Jungle+ Artikel 22.01.2026
Wie die Kritische Theorie den Antisemitismus ausblendet

Der neue Unwille zu trauern

Was Adorno als Schuldabwehrantisemitismus in postnazistischen Gesellschaften umschrieb, scheint sich angesichts der einseitigen »Kontextualisierungen« des 7. Oktober, der Täter-Opfer-Umkehr und der blanken Verleugnung der Aggression gegen Israel zu wiederholen. Über Kritische Theorie und Antisemitismus nach dem 7. Oktober.

Im westlichen Wissenschafts- und Kulturbetrieb setzte das aktive Verdrängen des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 unmittelbar am 7. Oktober ein. Israel hatte noch kaum zu einem Gegenschlag in Gaza angesetzt, sondern war mit der Niederringung der Tausenden Hamas-Terroristen beschäftigt, die mordend, vergewaltigend und verstümmelnd durch den Süden Israels marodierten, mit nicht wenigen Zivilist:innen aus Gaza im Schlepptau, die sich an den Plünderungen beteiligten. Es waren noch nicht mal alle Toten identifiziert, da wurden an zahlreichen Universitäten in Europa und den USA in aller Eile Solidaritätserklärungen verfasst, die von Tausenden Universitätsangehörigen unterschrieben wurden. Die Solidarität galt weniger den mehr als 1.200 toten ­Israelis und auch nicht den 250 nach Gaza verschleppten Geiseln. Von ihnen war in solchen Erklärungen nur selten die Rede, und wenn sie überhaupt Erwähnung fanden, dann in abstrakten Floskeln des Bedauerns. Im Vordergrund stand das Bestreben, den barbarischen Akt der Hamas in eine Widerstandshandlung umzudeuten und Israel zu beschuldigen, einen Genozid in Gaza als Reaktion darauf zu planen bzw. schon zu begehen. Den israelischen Opfern von Mord, Vergewaltigung und Folter wurde kein Verweilen bei ihrem Leid, keine Empathie zugestanden. Die Trauer blieb aus.

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