Ist das noch Punk?
Ob es noch Punk ist, wenn man mit Punk kommerziellen Erfolg hat, das diskutieren Freunde und Feinde der Subkultur seit jeher – und werden sich darüber zumeist nicht einig. Unzweifelhaft bleibt aber: Erfolg haben wollen, ist es nicht. Die ideale Punkband stolpert eher in ihre Beliebtheit, als sie absichtsvoll anzustreben. Und sie arrangiert sich dann auf ihre Art damit, dass Musik, die eigentlich stören soll, unter Umständen sehr vielen gefällt.
In diesem Lichte ist es schon witzig, dass die 2011 veröffentlichte allererste EP der Band Turnstile »Pressure to Succeed«, also »Erfolgsdruck« heißt. Dass die Hardcore-Punkband aus dem US-amerikanischen Baltimore im Jahr zuvor angetreten war, um in die Fußstapfen von Genre-Legenden der neunziger Jahre zu treten, daran bestand kaum Zweifel. Die ersten Veröffentlichungen muten nostalgisch an, vom Cover bis zum Sound: schnell, laut, manchmal groovy.
Mit diesem Stil tourten Turnstile vor allem durch diverse Keller, später kleinere Clubs in ihrer Heimatstadt und deren Umgebung an der US-Ostküste. Zwar offenbarte die fünfköpfige Gruppe schon damals, dass sie den Sound ihrer Vorbilder nicht nur nachahmen wollte – gehört und gemocht haben dieses Unterfangen aber erst einmal nur Eingeweihte.
»Die Band ist ein Vehikel für andere Menschen, um nur sich selbst zu erfahren«, sagte die Gitarristin Meg Mills in einem Interview mit der »New York Times«, welche Turnstile im selben Artikel als »bekannteste Punkband ihrer Ära« bezeichnete.
15 Jahre nach der Gründung der Band hat sich jede Frage nach Erfolgsdruck erübrigt. Es ist der 10. Mai 2025, Turnstile spielen ein Konzert im Wyman Park Dell, einer Parkanlage in Baltimore. Nachdem die Band mit ihren ersten beiden Major-Alben »Time & Space« (2018) und besonders »Glow On« (2021) erstaunlichen kommerziellen Erfolg hatte, kann sie mittlerweile problemlos große Hallen ausverkaufen, und das nicht nur in den USA. Spätestens als die Band 2023 in drei Kategorien für einen Grammy nominiert wurde (für die Grammys 2026 sind es sogar fünf Nominierungen) und einer ihrer Songs in einem Werbespot der US-Fast-Food-Kette Taco Bell benutzt wurde, regte sich Skepsis in der Subkultur.
Unter freiem Himmel in Baltimore wollen Turnstile nun zeigen, dass sie weder vergessen haben, wo sie herkommen, noch, wie eine Hardcore-Show auszusehen hat. Der Eintritt ist frei, alle sonstigen Erlöse kommen einem Projekt für Obdachlose zugute. Wie viele Menschen an diesem Frühlingstag wirklich da sind, wird später keiner mehr so genau sagen können, es wird von bis zu 10.000 berichtet werden. Ab dem ersten Ton verwandelt sich der Park für knapp 90 Minuten in ein lautes Punk-Paradies, inklusive Stagedives und Circle Pits. Trotz der wilden Stimmung sind im Publikum sogar einige Kinder zu sehen. Vor der Bühne stehen keine Barrikaden. Manchmal ist schwer zu erkennen, wer zur Band gehört und wer nicht.
So haben es die Vorbilder des Hardcore der achtziger und neunziger Jahre – insbesondere andere Bands der East-Coast-Szene wie Snapcase oder Bad Brains – etabliert, und so führen es Turnstile im Jahr 2025 fort. Und so wie damals bei den Umsonst-und-draußen-Konzerten oft gefilmt wurde, so auch jetzt. Benutzt wird für die Aufzeichnung von »Live at the Wyman Park Dell« (die man auf Youtube ansehen kann) tatsächlich eine alte Videokamera, was für eine Neunziger-VHS-Optik sorgt, die keine Zweifel an der nostalgischen Reminiszenz bestehen lässt. Und trotzdem sind Turnstile nie eine Band gewesen, die einfach nur Erinnerungen evozieren will.
Extrem beliebt bei der GenZ
Tatsächlich ist die Band gerade bei den jüngeren Tiktok-Sozialisierten extrem beliebt. Das ließ sich auch gut Mitte November in Berlin beobachten, als Turnstile im Velodrom spielte. Keineswegs bestand das Publikum aus gealterten (Ex-)Punks und ehemaligen Emo-Millennials im besten Erstkindalter, die in Turnstile ein Abbild ihrer alten Helden sehen. Insbesondere die Alterskohorte der Generation Z (Geburtsjahrgänge 1997 bis 2012) kann dem spätestens seit »Glow On« etwas melodischerem, aber kraftvollen Punksound offenbar viel abgewinnen.
»Niemals hätte ich gedacht, einmal in einem Raum wie diesem zu spielen«, sagte der Sänger Brendan Yates in Berlin, und man will es ihm glauben. Dass ihre geliebte Subkultur nur dann am Leben bleiben wird, wenn sie nicht allein in geschlossenen Zirkeln zelebriert wird, merkt man auch den Songtexten der Band an: »T.L.C. (Turnstile Love Connection)«, in Berlin der zweite Song der Show, beschwört die Einheit mit den Fans und endet mit einem Dank von Yates an das Publikum. Im gesamten medialen Auftritt der Band geht es sehr selten um die einzelnen Mitglieder.
»Die Band ist ein Vehikel für andere Menschen, um nur sich selbst zu erfahren«, sagte die Gitarristin Meg Mills mal in einem Interview mit der New York Times, welche Turnstile im selben Artikel als »bekannteste Punkband ihrer Ära« bezeichnete. Sie und der Bassist Franz Lyons stehen als Frau beziehungsweise als schwarzer Mann auch für eine neue Diversität, mit der der Punk im Allgemeinen nicht sonderlich aufgefallen ist. Auch das dürfte zum Erfolg bei den Jüngeren beigetragen haben. Aber nicht nur bei denen: Ausgerechnet Elton John lobte die Band kürzlich in einem Podcast und nannte das 2025 erschienene Album »Never Enough« eine »großartige Platte«.
Eine Hardcore-Band, die in den Mainstream vordringt
Dass die Band weder zum Musikpreis noch zum Werbe-Deal nein sagt und dass sie ihre Singles auch gern mal in großen US-Late-Night-Shows (bisher bei Jimmy Fallon und Jimmy Kimmel) vorstellt, findet kaum mehr kritische Erwähnung. Zwar haben Turnstile so auch schon alte Fans verloren, aber immer ungleich mehr neue gewonnen. Das wirkt sich aus: Der ästhetische, musikalische und letztlich soziale Einfluss auf eine ganze Reihe von jungen Bands, die – vermehrt auch mit nicht allein weißer und männlicher Besetzung – modernen Hardcore-Punk machen, lässt sich schon jetzt kaum mehr übersehen.
Vielleicht hat die Subkultur genau das gebraucht: eine Hardcore-Band, die in den Mainstream vordringt und gerade damit an der Vitalität der Subkultur einen großen Anteil hat. Reingestolpert ist Turnstile in diesen Erfolg sicher nicht, vielleicht ist das aber auch längst egal.