Alle happy außer Carol
Der Einzelne, der sich gegen den Rest der Welt zu behaupten versucht – in Vince Gilligans Dramaserie »Breaking Bad« ist es der Chemielehrer Walter White, der nach einer Krebsdiagnose, getrieben von Geld- und Existenzsorgen, zum Drogenkoch wird und immer tiefer in Amoralität versinkt. In seinem einsamen Kampf entfremdet er sich von seiner Familie, deren Wohlergehen sein Handeln ursprünglich motiviert hatte, und von all seinen Werten und Prinzipien.
In Gilligans neuer Serie »Pluribus« ist es Protagonistin Carol Sturka (Rhea Seehorn), die plötzlich ziemlich allein dasteht. Die queere Bestsellerautorin nimmt nach einem netten Abend in einer Bar seltsame Blitze am Nachthimmel wahr, dann kollabiert ihre Freundin. Im Krankenhaus, in das sie rasend vor Angst fährt, benehmen sich Patienten und Ärzte extrem merkwürdig. Damit beginnt für Carol die Konfrontation mit einer Menschheit, die ein zwanghaft glückliches und von menschlicher Individualität befreites Kollektivbewusstsein angenommen hat.
Vor dem Hintergrund einer durch Social Media und Künstliche Intelligenz beherrschten Öffentlichkeit lässt sich »Pluribus« als Parabel auf das angegriffene Individuum der Gegenwart verstehen.
Wie in »Breaking Bad« ist Albuquerque in New Mexiko der Schauplatz des Geschehens. In der Science-Fiction-Serie ist ein außerirdisches Virus auf die Erde gelangt, das von den Infizierten hochgeschätzt und absichtlich weiterverbreitet wird. Erzählt wird also keine mit Splatter- und Schockeffekten durchsetzte Geschichte voller Untoter, es droht auch keine sofortige Dezimierung der Menschheit; diese hat der Erreger vielmehr in ein paradiesisches Kollektiv verwandelt.
Erinnerungen, Erfahrungen, Wahrnehmung und Denken aller Infizierten fügen sich zu einem glücklichen Schwarmbewusstsein. Lediglich Carol – und, wie sie später herausfindet, eine Handvoll weiterer Leute – sind gegen die Zwangsbeglückung immun. Unter ihnen ist Manousos Oviedo (Carlos Manuel Vesga), mit dem sich die Protagonistin verbündet, um die Individualität der Menschen wiederherzustellen.
Die aber haben kein Interesse an ihrer Errettung. Die Infizierten sind nach ihrer mentalen Wandlung happy. Die wie ein einziges Subjekt mit einer Vielzahl an Körpern agierende Menschheit organisiert ihr Zusammenleben effizient, logischen Prinzipien folgend und frei von Leid. »Keiner hat das Sagen. Oder besser, alle haben das Sagen«, antwortet der ehemalige Landwirtschaftssekretär Davis Taffler, wenn die schockierte Carol ihn in der ersten Episode fragt, wer denn nun die Entscheidungen im Schwarm trifft.
Vielschichtige und komplexe Serie
Die erste Staffel lässt darauf schließen, dass Gilligan mit »Pluribus« eine weitere vielschichtige und komplexe Serie begonnen hat. Das Ringen Carols mit den übrigen Immunen um Solidarität im Kampf gegen ein zwangsharmonisierendes und -kollektivierendes Virus sowie mit sich selbst und ihrer eigenen Einsamkeit wirft die Frage nach dem Wert von Subjektivität in der Gegenwart auf.
Vor dem Hintergrund einer durch Social Media und Künstliche Intelligenz beherrschten Öffentlichkeit lässt sich »Pluribus« als Parabel auf das angegriffene Individuum der Gegenwart verstehen, mit Carol als dessen Verteidigerin auf – vorerst – verlorenem Posten: »Denn wenn der Tag kommt, an dem euch Frieden und Liebe aufgezwungen werden, habt ihr vielleicht einen letzten klaren Moment, in dem ihr realisiert, wie wertvoll euch eure Individualität war«, erklärt sie den elf anderen Immunen. Diese spielen längst mit dem Gedanken, sich der wonnigen Weltgemeinschaft anzuschließen.
Golden Globe für Rhea Seehorn
»Pluribus« gibt Rhea Seehorn, die für die Rolle der Carol Sturka bei den diesjährigen Golden Globes die Auszeichnung für »Best Actress – Television Series Drama« erhalten hat, viel Zeit und Raum, um die Verzweiflung und Einsamkeit in einer Welt ohne Subjektivität einfühlsam darzustellen. Bei den Zuschauern kommt das an: Im Dezember 2025 gab Apple bekannt, dass »Pluribus« die meistgeschaute Serie auf der konzerneigenen Streaming-Plattform Apple TV ist.
Trotz der eigenwilligen Erzählstruktur – die Serie lässt sich Zeit, erklärt ihre Welt langsam, kommt in manchen Folgen fast ohne Dialog aus, gibt ihrer Hauptperson Raum für Introspektion – ist »Pluribus« erfolgreich. Das kann man auch auf ein Bedürfnis nach dem Besonderem und Eigenständigem in einer verflachten und gleichartigen Film- und Fernsehlandschaft zurückführen. Wie sich Carol Sturka und Manousos Oviedo in ihrem Kampf gegen die vollständige und bis ins Bewusstsein reichende Vergemeinschaftung schlagen, wird sich in der zweiten Staffel zeigen, die bereits angekündigt ist.