15.01.2026
Hans Wollschlägers Romanfragment »Der Fall Adams« hat ein Konstruktionsproblem

Zwischen Originalität und Akademismus

Hans Wollschlägers aus dem Nachlass ediertes Romanfragment »Der Fall Adams« zeigt, dass literarische Bildung dem Gelingen literarischen Schaffens auch im Wege stehen kann.

»Darüber kann Niemand hinweg, daß hier gewichtiges, noch nie gesagtes Neues, en masse und with a lavish hand, deponiert wurde!« Mit diesen Worten kommentierte Arno Schmidt, Vertrauter und Vorbild des Schriftstellers, Übersetzers und Lektors Hans Wollschläger, dessen 1961 abgeschlossenes Romanmanuskript »Der Fall Adams«, das dieser wesentlich später, als Vorstufe zum 1982 erschienenen Prosakonvolut »Herzgewächse oder Der Fall Adams«, wieder aufgriff.

Schmidt, den Wollschläger 1957 im Zusammenhang mit der Arbeit als Lektor beim Karl-May-Verlag kennengelernt hatte, entfernte sich wenige Jahre nach seiner Begeisterung wieder von dem jungen Autor, dem er übelnahm, bei der Arbeit an dem Romanvorhaben nicht voranzukommen. Grund für Schmidts Distanznahme dürfte nicht nur sein zwischen Zuneigung und Ablehnung schwankendes Temperament gewesen sein. Vielmehr deutete die leicht säuerliche Formulierung, niemand könne darüber »hinweg«, dass hier »noch nie Gesagtes« mit leichter Hand »deponiert« worden sei, auf einen grundlegenderen Zwiespalt hin.

Wollschläger war keine Doppel-, sondern mindestens eine Tripelbegabung: Übersetzer, Schriftsteller und literarischer Lektor, in letzterer Eigenschaft auch passionierter Literaturhistoriker.

Zwar war Wollschläger so wenig ein poeta doctus wie Schmidt, der den Hochschul- und Literaturbetrieb hasste. Doch seine literarische Bildung war nicht – wie bei Schmidt – spielerisch, sondern in systematischem Selbststudium erworben worden. Wollschläger hatte nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium in seiner Geburtsstadt Herford Orgelunterricht genommen und sich zugleich die Werke des Bildungskanons angeeignet.

In der Gleichzeitigkeit von bildungsbürgerlicher Ambition und als beengend empfundener kleinbürgerlicher Wirklichkeit ähnelte er den Protagonisten der Gruppe 47, denen er jedoch – wie der gleichfalls aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Schmidt – zu avantgardistisch erschien. Wollschläger war keine Doppel-, sondern mindestens eine Tripelbegabung: Übersetzer, Schriftsteller und literarischer Lektor, in letzterer Eigenschaft auch passionierter Literaturhistoriker. Die vielseitige Begabung scheint in seinem Fall dazu geführt zu haben, dass die Fähigkeiten sich immer auch im Wege standen.

Die barocke Gattungsbezeichnung, die Wollschläger für »Der Fall Adams« gewählt hat – »Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern« – verweist auf den Zwiespalt zwischen Originalität und Akademismus. Sie erinnert in ihrer Ballung von Fremdwörtern, Archaismen und Neologismen zu sehr an Schmidt und an die von diesem verehrte und zugleich repräsentierte Tradition einer vormodernen Früh- respektive vernunftkritischen Spätaufklärung (Brockes, Wieland, Jean Paul); sie evoziert die Vermischung von Fiktion, Biographik und Zeitgeschichte, von Traditionen des romantischen Fragments und der barocken Digression allzu ostentativ, um einen Interpretationsspielraum jenseits dieser Prätexte zu eröffnen.

Disparatheit des Textes

Dadurch unterscheidet sich »Der Fall Adams« von Schmidts Werk, auf das hier angespielt und das zitiert, aber nicht beim Wort genommen und weitergeführt wird. Dieser Eindruck, der zur Säuerlichkeit von Schmidts Lob beigetragen haben dürfte, verstärkt sich bei der Lektüre des Buchs, das in seiner Verschränkung von Kriminal-, Historien- und Agentenroman, von (Auto-)Biographie und biographischem Pastiche ein wenig an Thomas Pynchons 1963 veröffentlichten Roman »V.« erinnert, ohne dessen fulminanten Pop-Art-Sarkasmus zu erreichen.

Wollschlägers Fragment, das nun zum ersten Mal in der Urfassung veröffentlicht wurde, blieb, anders als die Verlagswerbung nahelegt, offenbar nicht einfach deshalb liegen, weil es in der jungen Bundesrepublik wegen seiner »Radikalität« und »Brisanz« keinen Verleger fand, sondern weil Wollschläger ahnte, dass die Disparatheit des Textes auch seine Schwäche ist. Disparatheit an sich ist kein Zeichen ästhetischen Scheiterns; der Literaturtheoretiker Pierre Macherey sah in ihr in seiner 1966 erschienen Studie »Zur Theorie der literarischen Produktion« sogar die spezifische Qualität der französischen Prosa seit Balzacs polyphonen Romanzyklen und ein Signum der literarischer Moderne.

Doch in »Der Fall Adams« zeigt die Disparatheit ein ungelöstes Konstruk­tionsproblem an. Historische Ausgangszeit des Romans ist die Bundesrepublik der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre, erzählerischer Ausgangspunkt die Rückkehr des fiktiven Schriftstellers Michael Adams aus der Emigration nach Bamberg, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte und nach seiner Rückkehr Nazis, Mitläufer und Kollaborateure, aber auch Remigranten und im »Dritten Reich« in den Untergrund gegangene Juden trifft und wiedertrifft.

Allegorisierung des Nationalsozialismus

Das Angebot, das die junge, westliche und trotzdem alte, postnazistische Republik Adams macht: an seine biographischen und geistigen Wurzeln anzuknüpfen, aber sich auch eine berufliche und private Zukunft zu erschließen, erscheint durch intertextuelle Verschränkung mit dem (mittelalterlichen, aber auch Goethe’schen) »Faust«-Stoff als Teufelspakt: als der deutschen Geschichte tief eingeschriebene Versuchung, die auf Adams wie ein Sog wirkt.

Der Rückgriff auf den »Faust«-Stoff zwecks Allegorisierung des Nationalsozialismus war zur Entstehungszeit von Wollschlägers Buch topisch. Man findet ihn sowohl in Romanen und Stücken deutscher und deutsch-jüdischer Exilanten wie Klaus Manns »Mephisto« (1936), Else Lasker-Schülers »IchundIch« (1940/41) und Thomas Manns »Doktor Faustus« (1947), wie auch – verdeckter – in Wolfgang Koeppens Romantrilogie »Tauben im Gras«, »Das Treibhaus« und »Der Tod in Rom« (1951–1954). Wollschläger verschränkte Topoi der Exilliteratur mit solchen des Zeitromans der frühen Bundesrepublik. Überformt wird dies durch eine bis zur Unverständlichkeit gehende Verschachtelung heterogener Paratexte und Stil­ebenen, die es unmöglich macht, so etwas wie eine Inhaltsangabe zu erstellen.

Dem Buch vorangestellt ist das Vorwort eines fiktiven Herausgebers, der Adams kannte, nach dessen Tod seinen »Nachlass« sichtete und das nun vorliegende Konvolut aus darin enthaltenen Notaten, zeitgeschichtlichen »Fakten« und Erfahrungen mit Adams zusammensetzte. Wollschläger nimmt so in gewisser Weise die Schwierigkeiten vorweg, die Thomas Körber und Nico Prelog, die tatsächlichen Herausgeber seines Romanfragments, mit seinem Nachlass hatten – als hätte er gewusst, dass sein Buch ebenfalls liegenbleiben und erst nach seinem Tod editorisch bearbeitet werden würde.

Karl-May- und Arno-Schmidt-Anspielungen

Dieser Epitaph-Charakter ist auch ein Leitmotiv der rudimentären Handlung. Der erste Eintrag von Adams’ Notaten, datiert auf den 1. Januar 1950, beginnt mit Reflexionen über die Affinität zwischen Sprache und Totengeläut: »Ussul – ein Wort, das mit Totenglocken geläutet wird: und ist zuletzt die Theorie richtig, daß unter solchem Schallfall alles zu Schweigen komme – so ist die äußerste Schwierigkeit zurhand, ihm etwas voraus zu haben: und sei es ein Sprung: wo Anfang und Ende in sich zurücklaufen – machen wir einen Wettlauf mit dem Schweigen: wo Außen und Innen zusammenfließen – setzen wir gegen alles Veräußerte das Erinnern.«

Hier klingen die Motive an, die Wollschläger im Folgenden eher ausprobiert als entwickelt: die Karl-May- und dadurch auch Arno-Schmidt-Anspielungen (»Ussul« ist der Name eines Volksstamms in Mays Roman »Ardistan und Dschinnistan«), das Motiv des Vermächtnisses, der Topos der Dichtung als Totengedenken, der Gedanke, dass Sprache dem Erzeugen von Lücken, Sprüngen und Pausen diene; aber auch die stark an Schmidt erinnernde Verwendung von Interpunktion als Notenschrift, die ihren Rhythmus, ihr Melos und Tempo in ihrer Notation zum Ausdruck bringt. Die Sprach-Ballungen und -Plateaus, die Wollschlägers Herausgeber zusammenträgt, wollen zweierlei leisten: eine auf keinerlei Repräsentation von Wirklichkeit reduzierbare Prosaform à la »Gelehrtenrepublik« (Arno Schmidt) und »Finnegans Wake« (James Joyce), aber auch eine mentalitätsgeschichtliche Reflexion der damaligen Bundesrepublik, ihres Verhältnisses zum Eingedenken und zu den vertriebenen Exilanten.

Beides gleichzeitig, Wollschlägers Fragment führt es vor, ist auf dem Stand des damaligen Bewusstseins nicht möglich: Der Anspruch auf Zeitgenossenschaft steht dem experimentellen Duktus im Wege, das Experiment erscheint gemessen am politischen Anspruch ornamental und ablenkend. Insofern verwundert es nicht, dass Wollschläger 20 Jahre später mit »Herzgewächse« etwas völlig anderes machte, worin der frühe Prosaversuch buchstäblich unterging. Wie schwierig der Weg von den Anfängen in deren Zukunft war, stellen die Herausgeber von »Der Fall Adams« nicht nur in ihrem Nachwort, sondern durch die Rekonstruktion des frühen Textes in vorbildlicher Genauigkeit dar.


Buchcover

Hans Wollschläger: Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025, 812 Seiten, 48 Euro