Blind sein
Prolog
Ein Vorname. Ich heiße Tobias, weil meinen Eltern die biblische Geschichte gefiel, in der ein junger Mann meines Namens, unterstützt durch den Engel Raphael, seinem Vater aus finanziellen Schwierigkeiten hilft und ihn von seiner Blindheit befreit. Als meinen Eltern klar war, wie sie mich nennen wollten, wussten sie nicht, dass ich blind zur Welt kommen sollte.
Die Frage
Wie es ist, blind zu sein, überhaupt nichts sehen zu können – diese Frage wird den Betroffenen wieder und wieder gestellt. Sie ist ihre Gesellschaft in Gesellschaft:
Wird sie an mich gerichtet, so empfinde ich dabei zumeist einen gewissen Schmerz. Die eigene Unzulänglichkeit tritt hervor. Mich befällt Scham. Ich denke an die große Anstrengung, die der vergebliche Versuch kostet, einfach nur den Normalzustand herzustellen, denke an das mühsame Erlernen unbekannter Wege, an die langwierigen Auseinandersetzungen mit Behörden, an die ständige Aufforderung, mich zu erklären. Es liegt nahe, die Frage nach dem Wie der Blindheit brüsk zurückzuweisen, sie als eine verletzende Grenzüberschreitung zu verdammen. Das wäre jedoch zu voreilig.
Schließlich steht die Frage nicht zwangsläufig im Dienst eines ungehörigen Voyeurismus, der es bloß auf den Genuss einiger Seltsamkeiten und möglicher Leidensgeschichten abgesehen hat. Sie kann, im Gegensatz zu einem solchen Voyeurismus, auch ein ernsthaftes Interesse an der Situation des Anderen, ein Erkenntnisinteresse zum Ausdruck bringen. Wo gefragt wird, besteht immerhin die Möglichkeit, dass Neues sich erschließt und falsche Vorurteile sich korrigieren lassen – auch beim Befragten.
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