Jungle+ Artikel 19.02.2026
Die Berlinale-Retrospektive widmet sich den einflussreichen Neunzigern

Vorbei ist nicht vorbei

Die Retrospektive »Lost in the 90s« der 76. Berlinale erkundet die jüngere filmische Vergangenheit in drei Kapiteln. »Berlin«, »East Meets West« und »The End of History« richten den Blick auf Um- und Aufbrüche im Nachwende-Deutschland, in Osteuropa und in den USA.

Sechs Jahre lang war Conny Reus Staatsbürgerkundelehrerin am Gymnasium im thüringischen Wasungen, dann wurde sie Gesellschaftskundelehrerin. Dass plötzlich nicht mehr gelte, was sie jahrelang »verkündet« und »ehrlichen Herzens« geglaubt habe, macht ihr zu schaffen, und mehr noch, dass sie ihre Schüler enttäuscht habe. In der Dokumentation »Im Glanze dieses Glückes« (1990) sucht sie nach Worten, um zu beschreiben, was die »Wende« für sie persönlich bedeutet, im Unterschied zu anderen Befragten flüchtet sie sich dabei nicht in eine formelhafte Sprache. Von den Lehrenden an der Schule ist sie die Einzige, die sich bei ihren Schüler:innen entschuldigt hat.

In den Monaten Februar und März 1990, das heißt vor und nach der ersten und einzigen freien Wahl zur Volkskammer der DDR, hielt die Gruppe »Blick ins Land« den von gesellschaftlichen Transformationen geprägten Alltag mit der Kamera fest: in Ost- und Westberlin, Potsdam, Leipzig, Wasungen und Passau. Der Zusammenschluss von Doku­men­tarist:in­nen aus beiden Teilen des noch nicht wiedervereinigten Deutschlands hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unter die Oberfläche der politischen Aufbruchsstimmung zu schauen. Und anders als die Dokumentationen, die an den Jahrestagen der deutschen Einheit die Fernsehprogramme rauf- und runtergesendet werden, reduziert »Im Glanze dieses Glückes« die DDR nicht auf Scheitern, Zerfall und Niedergang.

Johann Feindt, Tamara Trampe, Helga Reidemeister, Jeanine Meerapfel, Dieter Schumann, Andreas Voigt und Wolfgang Pfeiffer führten Gespräche mit Arbeitern, Polizisten und letzten Grenzhütern und sammelten an den verschiedensten Orten Alltagsgeschichte ein.

In einer Zeit, in der demokratische Gewissheiten erodieren, treffen Filme über Kollaps, Aufbruch und Grenzöffnung unweigerlich einen empfindlichen Nerv. 

Noch kein Abonnement?

Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::