jahren durch den stoisch-melancholischen Komiker Buster Keaton en vogue, als lässig-elegante Kopfbedeckung für den Mann von Welt, auch wenn mal das eine oder andere schief geht wie in Keatons wahnwitzigen Stummfilmen.

Mit Blick auf die derzeitige Weltlage erscheint ohnedies die angemessen antiquierte Hutmode das Accessoire der Wahl zu sein, um wie zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise dem Unheil apart ins Gesicht zu lachen oder ihm zumindest wie Keaton mit renitenter Gleichmut gegenüberzutreten.