Gegen die Barbarei des Vergessens
Mitten unter den entsetzlichen Nachrichten, die einen schockiert und gelähmt in den sozialen Medien erreichen, stößt man immer wieder auf jenen berühmten Satz Adornos: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch. Es scheint, als hätten viele jener Menschen, die in Momenten höchster Wut und Verzweiflung die persische Übersetzung dieses Satzes weiterverbreiten, dessen Sinn instinktiv, ja mit Fleisch und Blut erfasst.
Adorno hat später ausdrücklich dahingehend präzisiert, dass selbst das Weiterleben nach Auschwitz barbarisch sei. Er meinte damit: Nach einer Auslöschung von solchem Ausmaß geraten die Sprache selbst und unser Verstehen in eine tiefe Krise; die Tat ist derart monströs, dass sie uns gleichsam die Fähigkeit zur echten Anteilnahme, zur rechten Trauer und sogar zum Begreifen raubt.
Selbst internationale Medien, die sensibel auf Menschenrechtsverletzungen reagieren, gerieten wegen des Ausmaßes der Tötungen in eine Art moralische und erkenntnistheoretische Erstarrung.
Die unmenschliche Brutalität, mit der das islamische Regime den Protesten begegnete, führt in eine ähnliche Krise. Die Fassungslosigkeit vertiefte sich noch durch eine weitere erschütternde Frage: Warum fand dieses Ausmaß an Massenmord und Gemetzel in der globalen Öffentlichkeit praktisch kein Echo? Warum warfen viele Medien den Ereignissen lediglich einen flüchtigen, pflichtschuldigen Seitenblick zu, nur um nicht gänzlich untätig zu erscheinen? Es schien für sie schlechterdings unvorstellbar, dass ein Regime innerhalb von nur zwei Tagen mehr als 30.000 Menschen auf jede nur erdenkliche barbarische Form ermorden könnte.
Diese weltweite Ungläubigkeit, diese relative Stille oder nur minimale Berichterstattung, ist selbst Teil jener tieferen Krise, auf die Adorno hinwies: Eine solche Tat lähmt die Sprache und das gemeinsame menschliche Verstehen. Selbst jene internationalen Medien, die üblicherweise sensibel auf Menschenrechtsverletzungen reagieren, gerieten angesichts dieses plötzlichen, monströsen Ausmaßes an Tod – einige Berichte, interne Dokumente und Augenzeugenberichte schätzen für die Tage des 8. und 9. Januar über 30.000, ja bis zu 36.000 Tote – in eine Art moralischer und erkenntnistheoretischer Erstarrung.
Das Regime sprach von lediglich etwa 3.100 Toten (und behauptete, viele davon seien Ordnungskräfte oder Opfer des »Terrorismus« gewesen), doch unabhängige Quellen – von Ärzten, Krankenhausmitarbeitern, Menschenrechtsorganisationen wie HRANA, Amnesty International sowie Medien wie Time und The Guardian – nannten weitaus höhere Zahlen, von mindestens 5.000 bis über 36.000, wobei die meisten in jenen zwei entsetzlichen Tagen getötet wurden.
Eine Art zivilisatorischer Passivität
Diese unverhältnismäßige medial-politische Zurückhaltung entspringt nicht bloßer Gleichgültigkeit, sondern einer Art zivilisatorischer Passivität: Wie soll man an ein solches Ausmaß an Barbarei glauben, ohne dass das gesamte Gefüge unserer Werte und unser Verständnis von Menschlichkeit in sich zusammenbricht? Es scheint, als sei die Welt – nach Auschwitz und den anderen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – noch immer nicht bereit zuzugeben, dass ein Regime im digitalen Zeitalter, unter absichtlicher Abschottung durch Internet- und Kommunikationssperren, ein derart organisiertes Massaker binnen weniger Stunden verüben und es anschließend nach Kräften verbergen oder verharmlosen kann.
Diese Stille oder Halbherzigkeit ist die Fortsetzung jener Barbarei, von der Adorno sprach: Nicht allein die Tat des Tötens, sondern die Unfähigkeit zur Trauer, zur echten Empathie und zur Anerkennung der Opfer als Menschen mit Namen und Geschichten. Am quälendsten jedoch ist, dass diese Erschütterung und dieses Entsetzen der Iraner:innen – die es am eigenen Leibe, mit Fleisch und Blut erlebt haben – in einer Welt, die sich der Zivilisation und der Menschenrechte rühmt, einer doppelten Isolation verfällt: Sie werden nicht nur getötet, sondern ihr Tod wird kaum gehört, kaum geglaubt. Dieser Kreislauf aus Barbarei und Leugnung ist selbst ein Zeugnis jenes bitteren Satzes Adornos: Das Weiterleben nach einer solchen Katastrophe – ohne tiefe Selbstbesinnung und grundlegenden Wandel – ist selbst eine Form der Barbarei.
Von einer anderen Seite her gewinnt Adornos Diktum für viele von uns Iraner:innen keineswegs den Charakter einer resignierten Kapitulation, sondern vielmehr den einer Form beharrlichen Widerstands gegen das Vergessen. Weil das Massaker von solch überwältigender Ausdehnung ist, vergisst man ständig, dass es – anstatt wirklich wahrgenommen und betrauert zu werden – im bloßen Lärm der Zahlen und Statistiken untergeht und sich darin auflöst.
Gegen die Barbarei des Vergessens ankämpfen
Die schiere Quantität der Toten, die regelrechte Flut an Leichen, die in den Straßen, in improvisierten Leichenhallen und Massengräbern verschwanden, erzeugt eine Art Überwältigung: Das Unfassbare wird zur bloßen Ziffer, das Individuelle zum anonymen Aggregat, und damit entzieht sich das Geschehene der eigentlichen Erinnerung und der moralischen Verarbeitung. Gerade in dieser Tendenz zur statistischen Verflachung und zum kollektiven Vergessen liegt die tiefste Barbarei; nicht allein in der Tat selbst, sondern in der anschließenden Unfähigkeit – oder Weigerung – der Welt, das Geschehene als das zu benennen, was es war: ein systematisches, in kürzester Zeit vollzogenes Gemetzel an Zehntausenden, das in seiner Plötzlichkeit und Monstrosität die Grenzen des Vorstellbaren sprengt.
Für uns, die wir es mit Leib und Seele durchlitten haben, wird Adornos Wort somit zu einem Imperativ des Erinnerns: Weiterzuleben heißt nicht, stillschweigend fortzufahren, als wäre nichts geschehen; es heißt vielmehr, gegen die Barbarei des Vergessens anzukämpfen, die Namen der Getöteten zu bewahren, ihre Geschichten zu erzählen und die Wunde offen zu halten – damit sie nicht in der kalten Anonymität der Zahlen erstickt. In diesem Sinne ist das Weiterleben nach solch einem Abgrund nur dann nicht barbarisch, wenn es ein bewusster Akt des Widerstands gegen die Amnesie bleibt: ein insistierendes Zeugnisgeben, das die Politik der Leugnung und Verharmlosung durchbricht und die Menschlichkeit gerade dadurch zurückgewinnt, dass sie das Unmenschliche nicht dem Schweigen überantwortet.
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Der Autor ist freiberuflicher Übersetzer für Deutsch und lebt derzeit im Iran.