Jungle+ Artikel 01.01.2026
Frederik Schindlers Biographie über Björn Höcke zeigt, wie der AfD-Politiker angehimmelt wird

Der Unterschätzte

Nicht ohne Grund gilt der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke als eine Schlüsselfigur der Radikalisierung seiner Partei. Der Journalist Frederik Schindler zeichnet in seiner Biographie Höckes das Bild eines ideologisch gefestigten, planvoll agierenden Überzeugungstäters.

Als im Frühjahr 2013 die »Alternative für Deutschland« (AfD) gegründet wurde, war Björn Höcke für die deutsche Öffentlichkeit noch ein unbeschriebenes Blatt. Der in Westfalen geborene Lehrer, der seinen Landesverband in Thüringen mitgründete, wirkte wortgewandt und dynamisch; damals war nicht unbedingt abzusehen, dass er innerhalb weniger Jahre zu einer der Schlüsselfiguren der ex­tremen Rechten werden würde. Dabei ist diese Entwicklung alles andere als überraschend, wie der Journalist Frederik Schindler kenntnis- und materialreich in seiner kürzlich erschienen Biographie des Politikers darlegt.

Im ersten Teil des Buches widmet sich Schindler dem familiären Umfeld Höckes und seiner Sozialisation in einer »hochpolitischen Familie«, wie er sie selbst in einem Wahkampfinterview 2015 bezeichnete. Die ­prägende Erfahrung war die Flucht seiner Großeltern aus Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem »verlorenen Land«, woraus ein Gefühl von »Heimatverlust« resultierte.

Einer der interessantesten Aspekte des Buches ist Schindlers Auseinandersetzung mit dem Oberstudien­rat Höcke, denn hier zeigt sich in Schrumpfform schon das Erfolgsrezept des Politikers Höcke.

Dabei bringt Schindler die geschichtsrevisionistischen Äußerungen des früheren Geschichtslehrers Höcke in Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und entlarvt sie angenehm nüchtern. Höckes Behauptung, es seien »Hunderttausende Sudetendeutsche« in Lagern der Siegermächte gestorben, stellt sich als maßlose Übertreibung heraus. Neben der Vertriebenennostalgie spielt auch Höckes Vater Wolfgang eine Rolle für die politische Sozialisation, dieser las bereits in den achtziger Jahren rechtsextreme Zeitschriften.

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