15.01.2026
Das israelische Selbstverteidigungssystem kann Frauen vor Gewalt schützen

Mit Krav Maga die Waffen einer Frau entdecken

Wenn körperliche Unversehrtheit oder Freiheit verteidigt werden müssen, hilft richtige Vorbereitung. Tipps einer Krav-Maga-Trainerin

Selbstverteidigung ist nicht gleich Selbstverteidigung. Frauen werden anders angegriffen als Männer, auf der Straße wie im Schlafzimmer. Sie geraten mit anderen körperlichen Voraussetzungen und sozialisatorischen Prägungen in Gewaltkonflikte.

Deshalb ist Krav Maga für weibliche Selbstverteidigung besonders geeignet. Krav Maga ist kein einheitliches Kampfsystem, sondern ein pragmatischer Ansatz zur Selbstverteidigung, der in den frühen dreißiger Jahren in Bratislava entstand. Entwickelt wurde Krav Maga dort vom in Budapest geborenen Imrich Lichtenfeld, um sich gegen die häufiger werdenden antisemitischen Angriffe zu verteidigen; es kombiniert Elemente aus Boxen, Ringen und Jiu-Jitsu.

Gehandelt wird nach dem Grundsatz, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen hat.

Später unterrichtete Lichtenfeld israelische Soldaten und Soldatinnen. Heute trainieren neben Polizei und Militär auch Zivilistinnen und Zivilisten weltweit Krav Maga.

Gehandelt wird nach dem Grundsatz, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen hat. Ziel ist nicht sportliche Eleganz, sondern die sofortige Verteidigung persönlicher Rechte und des eigenen Lebens.

Unser Leben und unsere Freiheit zu schützen, dazu sind wir Frauen ganz vielseitig in der Lage. Und zwar mit unseren eigenen Waffen.

Wo bleibt da der Glamour?

Zuallererst sollte man sich bewusst machen, wie man aus dem Haus geht. Nichts anzuziehen trotz vollen Kleiderschranks? Wer kennt es nicht. Mode ist die größte weibliche Selbstsabotage in puncto Selbstverteidigung. Lange Zöpfe, große Kreolen, Schals und Halstücher sind perfekt zum Ziehen, Reißen und Würgen. Handtaschen verhaken sich bei der Armabwehr, Röcke fliegen schneller hoch, als man »Empowerment« sagen kann.

Arm- und Beinfreiheit sind keine Stilbrüche, sondern Freiheiten, manchmal sogar Überlebensstrategien. Nicht umsonst haben unsere Vorfahrinnen für das Recht auf Hosen gekämpft. Behindern wir uns also nicht selbst und machen morgens die Augen auf bei der Wahl der Kleider und Accessoires.

So vernünftig, so langweilig. Wo bleibt da der Glamour? Die Prinzessinnen und Divas unter uns wird das kaum abholen. Der Trost: Einige Schönmacher lassen sich durchaus als Waffen einsetzen. Schals zum Beispiel zum Würgen, Gürtel bekanntermaßen zum Schlagen. Legenden erzählen auch von Frauen, die ihre Pumps kurzerhand zu Waffen machten. Diese Hälfte des Aschenputtel-Märchens wurde auffällig verschwiegen.

Alles um und an uns kann zur Waffe werden

Dabei kann alles um und an uns zur Waffe werden. Ringe werden zu Schlagringen, Regenschirme und Gehstöcke zu Knüppeln, Pumps zu Hämmern. Weniger herumgackern, sondern direkt zuhacken, lautet die Devise. Das geht auch mit genderneutralen Gegenständen wie Schlüsseln, Flaschen oder Handys.

Aber Contenance, werte Prinzessinnen. Wer bei einem nett gemeinten, aber verfehlten Kompliment gleich mit den Pumps zum Schockschlag auf den Hinterkopf ansetzt, handelt unverhältnismäßig und lebensgefährlich. Vielleicht bietet sich stattdessen eine Anstandsschelle mit dem Haus- oder Badelatschen an.

Danach gilt es, stilvoll wegzurennen, auf Zehenspitzen wie unser Aschenputtel. Summa summarum: Ob modeinteressierte Cinderella oder praktisch orientiertes Aschenputtel, Sportschuhe sind für alle die erste Wahl. Pumps und Latschen kann man trotzdem mitführen. Sie sind in Waffenverbotszonen zumindest noch nicht untersagt und bei Angriffen im trauten Heim ebenfalls zur Hand.

Zweckentfremdung von Gegenständen zur Abwehr

Sinnvoll ist die Zweckentfremdung von Gegenständen zur Abwehr. Bei einem zünftigen Kneipenabend können das auch Barhocker, Bierkästen oder Flaschen sein. Anders sieht es bei tatsächlichen Waffen aus. Gegen tierische Verhaltensweisen lassen sich verstärkte Taschenlampen mit Stroboskoplicht sowie Pfeffer- oder Cayennepistolen mit einer Reichweite von etwa vier Metern und gesichtsgroßer Trefferfläche einsetzen.

Aber Contenance, Ladys. Körperliche Verteidigung kommt erst nach Wahrnehmung und Vermeidung von Gefahren, nach Deeskalation und nach dem Versuch der Flucht, also als allerletzte Option. Dann aber bitte mit körperlichen Skills. Waffen, einmal zur Hand genommen, werden häufig auch eingesetzt und erhöhen das Gewaltniveau.

Merken: Die Art der Abwehr eines Angriffs auf Persönlichkeitsrechte wie Besitz, Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Leben muss verhältnismäßig sein. Ziel ist die Verteidigung der eigenen Rechte, im äußersten Fall die Neutralisierung des Angreifers. Beispiel: Wenn euch jemand das Handy klaut, dürft ihr es euch im Rahmen der Besitzwehr sofort zurückholen. Bitte aber nicht noch als Racheengel mit dem Gürtel nachpeitschen. Sonst heißt es schnell wieder »hinterfotzig«.

Selbstverteidigung rettet nicht die Welt, aber sie erhöht die Chance, weiter in ihr leben zu können.

Ganz anders liegt der Fall bei Mordversuchen und Vergewaltigungen. Sie sind Angriffe auf das Leben. Dann ist das ganze Arsenal zu nutzen. Selbstverteidigung rettet nicht die Welt, aber sie erhöht die Chance, weiter in ihr leben zu können. Frauen müssen nicht heldenhaft sein. Sie müssen handlungsfähig bleiben und wissen, was wann und warum zu tun ist. Der Rest lässt sich lernen. Und vieles können wir schon.

Gute Nachrichten für alle Furien und drama queens: Bleibt, wie ihr seid! Euer übertriebenes Gezeter ist Gold wert für das Krav-Maga-Prinzip der Durchsetzungsfähigkeit. Wer schreit, signalisiert klar: Ich will das nicht. Damit auch der letzte Passant versteht, dass hier nichts einvernehmlich ist, ist der Angreifer zu siezen, egal ob Ehemann, Freund oder Fremder. Nicht dass es später heißt, sie wollte das ja oder es sei eine Beziehungskiste gewesen.

Auch »Feuer!« statt »Hilfe!« zu schreien, ist nicht hysterisch, sondern taktisch klug. Zivilcourage und Solidarität, eigentlich die game changer in Sachen Sicherheit, sind in dieser Gesellschaft schließlich kein Standard.

Zeit für eiskaltes Handeln

Ein weiterer Vorteil des verbalen Ausrastens: Falls es körperlich weitergehen muss, seid ihr bereits im Kampfmodus. Beim Schlagen und Treten ruhig kreischen und laut ausatmen. Das erhöht die Durchschlagskraft und sorgt für Aufmerksamkeit. Vielleicht kommt doch noch eine rettende Person zur Stelle, auch wenn wir auf den Märchenprinzen schon lange nicht mehr warten.

Aber auch die kühlen und nüchternen cold ass bitches unter euch bringen entscheidende Fähigkeiten mit. Gefahren zu analysieren und sich anbahnende Konflikte wahrzunehmen, ist essentiell. Die Vermeidung gefährlicher Situationen, Orte und Menschen ist bereits die halbe Miete. Wenn aber jemand angreifen will, dann wird er es auch tun. Ist keine Flucht möglich, muss es Kampf sein. Zeit für eiskaltes Handeln. Gerne jetzt in die Hysterie übergehen, von null auf hundert, ohne Vorwarnung.

Das will gelernt sein. Plötzlich bricht der Schweiß aus, Adrenalin und Blutdruck steigen, das Herz pumpt wie wild. Cold ass bitches kennen weder Schockstarre noch hyperventilieren sie in der Bredouille. Stattdessen schlagen und treten sie ausdauernd mit ihren zwei oder drei Lieblingstechniken immer wieder zu. Sie setzen sich klare Ziele: Kopf, Knie, Rippen, Schritt. Sie schlagen durch, so lange wie nötig. Komplett hysterisch und gleichzeitig eiskalt.

Cold ass bitches kennen weder Schockstarre noch hyperventilieren sie in der Bredouille. Stattdessen schlagen und treten sie ausdauernd mit ihren zwei oder drei Lieblingstechniken immer wieder zu. Sie setzen sich klare Ziele: Kopf, Knie, Rippen, Schritt.

Haben wir ohnehin schon Blut an den Händen, lebt es sich ungeniert. Zum Beispiel mit langen spitzen French Nails. Lange falsche Nägel sind der Alptraum des Alltags, aber perfekt, um den Look viktorianischer Selbstverteidigungshandschuhe zu imitieren. Harte Acryl- oder Gelnägel in Stiletto- oder Mandelform sind die Metallkrallen der Moderne.

Im äußersten Verteidigungsfall den Kopf des Angreifers mit beiden Händen festhalten und die Daumen in die Augen drücken oder mit Zeige- und Mittelfinger gezielt auf diese Schwachstellen zielen. Vorteil: Was angeklebt ist, hat man immer parat, sogar nackt. Kein Suchen, kein Zeitverlust, einfach direct action. Wir nennen es direktes Drama.

Tipp: Für einen blutrünstigen Abschreckungseffekt eignen sich rote French Nails. Nachteil: schlecht beim Boxen und Schießsporttraining. Man kann halt nicht alles haben.

Und so stehen uns auch unsere imposanten Schenkel, der Cellulite-Po, das ausladende Becken und weiche Bäuche nicht im Weg zu einem gewaltfreien Leben. Unser Körperschwerpunkt ist keine Problemzone, sondern eine Kraftzone, die trainiert werden muss. Aber nicht mit Bauch-Beine-Po, sondern mit Kraftsport, Krav Maga und Brazilian Jiu-Jitsu, also Bodenkampf.

Unser Körperschwerpunkt ist keine Problemzone, sondern eine Kraftzone, die trainiert werden muss.

Dort lernen wir den sogenannten leg triangle. Entwickelt sich eine tatsächlich oder vermeintlich erotische Situation in eine gewaltsame Richtung statt zu einvernehmlichem Sex, setzen wir aus der Liegeposition zum leg triangle an. Einen Arm des Gegners schnappen und schräg neben den Kopf führen. Festhalten. Kniekehle und Schienbein so hinter seinem oder ihrem Nacken verhaken, dass ein Dreieck um das Genick und die fixierte Schulter entsteht. Den Arm querziehen, um Hebelwirkung auf den Hals zu erzeugen und so eng wie möglich und nötig fixieren. So unsexy können Würgegriffe sein. Vor dem leg triangle, wie immer, verbal nein sagen.

Frauen sind auch nur Menschen. Das verstehen viele nicht. Also bitte keine Selbstvorwürfe nach dem Motto: Hätte ich doch anders reagiert. In Stresssituationen ruft man höchstens zehn Prozent seiner Fähigkeiten ab. Gewaltsituationen sind kompliziert, schnell, unsauber und unfair. Die perfekte Reaktion gibt es nicht, nur die bessere. Überleben ist nicht perfekt. Also weiter lernen, stärker werden, handlungsfähig bleiben. Ohne Bedauern, Schuldgefühle oder Scham.

Und falls wir danach von Beamten zum Tathergang befragt werden: Natürlich sind wir verwirrt, erschrocken, ängstlich und können uns an nichts erinnern. Diese Aussagen sind bei Gerichtsverfahren entscheidend. Die Aussage verweigern? Niemals. Einfach die typisch weiblichen asthenischen Affekte der Notwehr­überschreitung. Entschuldigen Sie, Herr Kommissar.