Machtspiele im Frauenfußball
Der professionelle Frauenfußball tritt hierzulande seit Jahren sozusagen auf der Stelle. Die Hoffnung auf eine rasante Entwicklung des neuen Unterhaltungssegmentes im Bereich Fußball hat sich bisher nicht erfüllt. Zwar wurden in der Saison 2023/2024 Rekorde bei der Reichweite sowie den Zuschauerzahlen erzielt, aber seitdem stagnieren die Zahlen oder sind teilweise sogar rückläufig. Finanziell trägt sich der professionelle Sportbetrieb ebenfalls nicht.
Ein Gradmesser, wie erfolgreich der Frauenfußball in Deutschland ist, sind die Zuschauerzahlen der 14 Bundesligisten. Anfang Januar vermeldete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in einer Presseerklärung, dass die laufende Saison »nicht nur wegen der Aufstockung auf 14 Teams eine historische Spielzeit werden« könnte. So zeichne sich nach 14 von insgesamt 26 Spieltagen dem Sportverband zufolge »eine neue Bestmarke bei den Zuschauer:innenzahlen ab«. Die Liga liege »klar auf Rekordkurs«.
Während der süddeutsche Branchenprimus FC Bayern München in dieser Saison durchschnittlich 9.300 Besucher pro Heimspiel verzeichnen kann, finden sich im thüringischen Jena nur 976 Fans regelmäßig im Stadion ein.
Auf der Strecke bleiben werden jene Vereine, die einst den Frauenfußball in Deutschland etabliert haben.
Die genauere Betrachtung der Zahlen konterkariert jedoch den offiziellen Optimismus des Verbands. So verzeichnete der Sportclub aus Freiburg in den vergangenen drei Jahren einen Rückgang der Zuschauerzahlen. In der Saison 2023/2024 kamen rund 3.500 Fans pro Spiel ins Dreisamstadion, in der Spielzeit darauf waren es nur noch knapp 3.000. Auch in der laufenden Saison hat sich die Zuschauerzahl in diesem Bereich eingependelt. Die badische Universitätsstadt galt eigentlich als idealer Standort für einen Frauenbundesligisten. Der Verein ist in der Region fest verankert, kann auf eine große Fanbasis zurückgreifen und spricht mit seinem Marketing explizit Studierende an.
In der Universitätsstadt Jena scheint das Zuschauerinteresse in dieser Saison ebenfalls rückläufig. Nach dem Aufstieg in die Bundesliga in der vergangenen Saison verfolgten noch über 1.000 Personen die Heimspiele der Frauen des FC Carl Zeiss.
Ein Aufsteiger, der Hamburger Sport-Vereins (HSV), hilft derzeit, die Zuschauerzahlen des Verbands zu stabilisieren. Mit insgesamt 6.000 Zuschauern pro Spiel hat sich der HSV umgehend auf Platz 4 der Zuschauerrangliste katapultiert.
Spitzen der medialen Aufmerksamkeit
Hier befinden sich die Hamburger in bester Gesellschaft mit den anderen norddeutschen Clubs: Werder Bremen und der VfL Wolfsburg rangieren mit rund 6.500 beziehungsweise 4.500 Zuschauern auf Platz drei und fünf der Zuschauertabelle. Im Tabellenkeller findet sich neben den auch im Männerfußball üblichen Verdächtigen wie Bayer Leverkusen und 1899 Hoffenheim auch die Frauen des 1. FC Köln wieder. Mit rund 1.800 Zuschauern bleibt der populäre Traditionsverein weit hinter den Erwartungen zurück. In den beiden Serien zuvor zog man noch knapp 5.000 Zuschauer zu den Spielen.
Als Auslöser des wachsenden Interesses am professionellen Frauenfußball in Deutschland gelten die begeisternde Europameisterschaft 2022 in England (die die Gastgeberinnen im Finale gegen Deutschland gewannen) sowie die anhaltenden Erfolge der deutschen Nationalmannschaft, die derzeit Platz drei der Weltrangliste belegt.
Solche Spitzen der medialen Aufmerksamkeit wie 2022 wirken aber nicht immer langfristig. Die Europameisterschaft 2025 in der Schweiz brachte jedenfalls keine weitere Steigerung des öffentlichen Interesses.
Eigener Ligaverband ohne Beteiligung des DFB
Unter anderem deshalb gründeten die 14 Bundesligisten im Dezember einen eigenen Ligaverband ohne Beteiligung des DFB. Die Kritik am Sportverband betrifft vor allem mangelndes Marketing und fehlende finanzielle Förderung. Treibende Kräfte dieser Entwicklung sind der Vorstandssprecher der Eintracht Frankfurt Fußball AG, Axel Hellmann, und der Vorstandvorsitzende des FC Bayern München, Jan-Christian Dreesen. Die beiden Funktionäre von als Aktiengesellschaften organisierten Proficlubs wollen dem demokratisch legitimierten Sportverband die Macht über die Ligastrukturen entreißen.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur geht es in dem Streit konkret um die Frage, ob dem DFB überhaupt noch Mitspracherechte einzuräumen seien. Die Vertreter der Vereine argumentieren so: Wenn sie schon die konkreten Maßnahmen an Ort und Stelle finanzieren, müssten ihre Entscheidungsbefugnisse auch entsprechend größer sein.
»Wenn die Vereine so viel investieren, dann ist es auch klar, dass sie am Ende die Stimmenmehrheit haben sollten. Das ist einer der ausschlaggebenden Punkte in den Verhandlungen mit dem DFB«, sagt auch Jennifer Zietz, die Geschäftsführerin des Frauenbundesliga-Aufsteigers Union Berlin. Der DFB dagegen vertritt die Meinung, dass ohne ein Mitbestimmungsrecht des DFB die vom neuen Ligaverband geschaffenen Grundlagen nicht dauerhaft stabil sein könnten. Dazu gehöre auch das Gehalt der Spielerinnen. Käme es zu einem Joint Venture zwischen Fußball-Verband und Proficlubs, würde ein Grundgehalt von mindestens 3.000 Euro (brutto) pro Spielerin als neu zu erfüllende Richtlinie des Bundesliga-Lizenzierungsverfahrens eingeführt werden. Dies sei aus Sicht des Sportverbands »ein entscheidender Schritt hin zum Berufsbild Profifußballerin«.
Ziel des DFB ist ein Joint Venture mit dem Ligaverband, die Frauen-Bundesliga GmbH. Die Vereine aber müssten die finanzielle Grundlage für eine umfassende Professionalisierung schaffen. Dies bedeutet nicht nur, Vollzeitstellen für Co- und Torwarttrainer sowie Spielanalysten und Sportpsychologen einzurichten, sondern auch die Betreuung durch Ärztinnen und Physiotherapeuten auszubauen. Jeder Bundesligist müsste dann jeweils einen Sportlichen Leiter, einen Teammanager, Social-Media-Manager und so genannte Fan-Gewinnungs-Manager in Vollzeit anstellen.
Sportlicher Leiter, Teammanager, Social-Media-Manager und Fan-Gewinnungs-Manager
Auch die Anforderungen an die Stadien würden steigen. Ein frauenbundesligataugliches Stadion müsste statt wie bisher mindestens 2.000 über 5.000 Plätze bieten. Hinzu kämen Drainage und Rasenheizung, selbstverständlich alles möglichst klimafreundlich. Angesichts dieser Vorgaben entsteht der Eindruck, dass die etablierten Bundesligisten aus dem Männerbereich schlussendlich die Frauen-Bundesliga übernehmen. Urgesteine des professionellen Frauenfußballs wie Turbine Potsdam, USV Jena oder die SGS Essen dürften allzu große Schwierigkeiten haben, derartige Infrastrukturmaßnahmen komplett eigenständig zu finanzieren, während die Frauenabteilungen der Männerbundesligisten mit einer Quersubventionierung rechnen können.
Hinzu kommt, dass die Bundesligisten von der kommenden Saison an sogenannte DFB-Talentförderzentren für ihre Nachwuchsteams einführen müssen; zur Spielzeit 2027/2028 dann sogar Leistungszentren mit strengeren Vorgaben für Personal oder Infrastruktur. Finanziell tragbar sind solche Investitionen eigentlich nur für jene Vereine, die dank ihrer Männerabteilung über größere finanzielle Möglichkeiten verfügen.
Auf der Strecke bleiben werden dagegen jene Vereine, die einst den Frauenfußball in Deutschland etabliert haben. Ob diese Maßnahmen dem Frauenfußball letztlich mehr Attraktivität verleihen, ist ungewiss. Klar ist aber, dass die geplanten Strukturveränderungen den etablierten Männervereinen vollends in die Karten spielen.