Aufzeichnungen aus der Hölle
Eli Sharabis »491 Tage: In den Tunneln der Hamas« steht in der Tradition literarischer Zeugenschaft, wie sie sich seit dem 20. Jahrhundert insbesondere in Texten jüdischer Überlebender herausgebildet hat. Die Präzedenzlosigkeit des Holocausts hat eine Form der Zeugenschaft hervorgebracht, die versucht, in Worte zu fassen, wie und wenn Gewalt auf Entmenschlichung und Vernichtung zielt. Primo Levis »Ist das ein Mensch?«, 1947 veröffentlicht, bildet hierfür den paradigmatischen Bezugspunkt.
Sharabis Erinnerungen schließen an diese Form an, ohne sie zu imitieren. Es ist das erste Buch, das die Ereignisse des 7. Oktober und der folgenden Geiselhaft Hunderter Israelis in größer angelegter literarischer Zeugenschaft festhält: über 200 Seiten hinweg, aus der Perspektive eines Opfers, ohne retrospektive Glättung.
Antisemitische Gewalt erscheint hier nicht nur als die Tat eines Moments, sondern als organisierte Praxis mit Routinen, Zuständigkeiten und Kommandostrukturen. Gerade darin unterscheidet sie sich von spontanen Pogromen; nicht im Ziel, sondern in der Form.
Sharabi, ein damals 52jähriger israelischer Familienvater aus dem Kibbuz Be’eri, wurde am Morgen des 7. Oktober von Hamas-Terroristen entführt und verbrachte 491 Tage in Gefangenschaft, überwiegend in unterirdischen Tunnelsystemen. Er war eng mit Seilen, später mit Ketten gefesselt, was ihm schier unerträgliche Schmerzen zufügte. Während des Massakers im Kibbuz wurden seine Frau Lian und seine Töchter Noya und Yahel im Schutzraum ihres Hauses verbrannt. Davon erfuhr Sharabi erst nach seiner Freilassung.
Die Zustände, die geschildert werden, gleichen denen, die die Holocaust-Literatur prägen: Hitze, Hunger, Atemnot, Schlaflosigkeit. Der Körper wird zur letzten Instanz von Erfahrung. Im scheinbar Banalen liegt die Nähe zur Darstellung Levis. Wie dort entsteht Erkenntnis nicht durch philosophische Reflexion, sondern durch die minutiöse Beschreibung eines Alltags, in dem elementare Lebensvollzüge unter totale Fremdkontrolle geraten.
Ein zentrales Motiv ist der Toilettengang. Er erscheint nicht als Randdetail, sondern als Akt des völligen Beherrschtwerdens. Jede Erlaubnis, jedes Warten, jedes Unter-Beobachtung-Stehen entscheidet über Würde und Sicherheit. Es wird kenntlich, was eliminatorischer Antisemitismus praktisch bedeutet: nicht nur systematisches Töten, sondern die Verwaltung jüdischer Körper. Antisemitische Gewalt erscheint hier nicht nur als die Tat eines Moments, sondern als organisierte Praxis mit Routinen, Zuständigkeiten und Kommandostrukturen. Gerade darin unterscheidet sie sich von spontanen Pogromen; nicht im Ziel, sondern in der Form.
»Sie verhalten sich anständig«
Sieben Geiseln liegen auf Matratzen in einem Tunnel. Aus individueller Angst wird kollektive Verzweiflung und zugleich eine Praxis des Überlebens. »Unsere Mission ist es zu überleben«, heißt es nüchtern. Überleben erscheint nicht heroisch, sondern als organisierte Anstrengung: Routinen, Gespräche, Atemübungen, kleine Widerstandsakte. Der ursprünglich auf Nietzsche zurückgehende Satz »Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie«, ausgesprochen von dem Mitgefangenen Hersh Goldberg-Polin in Erinnerung an die Lehren des Holocaustüberlebenden Viktor Frankl, fungiert als stilles Programm, als fragile Selbstvergewisserung in einem Zustand, in dem Hoffnung – etwa in Gestalt des immer wieder zirkulierenden Gerüchts, eine Hudna (Waffenstillstand) stehe bevor – ebenso stabilisieren wie zerstören kann.
Eine besonders wichtige Rolle spielen die Träume. Sharabi beschreibt Alpträume, den Halbschlaf, das Verschwimmen von Wachen und Schlafen. »Jeder Alptraum, den ich je hatte, steigt mit mir die Leiter hinab.« Der Traum ist hier kein Rückzugsraum, vielmehr setzt sich die Gewalt in ihm fort. Diese Darstellung steht in einer Linie mit Erinnerungstexten von Holocaust-Überlebenden, in denen der Schlaf nicht als Zustand der Erholung, sondern als Wiederkehr des Erlebten erscheint.
Irritierend ist die Sprache. Wenn das Verhalten einzelner Bewacher als »anständig« bezeichnet wird – »Sie verhalten sich anständig« –, scheint da wieder die Erinnerung an den nationalsozialistischen Antisemitismus auf. Denn der Begriff ist historisch kontaminiert; er wurde auch von Heinrich Himmler in der Posener Rede von 1943 zur Selbstentlastung der deutschen Täter verwendet. Durch solche Begriffe wird herausgestellt, wie die Gewalterfahrung zum Alltag wird und doch nichts anderes als Gewalt bleibt.
Vernichtungswille benötigt keinen permanenten Wahnsinn; er funktioniert auch im Modus scheinbarer Normalität.
Diese Veralltäglichung zeigt sich auch in den Szenen der Nähe: Gespräche auf dem Dach während des Sonnenuntergangs mit Blick auf Gaza, beiläufiger Austausch mit den Entführern, Gespräche über Familien, über das Leben. Für Momente entsteht beinahe der Eindruck einer Art Nähe – doch sie relativiert nichts. Sie macht im Gegenteil deutlich, dass mörderische Weltanschauung und persönliche Begegnung mit den Objekten des Hasses einander nicht ausschließen. Vernichtungswille benötigt keinen permanenten Wahnsinn; er funktioniert auch im Modus scheinbarer Normalität.
Sharabis Buch steht im Kontext einer intensiven Phase von Oral History nach dem 7. Oktober, insbesondere in der ersten Zeit danach: Augenzeugenberichte, Angehörigeninterviews, Vorträge in der israelischen Botschaft, Mediendebatten. »491 Tage: In den Tunneln der Hamas« markiert den Übergang von fragmentierter Zeugenschaft zur literarischen Form.
Gerade deshalb lässt sich dieses Buch auch dort lesen, wo seine Schilderungen kaum mehr auszuhalten sind. Seine Form entfaltet sich bereits am Anfang und wird konsequent beibehalten. »491 Tage: In den Tunneln der Hamas« ist kein Text, der erklärt oder versöhnt. Er bleibt als Zumutung, als Erkenntnisform und als literarische Zeugenschaft einer Gegenwart, die nicht abschließbar ist, da der 7. Oktober 2023 Gegenwart bleiben wird.
Eli Sharabi: 491 Tage: In den Tunneln der Hamas. Aus dem Englischen von Ursula Kömen. Suhrkamp, Berlin 2025, 200 Seiten, 24 Euro
