Subversion unter Druck
Rechtspopulismus, Verschwörungstheorien, Konzentrationsschwierigkeiten und auch noch die Erderwärmung – das Internet wird für viele Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht. Von den utopischen Erwartungen, die sich einst an es knüpften, scheint jedenfalls nicht viel übriggeblieben zu sein. War das Internet ein Fehler? Sollte es abgeschaltet werden? Oder ist es noch reformierbar? Markus Liske meint, massenhafter Internetkonsum sei schädlich, aber das Internet leider nicht mehr wegzudenken (»Jungle World« 48/2025). Jan Tölva argumentiert, der Kapitalismus habe das Internet ruiniert (49/2025). Elke Wittich hält dem Internet zugute, die Lebenslügen westlicher Gesellschaften zu zerstören, indem es deren Verrohung offenbart (50/2025). Detlef Kannapin sieht im Internet eine systemstabilisierende Verdoppelung kapitalistischer Trostlosigkeit (3/2026). Tilmann Baumgärtel kritisierte, dass ein gänzlich unkontrolliertes Internet vor allem Rechtsextremen in die Hände spielt (4/2026).
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In der Kaspi-Straße von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, befindet sich ein ungewöhnliches Museum: das Joseph Stalin Underground Printing House. Dessen Attraktion ist eine in einem düsteren und feuchten Kellergewölbe ausgestellte verrostete Druckmaschine. Als hier von 1903 bis 1906 bolschewistische Propaganda in mehreren Sprachen gedruckt wurde, lautete der Kampfname Iosseb Dschughaschwilis, des späteren Stalin, allerdings Koba und er war noch kein Stalinist; zudem hatte der aus der Verbannung geflohene Reisekader den Ort, wenn überhaupt, nur kurzzeitig aufgesucht.
Besichtigt werden kann hier eine Wirkungsstätte revolutionärer Sozialist:innen, die deren wichtigste Waffe zeigt: die Druckmaschine. Seit dem Bauernkrieg Anfang des 16. Jahrhunderts war die schnelle Verbreitung des geschriebenen Worts entscheidend für jeden größeren Aufstand und jede Revolution – die, verstanden als gezielte Veränderung eines politischen und ökonomischen Systems, ohne den Austausch schriftlich fixierter Ideen und Theorien sowie die Debatte darüber gar nicht denkbar ist.
Entsprechend intensiv wurde nach subversiven Druckern und ihren Erzeugnissen gefahndet. Doch bereits im Jahr 1500 wurde in etwa 270 Orten in Europa gedruckt. In den folgenden Jahrhunderten blieb die Repression im Wettlauf mit der Subversion immer weiter zurück. Die Druckmaschine war eine Ware wie jede andere, die auch Bolschewisten kaufen oder zeitweise nutzen konnten – um dann recht schnell nach der Revolution selbst ein Interesse an Zensur zu entwickeln.
Die Datenmonopolisierung würde Diktaturen die Möglichkeit verschaffen, Unbequemes und Subversives einfach verschwinden zu lassen oder durch Manipulation eine neue, nicht widerlegbare »Wirklichkeit« zu schaffen.
In der Sowjetunion sollte es gar nicht so weit kommen, dass etwas Subversives gedruckt werden konnte. Druckmaschinen standen unter staatlicher Kontrolle, doch um ein halbwegs modernes Wirtschaftsleben zu gewährleisten, musste bei der Verbreitung von Schreibmaschinen, Papier und einfachen Vervielfältigungstechniken wie Kohlepapier mehr Spielraum gelassen werden. Das ermöglichte die Verbreitung von Samisdat-Literatur. Sie bereicherte das intellektuelle Leben und war ein geistiger Rettungsanker für viele in der stählernen Zeit, konnte aber der Monopolisierung von Wissen und Kommunikation durch die KPdSU allzu wenig entgegensetzen.
Stalin war ein Pionier des Fake News. In den Moskauer Prozessen (1936–38) ließ er fast die gesamte alte Führungsschicht der Bolschewiki aufgrund erfundener Anklagen (Arbeit für ausländische Geheimdienste und Sabotage) verurteilen. Damit entstand ein neues Problem, denn die Oktoberrevolution war ja den neuen Erkenntnissen zufolge in erheblichem Ausmaß von »tollwütigen Hunden«, so die Diktion der Staatsanwälte, geführt worden. Vor allem Trotzki musste aus dem Bild der Oktoberrevolution entfernt werden. Das war mühselige Handarbeit für Stalins Fälscherwerkstatt, in der Fotos retuschiert wurden. Und die historische Wahrheit blieb auf Fotos sichtbar, die außerhalb der Reichweite Stalins archiviert waren.
»Bearbeite Fotos und entferne unerwünschte Personen oder Objekte mit einem einfachen Prompt«, bietet Chat GPT nun an. Stalin wäre begeistert gewesen. Zweifellos hätte er auch die Möglichkeit digitaler Fälschung zu schätzen gewusst, insbesondere in Kombination mit Künstlicher Intelligenz (KI).
Für Winston Smith, George Orwells Hauptcharakter in »1984«, ist die Korrektur der Wirklichkeit im Wahrheitsministerium ebenfalls noch mühselige Handarbeit; die überholten Originaldokumente verschwinden in »memory holes«. Die Digitalisierung macht das überflüssig, denn es existiert nach der Korrektur nur noch die aktualisierte Datei. Ist sie ausschließlich auf Serverfarmen gespeichert, die unter der Kontrolle eines »Großen Bruders«, ob IT-Oligarch oder Diktator, stehen, existiert die Wahrheit nur noch in der Erinnerung von Menschen, die sie kennen – spätestens nach einem Menschenalter ist sie allenfalls noch ein nicht mehr belegbares Gerücht.
Das Ende der Geschichte und der Beginn des Internets
Zweifellos bedarf die Menschheit einer Technologie zur schnellen globalen Kommunikation. Ein »Weltnetz« haben die – widerwillig geduldeten, intensiv zensierten und wegen der zu geringen genehmigten Auflagen auch als Samisdat-Literatur verbreiteten – sowjetischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugatzki bereits Anfang der sechziger Jahre erfunden. Verwirklicht wurde es dann im Kapitalismus zu eben jener Zeit, als man mit dem US-Politologen Francis Fukuyama glaubte oder glauben wollte, nun sei der »Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit« erreicht und die »weltweite Verbreitung der westlichen liberalen Demokratie als endgültige Form menschlicher Regierung« nur noch eine Frage der Zeit.
Tatsächlich sahen die Dinge noch anders aus, als das Modem knarzte und fiepte, bevor es einen ins Internet beförderte. Es war auch damals bestenfalls naiv, die neue Technologie per se als Instrument der Befreiung zu betrachten, doch die Vorteile waren offensichtlich: schneller Zugang zu Informationen aus aller Welt und globale Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit zu einem akzeptablen Pauschalpreis. Man musste noch nicht mindestens zwei Pop-ups wegklicken, um mit etwas Glück zwischen den Reklamebannern und -filmchen so etwas wie einen Text erkennen zu können.
Nicht alles, was danach kam, war schlecht. Die Verfügbarkeit von cat content, Streaming oder was auch immer dem persönlichen Geschmack entspricht, kann durchaus als Fortschritt betrachtet werden. Doch jenseits der am meisten diskutierten Kollateralschäden sozialer Medien wie Verbreitung von rechtsextremer Propaganda und brain rot haben sich weitere Veränderungen vollzogen, die im Kontext der Monopolisierung des Internet durch IT-Oligarchen und Diktatoren ebenso gefährlich sind.
Kapitalistisch war das Internet immer
Kapitalistisch war das Internet immer, dass es sich rasch kommerzialisieren werde, vorhersehbar. Doch kam es in einem ungünstigen Moment über die Menschheit. Während etwa die USA durch die Anti-Trust-Gesetzgebung vor allem der zehner Jahre des 20.Jahrhunderts der damaligen Monopolisierung entgegenwirkten, hatte die – von Fukuyama und seinen Jünger:innen nicht als solche eingestufte – Ideologie des Wirtschaftsliberalismus so allgemeine Gültigkeit, dass keine Regierung sich der neuen Monopolpolbildung in den Weg stellte.
Erstmals sind diese Monopole fast global, nur China bildet einen eigenständigen Markt, Russland nur teilweise. Um die Kontrolle über das Internet ringt also die staatskapitalistische Diktatur der KPCh mit den IT-Oligarchen der USA, die entweder US-Präsident Donald Trump unterstützen oder sich ihm fügen. Setzt Trump sich durch, wird das den US-Kapitalismus verändern. Der US-Präsident beansprucht auch, das Geschäftsleben zu lenken, wie bei der »Amerikanisierung« von Tiktok. Kaum hatten Trumps Kumpel die Kontrolle über das chinesische Unternehmen übernommen, häuften sich Zensur- und Manipulationsvorwürfe; unter anderem soll es unmöglich gewesen sein, das Wort »Epstein« zu posten.
Auf globaler Ebene könnte dem allenfalls die EU entgegenwirken, die sich allerdings selbst lähmt, weil sie eisern an marktwirtschaftlichen Dogmen festhält. Denn die Förderung von europäischen Privatunternehmen dürfte nicht genügen, um sich von der kaum noch schlagbaren Kapitalmacht der US-Konzerne zu lösen – und selbst wenn, hätte man es ebenfalls mit einer oligarchischen Machtkonzentration zu tun. Eine öffentlich-rechtliche Organisationsform für soziale Medien steht nicht zu Debatte, doch wäre dies die einzige Möglichkeit, so etwas wie demokratische Kontrolle der Plattformen zu gewährleisten.
Öffentlich-rechtliche Organisationsform für soziale Medien und Datenspeicherung
Sinnvoll wäre dies auch im häufig unterschätzten Bereich der Datenspeicherung. Denn die Daten schweben ja nicht wirklich in einer Cloud, sie befinden sich überwiegend auf den Serverfarmen von US-Konzernen. Amazon, Microsoft und Google haben gemeinsam einen Marktanteil von knapp zwei Drittel.
Streaming ist bequem und spart Geld, doch anders als im analogen Zeitalter erwerben die Kund:innen kein Produkt, mit dem sie nach Belieben verfahren können, sondern Nutzungsrechte. Ob und zu welchen Bedingungen das genutzte Kulturgut weiter erhältlich sein wird, liegt in der Hand der Konzerne. Noch stehen kommerzielle Interessen im Vordergrund, daher dürfte Bruce Springsteens »Streets of Minneapolis« weiter verfügbar bleiben, so sehr das Trump ärgern mag.
Bereits angewendet wird die Marginalisierung von Unerwünschtem durch Algorithmenmanipulation. Weitere Optionen bietet die KI. So veröffentlichte das Weiße Haus am 22. Januar ein mit KI gefälschtes Foto der Festnahme Nekima Levy Armstrongs, auf dem die Bürgerrechtlerin, anders als auf dem Original, weint.
Samisdat 2.0 als Plan B
Noch kann man die Manipulation erkennen, weil ein Original verfügbar ist, und US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. muss sich damit begnügen, die Aktualisierung der behördlichen Datenbanken für Informationen über Verbreitung von ansteckenden Krankheiten und Impfstoffe zu verhindern. Die Datenmonopolisierung würde Diktaturen die Möglichkeit verschaffen, Unbequemes und Subversives – ob Protestsong oder Gesundheitsstatistiken – einfach verschwinden zu lassen oder durch Manipulation eine neue, nicht widerlegbare »Wirklichkeit« zu schaffen.
Flugblatt im Bauernkrieg, Zeitung in der Französischen Revolution, soziale Medien in den arabischen und iranischen Aufständen – Revolution und Subversion sollten sich der modernsten verfügbaren Technologien bedienen. Allerdings wird man sich wegen der historisch beispiellosen und in Zukunft wohl wachsenden Kontrolle der Klassen- und Demokratiefeinde über Kommunikation und Wissen wohl auch auf Samisdat 2.0 als Plan B einstellen, wahrscheinlich analoges und digitales subversives Können kombinieren müssen.
Wer sich als Revolutionprepper:in jetzt schnell noch eine kleine Druckmaschine in den Keller stellen möchte, sollte jedenfalls bedenken, dass auch der Stromzähler, der »Smart Meter«, digital ausgelesen wird und deshalb manipuliert werden muss. Andernfalls kann der verdächtig erhöhte Stromverbrauch leicht auffallen und die Geheimpolizei wäre viel schneller da als damals in der Untergrunddruckerei von Tiflis.