Jungle+ Artikel 15.01.2026
Der Band »Was ist Sozialphilosophie?« von Martin Saar

In Teufels Küche

Martin Saar, Professor in Frankfurt am Main, versucht sich in seinem Bändchen »Was ist Sozialphilosophie?« an einer Neudefinition der Kritischen Theorie mit Hilfe von Versatzstücken der Postmoderne.

Es war von jeher ein Anliegen der Kritischen Theorie, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aufzugreifen. So war das Institut für Sozialforschung Vorreiter bei der kritischen Berücksichtigung von Psychologie und empirischer Sozialforschung. Die Nachfolger von Horkheimer und Adorno versuchten, dieses Programm fortzusetzen: Mit Jürgen Habermas’ Kommunikationstheorie fand der linguistic turn der sechziger Jahre Eingang in die Arbeit des Instituts. Axel Honneths Begriff der Anerkennung ermöglichte es der Kritischen Theorie, den cultural turn der achtziger und neunziger Jahre mit seinem Interesse für soziale Praktiken nachzuvollziehen.

Zeitgenössische Vertreter der ­Kritischen Theorie können sich also in bester Tradition wähnen, wenn sie gegenwärtige Entwicklungen der Sozialwissenschaften aufnehmen. Verfolgte die ältere Rezeption theoretischer Neuerungen noch das Ziel, bestehende Begründungslücken zu schließen und etwa die fehlenden normativen Grundlagen der Kritik nachzuliefern, besteht ihr Zweck heutzutage nur mehr darin, den Anschluss an den zeitgenössischen akademischen Diskurs nicht zu verlieren. Im Zuge der angestrebten »Entprovinzialisierung« wird immer öfter auch blanker Unsinn als angeblich wichtiger Beitrag zur Debatte gewürdigt, solange er sich nur selbst als kritisch und progressiv versteht.

Das prozessuale Verständnis von Freiheit als einer Abfolge von Setzung und Infragestellung normativer Ordnungen bildet das zentrale Motiv von Saars macht- und subjekttheoretischem Ansatz.

Inzwischen hat sich die Kritische Theorie zur internationalen »Critical Theory« entwickelt. Die weltweite Vernetzung entspricht einer Pluralisierung von Theorien, Methoden und Themen der Kritischen Theorie. Nicht zuletzt geht es darum, eine Spitzenposition im geisteswissenschaftlichen Diskurs einzunehmen, der häufig nicht mehr zwischen Wissenschaft und Aktivismus unterscheidet.

Noch kein Abonnement?

Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::