Unter dem Kommando des Kapitals
Dass hinter den Auseinandersetzungen über die Wokeness mehr steckt als eine bloße Kulturdebatte, ist kaum mehr zu leugnen. Während rechte Influencer dies- und jenseits des Atlantik zum Kreuzzug gegen woke Politik blasen, fordern immer mehr antiwoke Linke eine Rückkehr zum Klassenkampf.
Der Autor Dennis Schnittler sieht das etwas anders: In seinem Buch »Eine Klassenanalyse der Wokeness« legt er dar, dass die Kämpfe um Anerkennung nicht anstelle einer Kapitalismuskritik, sondern durch das Kapitalverhältnis hindurch geführt werden.
Schnittlers zentrale These lautet, dass sich die Wokeness historisch als ein »Bedürfnisbündel« entwickelt habe, »in dem die Emanzipationsbedürfnisse der Schwarzen, der Frauen und derjenigen in eins fallen, die mit dem herrschenden Geschlechterverhältnissen in Konflikt geraten sind«. Was im Diskurs als subjektive Befindlichkeit erscheint, sei in Wahrheit Resultat ökonomischer Prozesse: der Entwicklung der Produktivkräfte, des technologischen Fortschritts und der globalisierten Arbeitsteilung. Wo neue Produktionsweisen entstehen, verändern sich auch die Menschen, ihre Körper, ihre Wünsche.
Die Wokeness sei die Form, in der primär immaterielle Bedürfnisse – nach Anerkennung, Wahrnehmung, Gleichheit – artikuliert werden. Als Resultat der Entwicklung des modernen Kapitals bildet sie zugleich eine Voraussetzung für dessen weitere Reproduktion im globalen Rahmen.
Diversity und Political Correctness sind für Schnittler keine moralischen Fragen, sondern eine reale Notwendigkeit, um die »Verkehrshemmungen zwischen den tätigen Händen« zu beseitigen.
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