Die andere Seite der Wirklichkeit
Georg Lukács’ 1953 erschienene Studie »Die Zerstörung der Vernunft«, über die Theodor W. Adorno bemerkte, sie bezeuge am ehesten die Zerstörung von Lukács’ eigener Vernunft, dient heutzutage verkappten Neostalinisten als höhnisch präsentiertes Negativbeispiel zwecks Profilierung ihres eigenen, vermeintlich differenzierteren Begriffs von Rationalität. Ausgehend von einem Marx missverstehenden marxistischen Verständnis von Hegels Begriff »universaler Vernunft«, diskreditiert Lukács jeglichen Aufschein der Vernunft in ihrem scheinbaren Gegenteil – in der Phantasie, der Intuition, der Idiosynkrasie, im Traum und der ästhetischen Imagination – als irrationalistisch.
Irrationalismus bestimmt er als »Herabsetzung von Verstand und Vernunft«, »Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts« und als »Schaffung von Mythen«. Dass er Verstand und Vernunft ebenso wie Gesellschaft, Geschichte und Fortschritt in einem Atemzug nennt und dem Mythos jegliche Spur von Rationalität abspricht, zeigt die Zwanghaftigkeit an, mit der Lukács, dessen Buch so etwas wie die Grundlegung einer realsozialistischen Ostblock-Philosophie sein sollte, die Erfahrung der Selbstzerstörung der Vernunft zu exorzieren suchte, wie sie der von Adorno und Horkheimer 1944 veröffentlichten »Dialektik der Aufklärung« zugrunde lag.
Sich zu Lukács’ Buch politisch bekennen würden heutzutage vermutlich nur beinharte MLPD-Anhänger. Aber das hemdsärmelige Verständnis von Literatur, das es zum Ausdruck bringt, charakterisiert den sich radikal fühlenden Teil der deutschen Linken, auch in Gestalt ihrer antideutschen Ausläufer, bis heute. Ein Indiz für solche Kontinuität ist die Verwendung der Bezeichnung »Gegenaufklärung« für jegliches Denken, das dem Vernunftfernen, Vorrationalen Geltung einzuräumen versucht.
Noch kein Abonnement?
Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::