22.01.2026
Anke Feuchtenbergers Comic-Band »Der Spalt«

Ein Bild von einem Hund

Begleitet von ihrer Hündin streunt die Erzählerin durch Rom, Paris, Wien und Vorpommern.

Eine Frau wird von ihrer Handtasche am Verlassen eines Geschäfts gehindert, in der Metro fährt ein Eimer spazieren, im Garten des Nachbarn beklagen Hundewelpen in einem Gitterkäfig ihr Schicksal, im Gewühl der fremden Stadt bekommt die Erzählerin einen Schlag auf den Kopf.

Anke Feuchtenbergers neuer Bildband »Der Spalt« versammelt Impressionen phantastischer Streifzüge durch Geschichte und Gegenwart. Rom, Wien, Paris und die Landschaft Vorpommerns sind die Schauplätze der lose miteinander verbundenen Bildgeschichten.

Mit dabei ist ihre Jagdhündin, deren seelenvolles Tiergesicht mit blauen Augen wie Bergseen auch das eindrucksvolle Cover abgibt. Eine Begleiterin, die die zumeist nachtschwarzen Szenarien etwas weniger beunruhigend macht und die einzelnen Geschichten miteinander verbindet.

Es gibt keine endgültigen Formen, weder im Erzählen noch bei den Figuren. Tiere werden zu Menschen, Menschen zu Tieren.

Nach ihrem opus magnum »Genossin Kuckuck« (2023), das die eigene Familiengeschichte über mehrere Frauengenerationen aus wechselnden Perspektiven abbildet, kehrt Feuchtenberger mit dem neuen Band zu dem bereits aus dem Buch »Die Spaziergängerin« (2012) bekannten, losen Erzählprinzip zurück.

Die graphischen Essays über Städte und Regionen nehmen Seltsamkeiten aus Architektur, Tourismus, Tierwelt, Mythologie und Botanik in den Blick und stellen hintergründige Fragen nach Macht und Trauma, Krieg und Reproduktion. In Stil und Atmosphäre gleichen die Bleistiftzeichnungen denen aus »Genossin Kuckuck«.

Es gibt keine endgültigen Formen, weder im Erzählen noch bei den Figuren. Tiere werden zu Menschen, Menschen zu Tieren. Erkenntnisleitend ist das philosophische wie auch materielle Interesse für den titelgebenden Spalt, der gezeigt wird als Furche im Boden, Lücke am U-Bahnsteig, Lefzen des Hundes oder als Vagina der Großmutter, die sieben Kinder geboren hat.

Das alles ist visuell überwältigend ausgeführt. Allein seines Titelbilds wegen möchte man sich das Buch am liebsten an die Wand hängen.


Buchcover

Anke Feuchtenberger: Der Spalt. Reprodukt, Berlin 2026, 112 Seiten, 29 Euro