Die »Ice Barbie« verliert ihre Fans
Seit Kristi Noem 2018 als erste Gouverneurin von South Dakota gewählt worden war, produzierte sie in einem fort Schlagzeilen mit nicht von Fakten gedeckten Behauptungen. Und sie schürte Hass, mit welchen Mitteln auch immer. So hatte Noem am 17. Mai 2024 auf einer Pressekonferenz das Foto eines Angehörigen der Oglala Sioux als Beleg für ihre nicht verifizierte These benutzt, mexikanische Kartelle nutzten gezielt Reservate der US-amerikanischen Ureinwohner für Drogen- und Menschenschmuggel.
Das Bild sollte Noem zufolge einen gefährlichen mexikanischen Gangster zeigen, der sich im Reservat Pine Ridge verstecke. Tatsächlich zeigte es den vor einem Supermarkt in Rapid City auf seinem Motorrad sitzenden 32jährigen Charles Cain M., der später angab, schon seit Jahren nicht mehr im Reservat gewesen zu sein und nichts mit Drogenkartellen zu zu tun zu haben.
Zum Zeitpunkt von Noems Pressekonferenz war M. tatsächlich wegen des illegalen Vertriebs von Methamphetamin angeklagt, allerdings handelte es sich lediglich um 50 Gramm. Die Auswirkungen auf seinen Prozess waren gewaltig, wie er dem South Dakota Searchlight später schilderte.
Er habe keine Chance mehr auf ein faires Verfahren gehabt, dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Ausschluss bestimmter Beweismittel der Verteidigung sei zudem stattgegeben worden, so dass sein Anwalt die Geschworenen nicht dazu habe befragen dürfen, ob sie das Foto gesehen hatten. »Ich konnte nicht gewinnen«, sagte Charles Cain M., der schließlich eine geringe Haftstrafe akzeptierte und sich im Gegenzug schuldig bekannte.
Während der Covid-19-Pandemie drohte Noem, ihres Zeichens entschiedene Gegnerin von Schutzmaßnahmen und Einschränkungen, zwei Sioux-Stämmen mit Gerichtsverfahren, weil diese aus Sorge um die Gesundheit ihrer Mitglieder Kontrollpunkte um ihre Reservate errichtet hatten, was die Gouverneurin als illegal bezeichnete.
Kristi Noem verhielt sich in dieser Zeit wie auch andere sich im postfaktischen Zeitalter wähnende Politiker und Politikerinnen: Sie ging weder auf Vorwürfe ein, bewusst gelogen zu haben, noch gestand sie ihre Falschbehauptungen, wohl wissend, dass ihre Anhänger dem keine Bedeutung zumessen. Ohnehin dürfte ihre Gegner die Hetze gegen Ureinwohner nicht überrascht haben: Noem war im Februar 2024 offiziell das Betreten der Oglala-Sioux-Reservate verboten worden, bis Ende Mai desselben Jahres hatten alle neun in South Dakota ansässigen Stämme sich dem Verbot angeschlossen. Damit waren elf Prozent des Bundesstaatsgebiets für die Gouverneurin off limits – ein einmaliger Vorgang, allerdings mit langem Vorlauf.
Bereits 2019 hatte sich Noem den Ärger der Stämme zugezogen, als sie ein umstrittenes Gesetz gegen sogenannten Aufruhr unterschrieb, das de facto dazu diente, unter anderem die Proteste von Indigenen gegen den Bau einer Ölpipeline auf ihrem Gebiet zu verhindern und zu kriminalisieren. Während der Covid-19-Pandemie drohte Noem, ihres Zeichens entschiedene Gegnerin von Schutzmaßnahmen und Einschränkungen, zwei Sioux-Stämmen mit Gerichtsverfahren, weil diese aus Sorge um die Gesundheit ihrer Mitglieder Kontrollpunkte um ihre Reservate errichtet hatten, was die Gouverneurin als illegal bezeichnete.
Ein Jahr später begann Noem eine großes Aufsehen erregende Kampagne gegen illegale Einwanderung in ihrem Bundesstaat, in deren Verlauf sie Nationalgardisten nach Texas zur Unterstützung der dortigen Grenzpatrouillen schickte. Dieser Einsatz wurde durch die Spende eines Milliardärs aus Tennessee ermöglicht, was US-Präsident Donald J. Trump, ohnehin praktizierender Anhänger von privat finanzierter plakativer Politik, sehr gefallen haben dürfte.
2024 war es dann zum großen Bruch mit den Stämmen gekommen, nachdem Noem im Parlament eine demagogische Rede gehalten hatte, in der sie unter anderem sagte, die Außengrenzen der USA seien durch die Regierung Biden zum »Kriegsgebiet« geworden und außerdem sei jeder Bundesstaat mittlerweile Grenzgebiet. Dazu griff sie vor allem die Sioux frontal an, indem sie behauptete, dass diese Kartelle von ihrem Gebiet aus ungestört operieren und morden ließen.
Einen Beweis dafür blieb sie auch damals schuldig, vielmehr behauptete sie, dass eine Motorradgang namens »Ghost Dancers« mit der organisierten Kriminalität kooperiere. Eine Internetrecherche ergab jedoch keine Hinweise auf einen Motorradclub mit diesem Namen in South Dakota, allenfalls gibt es einen bislang völlig unauffälligen Club dieses Namens in Florida.
2024 war gleichwohl das Jahr, in dem für Kristi Noem politisch alles möglich zu sein schien. Einige Monate lang wurde sie sogar als aussichtsreiche Kandidatin für die Vizepräsidentschaft gehandelt. Dass sie nicht an der Seite von Trump ins Weiße Haus einzog, liegt vor allem an ihrem Buch »No Going Back: The Truth on What’s Wrong with Politics and How We Move America Forward«, das eigentlich dazu gedacht war, ihr politisches Profil weiter zu schärfen. In diesem Werk, vom Guardian vorab gelesen und als typische Mischung »aus Autobiographie, politischen Programmen und aggressiver Polemik gegen Demokraten und andere Feinde« beschrieben, war auch die kurze Lebensgeschichte einer Drahthaar-Pointer-Hündin namens Pointer enthalten.
Toter Hund, tote Ziege ...
Kristi Noems Schilderung, wie sie das 14 Monate alte Tier nach einem misslungenem Jagdtraining zu einer Kiesgrube führte und es dort erschoss, führte zu einem formidablen Shitstorm – selbst unter Trump-Fans, die nicht einsehen wollten, dass ein Jagdhund, der voller Freude auf Vögel und Hühner losgeht und sie zu töten versucht, auf einer Ranch womöglich fehl am Platz ist. Allerdings, so argumentierten konservative Hundefreunde, hätte das Tier durchaus umerzogen und anschließend an geeignete Halter verschenkt werden können.
Doch so kam es nicht, zudem sollte die Hündin am Tag, an dem sie erschossen wurde, nicht das einzige Opfer Noems bleiben. Sie entschloss sich nämlich, auch noch den als bösartig und stinkend charakterisierten unkastrierten Ziegenbock der Familie zu erledigen. Der erwies sich allerdings als renitent und so musste er nach dem ersten Schuss blutend in der Mördergrube liegenbleiben, bis die Gouverneurin eine weitere Patrone geholt hatte.
Von der Kritik blieb Noem jedoch unbeeindruckt, obwohl sich auch republikanische Politiker, wenngleich eher subtil, daran beteiligten. So postete Ron DeSantis einen Aufruf, Hunde aus Tierheimen zu adoptieren, und Kari Lake gratulierte ihrem eigenen Hund mit einem Bildchen zum Geburtstag. In der Washington Post erschien dagegen ein satirischer Solidaritätsbrief der Comicfigur Cruella de Vil, der fürchterlichen Hundehasserin aus Disneys Zeichentrickfilm »101 Dalmatiner«. Und Trump sagte auf einer Fundraising-Veranstaltung: »Was für eine Woche, der Hund, der Hund«, bevor er Noem dann doch als »loyale, großartige Person« bezeichnete.
... und drei tote Pferde
Doch die Politikerin provozierte weiter, auf Twitter postete sie damals einen Screenshot der Guardian-Rezension und fügte hinzu, dass sie erst vor kurzem drei Pferde habe einschläfern lassen, die seit 25 Jahren im Familienbesitz gewesen seien. Harte Entscheidungen, so erklärte sie, gehörten auf Farmen eben dazu. Und etwas später sagte sie, dass Joe Bidens Hund Commander, der mehrfach Secret-Service-Agenten gebissen hatte und danach aus dem Weißen Haus verbannt worden war, ebenfalls erschossen gehöre.
Die ersehnte Kandidatur als Vizepräsidentin hatte sich nach dem Pointer-Skandal allerdings erledigt. Was Noem eigentlich nicht sehr hätte überraschen dürfen, denn in ihrem Buch hatte sie geschrieben, dass sie das Ganze wohl verschwiegen hätte, wenn sie »eine bessere Politikerin« wäre.
Wachsende Kritik am Vorgehen von ICE
Dass Trump sie am 12. November 2024 zur Leiterin des Ministeriums für Homeland Security berief, kam durchaus überraschend. Nicht zuletzt bei der indigenen Bevölkerung, die sich noch gut an die von Noem verbreitete Hetze erinnerte, stieß das auf wenig Zustimmung.
Für ihre Gegner war es dann keine Überraschung mehr, dass Kristi Noem gleich zu Beginn ihrer neuen Karrierephase mit populistischen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen versuchte. Drei Tage nach ihrer Amtseinführung im Januar 2025 war sie persönlich bei einer Jagd auf illegale Migranten in New York anwesend, ihre Vorliebe für Fotos mit Agenten brachte ihr dabei rasch den Spitznamen »Ice Barbie« ein. Kurz darauf beendete sie den garantierten Schutzstatus für 600.000 vor Maduros Diktatur geflohene Venezolaner.
Auch die wachsende Kritik am Vorgehen von ICE sowie an willkürlichen Deportationen von legal eingereisten Ausländern wie dem mit dem Verwundetenabzeichen der US-Streitkräfte, dem Purple Heart, ausgezeichneten Veteranen Sae Joon Park versuchte sie, in bewährter Weise auszusitzen. Oder mit glatten Lügen zu kontern wie der, dass die im Januar in Minneapolis erschossene Renée Nicole Good eine Terroristin gewesen und der ebenfalls dort getötete Alex Pretti zur Demonstration gegangen sei, um »größtmöglichen Schaden an Menschen anzurichten und Einsatzkräfte zu töten«.
Seither hüllt sie sich übrigens auf X und bei anderen sozialen Medien in Schweigen, was vielleicht auch daran liegt, dass ihr Rückhalt beim Präsidenten geschwunden ist. Erste Abgeordnete dachten bereits laut darüber nach, ein Amtsenthebungsverfahren gegen sie anzustrengen. Zuvor wird sie allerdings am 4. März vor dem House Judiciary Committee aussagen müssen, Thema werden die Übergriffe von ICE sein. Ob Trump sie bis dahin im Amt belassen wird, ist ungewiss.