Straflose Dividende
Im Hamburger Kongresszentrum war es Toralf Haag vorbehalten, auf die unbequemen Fragen der Aktionäre zu antworten. Am Donnerstag vergangener Woche (12.2.) fand die Hauptversammlung von Aurubis statt, des größten Kupferkonzerns Europas – ein börsennotiertes Unternehmen mit rund 17 Milliarden Euro Jahresumsatz und etwa 7.000 Beschäftigten.
Haag, der Vorstandsvorsitzende von Aurubis, konnte von positiven Zahlen berichten. Der seit Jahren wiederkehrende Vorwurf, der Hamburger Konzern importiere Kupfererze aus fragwürdigen Quellen, spielte aber auch auf dieser Hauptversammlung eine wichtige Rolle.
In der kleinen Hafenstadt Huarmey in Peru seien Dutzende Bewohner vergiftet, sagt Mattes Tempelmann von Misereor. Ihr Blut weise hohe Schwermetallwerte auf.
Gleich drei Beschwerden wurden im Laufe des vergangenen Jahres von Nichtregierungsorganisationen und Opfervertreter:innen beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) eingereicht. Die erste datiert vom 5. Februar 2025 und wurde von der Mexikanerin Martha Velarde gemeinsam mit dem Verein Christliche Initiative Romero (CIR) eingereicht. Die Nichtregierungsorganisation aus Münster begleitet seit Jahren die Zivilbevölkerung im mexikanischen Bundesstaat Sonora, in dem sich am 6. August 2014 ein umweltpolitisches Desaster ereignet hatte.
Der Damm der Kupfermine Buenavista del Cobre brach. 40.000 Kubikmeter hochtoxischer Rückstände aus der Kupfergewinnung ergossen sich in die Flüsse Sonora und Bacanuchi und kontaminierten die Region über eine Länge von 400 Kilometern. Sieben Gemeinden waren betroffen. Sie leiden bis heute unter der Verschmutzung ihres Trinkwassers und Folgeerkrankungen wie Krebs und Arsenvergiftung. Velarde, die die Beschwerde mit Hilfe des CIR-Referenten Christian Wimberger einreichte, ist Medienberichten zufolge inzwischen verstorben. Sie litt an Erkrankungen, die sie auf die Umweltverschmutzung zurückführte.
Unstrittig ist, dass Aurubis über Jahre große Mengen Kupfererzkonzentrat aus der Mine bezog. »Aurubis trägt eine Mitverantwortung«, sagte Wimberger auf der Aurubis-Hauptversammlung. »Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verpflichtet Aurubis seit 2023, Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette zu verhindern und zu beheben«, so der CIR-Referent. Er appellierte in seiner Rede an den Vorstand des Konzerns, sich an einem Entschädigungsfonds zu beteiligen, den die mexikanische Regierung gemeinsam mit der Grupo México, zu der die Mine Buenavista del Cobre gehört, für die Opfer des Bergbauunfalls einrichten will.
Es ging vor allem um die Dividende
Unter den Aktionären traf das nur auf wenig Beifall. Der Vorstandsvorsitzende Haag ging weder auf den Appell ein noch auf die Frage, ob Aurubis weiterhin aus der Mine oder von Grupo México Kupfererz beziehe. Aus wettbewerbsrechtlichen und vertraglichen Gründen veröffentliche Aurubis keine Informationen zu Lieferanten, konkreten Minen und Bezugsmengen, erklärte Haag lapidar. Das gehört seit Jahren zum Procedere auf den Aurubis-Hauptversammlungen, wo neben den Großaktionären wie der Salzgitter AG und dem Drogerieketteneigentümer Dirk Roßmann stets Hunderte kleiner Aktionäre dabei sind.
Bei den Aktionären herrscht beste Stimmung. Ihnen schien es vor allem um die Dividende von 1,60 Euro pro Aktie zu gehen. Kaum jemand wollte etwas von den drei Beschwerden hören, die dem Image des Kupferkonzerns schaden und sich negativ auf die Bilanz der kommenden Jahre auswirken könnten.
Das hängt allerdings vom Bafa ab, das sowohl die Beschwerde aus Mexiko als auch zwei weitere vom katholischen Hilfswerk Misereor annahm, prüfte und als berechtigt einstufte. In allen drei Fällen wird nun wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Lieferkettengesetz gegen Aurubis ermittelt. Bußgelder bis zu acht Millionen Euro könnten verhängt werden.
Mehrere Aktionäre übten Kritik
Allerdings hat das Bafa derartige Sanktionen bisher noch kein einziges Mal verhängt. Die Bundesregierung scheint kein Interesse mehr daran zu haben, das Gesetz durchzusetzen. Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und CSU ist festgehalten, dass das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz abgeschafft werden soll. Bereits vergangenen Herbst hatte die Bundesregierung die zuständigen Behörden angewiesen, die Kontrolle deutlich zurückzufahren. Unternehmen sollten keine Berichte mehr vorlegen müssen, Bußgelder nur noch in besonders gravierenden Fällen verhängt werden. Hinzu kommt, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sich für die Aufweichung der Europäischen Lieferkettenrichtlinie eingesetzt hat.
Im Dezember einigten sich Unterhändler des EU-Parlaments und die Mitgliedstaaten auf eine solche Abschwächung. Das Gesetz, das 2028 in Kraft treten soll, sieht zum Beispiel vor, dass Firmen, die gegen die Regeln verstoßen, auf EU-Ebene keiner zivilrechtlichen Haftung mehr unterliegen. Das schränkt die Klagemöglichkeiten von Betroffenen und Nichtregierungsorganisationen drastisch ein. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte, dass das Gesetz auf »ein nahezu unwirksames Minimum gestutzt« worden sei.
Am Donnerstag ging Aurubis auf die Vorwürfe nicht ein, obwohl mehrere Aktionäre Kritik übten. Der Investmentfonds Ökoworld zum Beispiel hält Anteile an Aurubis. Dessen Vertreter, der Nachhaltigkeitsanalyst Lars von Danwitz, sagte in seiner Rede, dass er den Vorstand im Namen der Anleger nicht entlasten könne, weil es seit Jahren Vorwürfe wegen der Kupfererzimporte aus fragwürdigen Quellen gebe. Mit den drei Bafa-Beschwerden hätten die Vorwürfe an Substanz gewonnen, so von Danwitz, der mehr Transparenz bezüglich der Lieferkette anmahnte.
Kupferminen in Peru wie Antapaccay und Las Bambas, aus denen Aurubis mutmaßlich Kupfererz bezogen hat, werden erhebliche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.
Doch die scheint Aurubis auf keinen Fall gewähren zu wollen. Auf Anfrage der Jungle World verweist der Konzern auf den hausinternen Screening-Prozess potentieller Lieferanten. »Zu diesem Zweck hat Aurubis im Rahmen seines Menschenrechtsrisikomanagementsystems den Business-Partner-Screening-Prozess eingerichtet«, heißt es von der Pressestelle.
Der scheint jedoch lückenhaft, wenn man sich die peruanischen Lieferbeziehungen ansieht. Dortigen Kupferminen wie Antapaccay und Las Bambas, aus denen Aurubis mutmaßlich Kupfererz bezogen hat, werden erhebliche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Die eine Mine gehört zum Schweizer Konzern Glencore, die anderen gehören zur chinesischen Gruppe MMG. Bei Protesten gegen die beiden Minenbetreiber kamen 2015 je drei Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt.
Der kritischen Entwicklungsorganisation Cooper Acción zufolge seien das in Peru alles andere als Einzelfälle. Deren Experte César Flores Unzaga hatte 2017 Aurubis in der Betriebszentrale im Hamburger Stadtteil Veddel besucht und auf Konflikte um Dutzende von Bergbauprojekten aufmerksam gemacht. Das hat höchstwahrscheinlich dazu beigetragen, dass Aurubis derzeit weder aus Antapaccay noch aus Las Bambas Kupfererz bezieht, sondern aus anderen peruanischen Minen. »Die sind jedoch nicht weniger problematisch«, sagt der Entwicklungsexperte Thomas Niederberger, der bei Cooper Acción arbeitet, der Jungle World.
Dutzende Menschen vergiftet
Er habe Zugriff auf die peruanischen Zolldaten, könne einsehen, in welchem Umfang Kupfererz aus Peru ins deutsche Brunsbüttel geht und dass der Endverbraucher Aurubis heißt. Aus diesen Daten gehe hervor, dass das Bergbauunternehmen Antamina Aurubis beliefert. Bezüglich Antamina läuft ebenfalls eine Beschwerde gegen Aurubis beim Bafa, eingereicht im vergangenen Jahr von Misereor.
Auch diese sei als begründet angenommen worden, sagt Mattes Tempelmann, Misereor-Berater für Bergbau, Ökologie und Menschenrechte, der Jungle World. In der kleinen Hafenstadt Huarmey, rund 300 Kilometer nördlich von Lima, seien Dutzende Bewohner vergiftet. Ihr Blut weise hohe Schwermetallwerte auf.
Der Konzern scheint auf Zeit zu spielen – schließlich hat die Bundesregierung schon versprochen, das Lieferkettengesetz abzuschaffen.
»Jeden Monat stirbt bei uns ein Mensch an seiner Vergiftung«, wird Estela Rojas von Misereor zitiert. Sie leide seit 2011 an Schilddrüsenkrebs, hat die Beschwerde gemeinsam mit Misereor eingereicht und hofft auf Gerechtigkeit. »Bei sehr vielen Kindern und Erwachsenen unserer Gemeinde konnte Arsen im Blut festgestellt werden, die Ärzte empfehlen uns dringend, unsere Heimat zu verlassen«, zitiert Misereor Rojas weiter.
Wie das Bundesamt nun reagieren wird, darauf sind die Opfer in Huarmey und Tempelmann gespannt. Für ihn ist klar, dass Aurubis gemeinsam mit Antamina nach der Ursache suchen muss, wie die Menschen vergiftet wurden und werden. Doch ob Aurubis das tun wird, ist vollkommen offen. Der Vorstand wollte am Donnerstag keine Stellung zu den Beschwerden nehmen. Er hielt sich außerdem an die Devise, keine Informationen über Lieferländer und Lieferminen preiszugeben. Der Konzern scheint auf Zeit zu spielen – schließlich hat die Bundesregierung schon versprochen, das Lieferkettengesetz abzuschaffen.