Jungle+ Artikel 05.02.2026
Die extreme Rechte profitiert von der Beliebtheit des Neuheidentums in Russland

Mit Runen in den Krieg

Seit den neunziger Jahren erfreut sich das Neuheidentum im post­sowjetischen Raum wachsender Beliebtheit. Davon profitiert die russische extreme Rechte.

Natalja Poklonskaja war einst das Postergirl des »russischen Frühlings«, wie die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im März 2014 von russischer Seite genannt wird. Gleich nach der russischen Machtübernahme wurde sie zur Generalstaatsanwältin der besetzten Halbinsel ernannt, 2016 wurde sie Abgeordnete in der Staatsduma, dem Unterhaus des russischen Parlaments. Bekanntheit erlangte sie durch die Darstellung ihrer Person als Manga-Figur: Die blonde, hübsche Frau mit großen Augen wurde zu einem regelrechten Internetphänomen.

Dem Kreml konnte das nur recht sein: Als Vertreterin konservativer Werte war Poklonskaja eine Vorzeigepolitikerin. Ihr Büro war von Ikonen geschmückt und 2017 zettelte sie eine Kampagne gegen den Film »Matilda« des Regisseur Aleksej Utschitel mit Lars Eidinger in der Rolle als Zar Nikolaus II an. Poklonskaja betonte, dass der Zar »ein Heiliger, ein Märtyrer« gewesen sei, und kritisierte die Darstellung Russlands im Film als »ein Land des Galgens, der Trunkenheit und der Unzucht«.

Doch die einstige Galionsfigur der russischen Besatzung der Krim fiel immer öfter mit öffentlichen Äußerungen auf, die nicht der staatlich ver­ordneten Linie entsprachen. So kritisierte die seit Juni 2022 als Beraterin des russischen Generalstaatsanwalts tätige Poklonskaja den russischen Kriegskult. Und auch in religiöser Hinsicht gab es einen fundamentalen Wandel in ihrem Leben. Seit Herbst 2024 mehren sich die Indizien, dass sie von einer strenggläubigen russisch-­orthodoxen Christin zur Heidin geworden ist. Ihren Vornamen hat sie in­zwischen zu Radweda geändert, und auf ihrem Telegram-Kanal postet sie Aufnahmen von sich, die eine neuheidnische Ästhetik zeigen; beispielsweise posiert sie in langem weißen ­Gewand vor einem Lagerfeuer.

Besonders die Neue Rechte verleibte sich einiges aus dem Neuheidentum ein, allen voran Symbolik und chauvinistische Konzepte.

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