08.01.2026
Die Verbindung zwischen Noam Chomsky und Jeffrey Epstein

Ein Schnappschuss sagt mehr als tausend Worte

Unter den jüngst veröffentlichten Fotos aus den sogenannten Epstein-Akten ist auch eines, das den Linguisten Noam Chomsky und den ehemaligen Berater Donald Trumps, Steve Bannon, gemeinsam zeigt. Wer deren Karrieren genau verfolgt, sollte nicht ganz so überrascht sein.

Die Erschütterung wirkt glaubhaft. »Diese Beziehung zu Jeffrey Epstein ist so erstaunlich, eine kognitive Dissonanz für mich«, sagt Glenn Greenwald in seinem Video-Podcast »System Update«. Er spricht über den hochbetagten Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, eine Ikone der US-amerikanischen Linken. Was war passiert?

Auf Druck von Politikern der republikanischen und der demokratischen Partei hat das US-Justizministerium Akten aus den Ermittlungen gegen den pädophilen Sexualstraf­täter Jeffrey Epstein veröffentlicht. Der Fall erregt seit Jahren Bürgerrechtler wie Verschwörungstheoretiker weltweit, weil Epstein, der sich ­einen Freundeskreis reicher und einflussreicher Leute aufgebaut hatte, jahrzehntelang am Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen beteiligt war.

Was wussten Epsteins prominente Freunde von den Verbrechen? Waren sie am Ende sogar Mittäter? Diesbezüglich sind weiterhin viele Fragen offen.

Aber was wussten die prominenten Freunde von diesen Verbrechen? Waren sie am Ende sogar Mittäter? Diesbezüglich sind weiterhin viele Fragen offen. Die Vielfalt der Berühmtheiten, zu denen Epstein Beziehungen pflegte, scheint jedenfalls nahezu grenzenlos: Vom Zauberkünstler David Copperfield über den Filmregisseur Woody Allen und Kolumbiens ehemaligen konservativen Präsidenten Andrés Pastrana Arango bis zu Sultan Ahmed bin Sulayem aus den Vereinigen Arabischen Emiraten gingen viele reiche und mächtige Männer dieser Welt bei Epstein ein und aus.

»Was, wenn dein Lieblings-Promi in den Epstein-Akten ist?« wurde in den sozialen Medien schnell zu einem Meme. Nun hat es mit Noam Chomsky einen Helden vieler erwischt, die sich moralisch überlegen wähnen. Besonders pikant für jene, die in Chomsky einen der letzten aufrechten Linken sehen wollen: Die Bilder zeigen den Linguisten beim fröhlichen Scherzen ausgerechnet mit Steve Bannon. Der rechtsextreme Polit-Unternehmer war Chefstratege in Donald Trumps erster Regierung und gilt als eine Schlüsselfigur für den radikalen Umschwung nach rechts in Washington.

Doch wer die Karriere Chomskys genau beobachtet hat, sollte nicht so überrascht sein von diesen Enthüllungen. Der 1928 geborene Sohn jüdischer Einwanderer hat es auf zwei Feldern zu Weltruhm gebracht: Sein Fachgebiet, die Linguistik, haben seine Beiträge zur allgemeinen Sprachwissenschaft zweifellos weit vorangebracht. Seine breitere Anerkennung verdankt er allerdings seinem politischen Aktivismus. »Seit seiner Kritik am Vietnam-Krieg trat er immer wieder als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik in Erscheinung und wurde als Kapitalismus- und Globalisierungskritiker weltweit bekannt«, bilanziert der deutschsprachige Wikipedia-Artikel.

Früh auf einer ziemlich schiefen Bahn

Diese Kritik rutschte schon früh in eine zwanghafte Pose ab, die man in den USA als contrarianism bezeichnet – das ständige Streben danach, die herrschende Meinung zu widerlegen. Dabei kam er früh auf eine ziemlich schiefe Bahn. Das berühmteste Zeugnis dessen ist wohl das Buch »After the Cataclysm«, welches er 1979 gemeinsam mit dem Ökonomen Edward S. Herman ver­öffentlichte. Das Buch beginnt zwar in Vietnam, doch das längste Kapitel darin behandelt Kambodscha – ein Land, das beide zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nie betreten hatten. Trotzdem streuen sie in ihrem Buch zahlreiche Zweifel an der These, es könne unter den damals dort herrschenden Khmer Rouge einen Genozid geben. Hinter den entsprechenden Berichten vermuteten sie westliche Propaganda und sahen andere Akteure als mindestens genauso verantwortlich für das Leid der Kambodschaner.

Inzwischen weiß man, dass in der nur von 1975 bis 1979 währenden Regierungszeit der Kommunistische Partei Kampucheas (so der offizielle Name der Roten Khmer) knapp zwei Millionen Menschen, ein Viertel der damaligen Bevölkerung des Landes, ihr Leben verloren haben. Während dieser Genozid ablief, beschrieben Herman und Chomsky die Situation in Kambodscha als zwiespältig. Zwar kritisieren auch sie Unterdrückung und Terror, behaupten auf der anderen Seite aber Fortschritte für einen großen Teil der Bevölkerung.

Letztere Behauptung bereue er mittlerweile, ließ Chomsky 2013 wissen. Er würde diese Formulierung wohl streichen, wenn er das Buch noch einmal neu schriebe – ganz so, als wäre die grundsätzliche Vertei­digung des mörderischen Pol-Pot-Regimes, besonders zum Zeitpunkt des aktiven Genozids, nicht grundsätzlich problematisch. Christopher Hitchens hatte diesen Ansatz in den achtziger Jahren verteidigt als »zu­gegebenermaßen heikle Angelegenheit, Beweise von Interpretationen zu unterscheiden«. Dass der grundsätzliche noble Ansatz, die Faktentreue der US-amerikanischen Berichterstattung zu hinterfragen, komplett schieflief, davon zeugen Briefe Chomskys an Verleger, in denen er diese aufforderte, mit den Gräuelgeschichten über die Khmer Rouge aufzuhören.

Öffentliche Unterstützung des Free Gaza Movement

Es sollte nicht der einzige Genozid bleiben, zu dem Chomsky Stellung bezog. Noch im selben Jahr 1979, in dem das Kambodscha-Buch erschien, unterzeichnete er eine Petition zur Verteidigung der Redefreiheit des französischen Holocaust-Leugners Robert Faurisson, auch wenn er sich inhaltlich gegen dessen Positionen wandte. Später unterzeichnete eine weitere Solidaritätserklärung für den Holocaust-Leugner Vincent Reynouard und sprach sich gegen Gesetze aus, die die Leugnung der Shoah unter Strafe stellten.

Auch kritisierte er noch 2011 die Verwendung des Wortes »Genozid« im Bosnien-Krieg. Das Massaker in Srebrenica sei »sicherlich eine Horrorgeschichte und ein schweres Verbrechen«, aber es als »Völkermord« zu bezeichnen, werte den Begriff so sehr ab, dass es fast schon einer Leugnung des Holocaust gleichkomme, so Chomsky damals. Zu diesem Zeitpunkt unterstützte er bereits öffentlich die Organisation Free Gaza Movement. Deren Gründerin Greta Berlin ist unter anderem der Meinung, Zionisten würden Konzentrationslager betreiben und das Attentat auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo, bei dem 2015 zwölf Menschen ermordet wurden, sei eine False-Flag-Aktion des Mossad gewesen, um eine bevorstehende Anerkennung des Staats Palästina durch Frankreich zu verhindern.

»Jeder, der eine relevante Kritik der US-Außenpolitik formuliert hat, wurde von Chomsky beeinflusst«, ­bilanziert Greenwald Chomskys Wirken. »Ich glaube, ich kenne niemanden, der so oft empirisch falsch lag«, urteilte Slavoj Žižek 2013 über das ­öffentliche Wirken Chomskys. Wenige Jahre später sollte Chomsky in einem Brief folgende Charakterisierung Epsteins verfassen: »Ich habe Jeffrey Epstein vor etwa sechs Jahren kennengelernt. Seitdem stehen wir in regelmäßigem Kontakt und führen viele lange und oft tiefgehende Gespräche über eine Vielzahl von Themen, darunter unsere jeweiligen Fachgebiete und unsere berufliche Tätigkeit, aber auch eine Reihe anderer Themen, für die wir uns gemeinsam interessieren. Das war für mich eine äußerst wertvolle Erfahrung.«

Worüber Chomsky mit Bannon gescherzt hat, ist weiterhin nicht bekannt. Man muss aber befürchten, dass die beiden sich nicht nur in Sachen Epstein und Srebrenica einig sind.

Weiter heißt es in dem Brief: »Als wir einmal über die Osloer Verträge diskutierten, griff Jeffrey zum Telefon und rief den norwegischen Diplomaten an, der sie beaufsichtigt hatte, was zu einem lebhaften Austausch führte.«

Der Brief lässt sich anhand der Veröffentlichungen des US-Justizministeriums nicht genau datieren. Chomsky signierte ihn jedoch als Professor der Universität von Arizona. Diese Stelle hatte er 2017 angetreten, weil ihm die kalten Winter an seiner vorherigen Wirkungsstätte in Massachusetts gesundheitlich zu schaffen gemacht hatten. Epstein war bereits 2008 in Florida für Anstiftung zur Prostitution mit Minderjährigen verurteilt worden.

Worüber Chomsky mit Bannon gescherzt hat, ist weiterhin nicht bekannt. Man muss aber befürchten, dass die beiden sich nicht nur in Sachen Epstein und Srebrenica einig sind. So gesehen ist Chomsky vielleicht nie ein moralischer Gegenpol zur Rechten gewesen, sondern nur ein verzerrtes Spiegelbild derselben.