12.02.2026
Attacke des »Islamischen Staats im Sahel« auf den Flughafen von Niamey

Propagandacoup für den IS

Der »Islamische Staat im Sahel« hat den hauptstädtischen Flughafen in Niger attackiert. Die Militärjunta des Landes beschuldigt fälschlich Frankreich, Benin und die Côte d’Ivoire.

Das geht entschieden gegen die Terroristenehre: Da verübt man einen bewaffneten Angriff spektakulärer Art, und dann werden andere beschuldigt. Eilig muss man Bekennerkommuniqués oder Videobeweise nachreichen, um die eigene blutrünstige Organisation in den Vordergrund zu rücken.

So erging es jüngst der Terrormiliz »Islamischer Staat im Sahel«. In der Nacht vom 28. zum 29. Januar gegen Mitternacht begann die jihadistische Gruppierung einen aufsehenerregenden Angriff auf den Aéroport Diori Hamani, den Flughafen von Niamey, der Hauptstadt der Republik Niger. Die Feuergefechte dauerten rund eine Stunde, meterhohe Flammen waren zu sehen. Ankommende Flugzeuge aus Belgien sowie Algerien wurden auf die Flughäfen von Ouagadougou in Burkina Faso sowie Lagos in Nigeria umgeleitet.

Eine bedeutende Uranfracht lagert auf dem Flughafengelände, um nach Russland geliefert zu werden; dies machte die Kampfhandlungen dort besonders brisant.

Der nigrische Übergangspräsident General Abdourahamane Tchiani, der sich im Juli 2023 an die Macht geputscht hatte, beschuldigte alsbald Staaten, gegen die seine Außenpolitik gerichtet ist: »Emmanuel Macron, (Patrice) Talon und Alassane Ouattara« seien »die Sponsoren dieser Söldner«, die das angerichtet hätten, lautete sein Vorwurf an die Adresse der Staatspräsidenten Frankreichs, des Nachbarlands Benin und der westafrikanischen Regionalmacht Côte d’Ivoire – die beiden Letzteren stellen in seinen Augen Lakaien des Erstgenannten und des französischen Neokolonialismus in der Region dar. Verteidigungsminister Salifou Modi behauptete im staatlichen Sender Télé Sahel, 20 Angreifer seien getötet und elf festgenommen worden. Unter den Getöteten befinde sich auch »ein französischer Staatsbürger«. Bestätigt scheint lediglich eine Festnahme.

Nichts deutet jedoch darauf hin, dass Tchiani mit seinem außenpolitisch motivierten Vorwurf tatsächlich die Verantwortlichen für die Attacke, die für nigrische Verhältnisse eine neue Qualität hat, benannt hat. Das im Nachbarland Burkina Faso – das mit der Republik Niger sowie Mali seit 2023 die Allianz der Staaten des Sahel (AES) bildet – basierte Webmedium A quand l’Afrique vom 29. Januar beschuldigt gleichfalls Talon und Ouattara, doch auch hier scheinen die Vorwürfe aus der Luft gegriffen. Die Website behauptete wenige Stunden nach der Attacke, am Tag zuvor habe sich Benins Präsident Talon »von 22 Uhr bis drei Uhr früh« bei seinem Amtskollegen Ouattara aufgehalten. Am Abend darauf sei der Angriff erfolgt, was den nächtlichen Besuch besonders verdächtig erscheinen lasse. Als Beleg wird ein Foto präsentiert, das die beiden Staatsoberhäupter zusammen gegen ein Uhr früh zeigen soll. Eine Recherche der Nachrichten-Website Africa Check hat allerdings ergeben, dass die Aufnahme von einem offiziellen Staatsbesuch Talons bei Ouattara im Juni 2025 stammt.

Die Regierungen Benins und der Côte d’Ivoire dementierten »entschlossen« die Vorwürfe und Gerüchte. In der Côte d’Ivoire wurde am 30. Januar der nigrische Botschafter einbestellt, die Exekutive verlangte offiziell »Beweise«. Bereits am Vortag hatte die Regierung Benins von »wenig glaubhaften« Anschuldigungen gesprochen.
Eine andere äußere Macht hingegen bedachte Juntachef Tchiani mit freundlichen Worten: Er bedankte sich ausdrücklich bei Russland für die Hilfe bei der Abwehr der Attacke auf den Flughafen und fügte hinzu, auch das Afrikakorps – der Nachfolger der Söldnertruppe Wagner – sei daran beteiligt gewesen.

Die Militärjuntas der AES und die jihadistische Gewalt

Die Episode verdeutlicht nicht nur das Ausmaß der russischen Präsenz in Niamey, sondern auch, dass sie – anders als die Militärjuntas der AES es ihren Bevölkerungen versprachen – die jihadistische Gewalt bisher nicht beenden oder bewältigen kann.

Im Zusammenhang mit den nächtlichen Kämpfen am Flughafen wurde in der Öffentlichkeit deutlich, welche militärischen Kräfte dort stationiert sind. Dabei geht es vor allem um die besonders gesicherte »Militärbasis 101«, eine früher von der französischen Armee genutzte Luftwaffenbasis.

Frankreich musste jedoch nach dem Putsch 2023 aus der Republik Niger abziehen. Zunächst verblieben dort noch US-amerikanische Soldaten, doch die USA brachen 2024 ihre Militärmission in Niger wegen einer Verschlechterung der Beziehungen sowie der Annäherung der Militärjunta an Russland ab.

Munitionslager in Flammen

Derzeit halten sich dort 300 italienische Soldaten auf – der Verteidigungsminister des Landes, Guido Crosetto, betonte nach dem Angriff, Angehörige der Militärmission Italiens seien weder an Kampfhandlungen beteiligt gewesen noch verletzt worden –, ebenso solche aus nigrischen Eliteeinheiten sowie Russen. Ferner wurde bekannt, eine bedeutende Uranfracht werde auf dem Flughafengelände gelagert, um nach Russland geliefert zu werden; dies macht die Kampfhandlungen dort besonders brisant.

Am 2. Februar veröffentlichte indes der IS im Sahel ein Bekennervideo, das aus Sicht von Teilnehmern des Angriffs gefilmt worden war und das Logo des IS-Propagandakanals Amaq trägt. Es zeigt unter anderem, wie Flugzeuge der Luftfahrtgesellschaften Asky und Air Côte d’Ivoire beschädigt werden sowie ein Munitionslager in Flammen aufgeht.

An der Urheberschaft des IS dürften kaum ernsthafte Zweifel bestehen. Im Unterschied zu den Nachbarländern Mali und Burkina Faso, in denen der al-Qaida-Ableger »Gruppe zur Verteidigung des Islam und der Muslime« (GSIM) unter den jihadistischen Organisationen dominiert, hat in der Republik Niger der IS im Sahel die Nase vorn, auch wenn die GSIM jüngst eine Autobombe in Niamey explodieren ließ. Dem IS ist ein Propagandacoup gelungen.