Eskalation im Dreivierteltakt
Der Wiener Opernball ist aus der Zeit gefallen und trotzdem feiern österreichische Medien ihn nach wie vor als »Gesellschaftsereignis des Jahres«. Ein Ticket kostet knapp 400 Euro, für Logen werden bis zu 24.000 Euro bezahlt.
Debütantinnen und Debütanten werden der Gesellschaft zugeführt, angewelkte Stars üben sich im Walzerschritt, Skandale erregen die Gemüter. Unvergessen, wie der Schauspieler Hubert »Hubsi« Kramar 2000 im Hitler-Kostüm einen Polizeieinsatz auslöste.
Im Februar 2024 hat die Autorin Stefanie Sargnagel die Veranstaltung besucht. Sie hat ein Theaterstück darüber gemacht und nun auch ein Buch darüber geschrieben.
Mit von der Partie waren zwei Freunde, ein Museumswärter und eine Kellnerin. Sargnagels Bericht »Opernball« steckt voller skurriler Beobachtungen und ist wahnsinnig lustig.
Der »Volkskanzler« kraxelt auf einen riesigen Kronleuchter über dem Parkett, holt sein Sacherwürstel aus der Hose und pinkelt auf die Menge, die dankbar den Rachen aufreißt.
Die Rangordnungen zu verletzen, führt permanent zu komischen Exzessen: »Meine Begleitung hat naiverweise ein Brötchen von einer Etagere vor einer Loge genommen. Er dachte, die wären umsonst. Das Entsetzen in den Augen der Multimillionäre, weil ihnen jemand ein Schinkencanapé entwendet hatte, war faszinierend. Dieser Geiz, diese Gier, diese Brutalität in der Verteidigung des Besitzes. Es endete in einem Tumult, vor dem wir flüchten mussten.«
Je später der Abend, desto absurder wird alles. Sargnagel nimmt sich bald alle dichterischen Freiheiten heraus: Anna Netrebko schlägt sich die Zähne aus, Außenminister Alexander Schallenberg übergibt sich auf das Kleid einer blonden Dame. Da schießt ihm Kathrin Glock mit einer Pistole in den Kopf, der »Volkskanzler« kraxelt auf einen riesigen Kronleuchter über dem Parkett, holt sein Sacherwürstel aus der Hose und pinkelt auf die Menge, die dankbar den Rachen aufreißt.
Sargnagel entlarvt die Brüchigkeit des repräsentativen und gestrigen Rituals und zeigt, wie lächerlich und armselig diese ganze »Bussi-Bussi«-Gesellschaft wirklich ist.
Stefanie Sargnagel: Opernball: Zu Besuch bei der Hautevolee. Rowohlt, Hamburg 2026, 80 Seiten, 18 Euro
