26.02.2026
Der bedeutende jiddische Autor als Zeuge in Nürnberg

Abraham Sutzkever – Poet, Partisan, Zeuge

Am 27. Februar 1946, vor 80 Jahren, legte Abraham Sutzkever als erster Jude Zeugnis im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess ab.

»Das Protokoll meiner Zeugenaussage ist bereits fertig«, schrieb Abraham Sutzkever am 17. Februar 1946 in sein Tagebuch. »Ich werde nach Nürnberg fliegen, ich spüre die enorme Verantwortung meiner Reise, ich bete, dass durch mich die ausgelöschten Seelen der Ermordeten anklagen.« Über Zwischenaufenthalte in Minsk und Berlin landete er am 21. Februar 1946 in der Stadt der Reichsparteitage und der Rassengesetze, in der sich die NS-Führung seit November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof für ihre Verbrechen verantworten musste.

Der jiddische Poet und Partisan wurde 1913 in Smorgon geboren, einer Stadt unweit von Vilnius (Wilna). Die Region gehörte zu dieser Zeit noch zum Russischen Reich. Vilnius war das geistige Zentrum des aschkenasischen Judentums und trug den Ehrentitel »Jerusalem des Ostens«. Die Stadt war nicht nur Mittelpunkt der jüdischen Orthodoxie, sondern auch ein Zentrum der Haskala, der jüdischen Aufklärung, das den Juden säkulare Bildung und Kultur brachte. Neben vielen berühmten Rabbinern stammen auch zahlreiche Gelehrte und Intellektuelle aus der litauischen Stadt. Vilnius wurde folgerichtig 1926 auch zum Sitz des Yidisher Visnshaflekher Institut (YIVO) – der ersten Akademie für die jiddische Sprache.

Lange wollte Sutzkever es nicht glauben, dass er von der sowjetischen Delegation ausgewählt war, »als erster jüdischer Zeuge« beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg auszusagen.

Neben Isaac Bashevis Singer gehörte Abraham Sutzkever schon bald zu den bedeutendsten jiddischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Ab Anfang der dreißiger Jahre publizierte Sutzkever Gedichte und wurde Mitglied der avantgardistischen Künstler- und Poetenvereinigung Jung Wilne. Weitere Veröffentlichungen folgten. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Vilnius und der Errichtung des Ghettos schloss er sich dem jüdischen Widerstand an; er trat der Fareinigten Jidisze Partisaner Organisatie (FPO) bei. Gleichwohl schrieb Sutzkever auch in dieser Zeit Gedichte und versteckte wertvolle jüdische Bücher und rettete damit die Schriften vor der Vernichtung.

Im Herbst 1943 gelang ihm die Flucht aus dem Ghetto. Mit einer jüdischen Partisanengruppe unter sowjetischem Kommando kämpfte er gegen den Nationalsozialismus. Noch während des Kriegs engagierte sich der Dichter in dem von Ilja Ehrenburg in Moskau gegründeten Jüdischen Antifaschistischen Komitee. Er beteiligte sich an der Herausgabe der Dokumentation »Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden« und steuerte den umfangreichen Report »Das Ghetto von Wilna« bei.

Lange wollte Sutzkever es nicht glauben, dass er von der sowjetischen Delegation ausgewählt war, »als erster jüdischer Zeuge« beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg auszusagen – bei diesem »Prozess welthistorischer Bedeutung«. Diese Gedanken notierte er am 16. Februar 1946 in seinem Tagebuch – am Vorabend seines Abflugs von Moskau in Richtung Nürnberg. Doch in der ehemaligen Nazi-Hochburg wurde zwar Klage wegen Verschwörung gegen den Frieden, Vorbereitung und Führung eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit erhoben, jedoch nicht explizit über die Shoah als Anklagepunkt verhandelt.

Warten bei Zeitungslektüre und Spaziergängen

»Eben ist unser Flugzeug in dem ehemaligen Räubernest gelandet«, schrieb der Dichter und Ghettokämpfer am Abend des 21. Februar. »Wir wohnen im Grand Hotel, ein Flügel ist von einer Bombe zerstört.« Das beste Haus am Platze war eine der wenigen bewohnbaren Unterkünfte der Nürnberger Innenstadt. Da noch kein Termin für seine Zeugenaussage feststand, verbrachte Sutzkever die Zeit mit Zeitungslektüre und Spaziergängen, bei denen er die einheimische Bevölkerung studierte.

»Je länger ich die Deutschen beobachte, ihre stumpfsinnigen, lakaisch-unterwürfigen Gesichter ansehe – umso verständlicher wird mir, warum Hitler gerade hier ausgebrütet wurde«, notierte er. Zudem wurde er immer ungeduldiger, immer wieder wurde der Termin seiner Zeugenaussage verschoben. Das Problem war, dass Sutzkever in seiner Muttersprache auf Jiddisch berichten wollte, was insbesondere bei der sowjetischen Delegation auf Widerspruch stieß. Als er am 26. Februar schon im Gerichtsgebäude war, wurde ihm endlich mitgeteilt, er solle sich am nächsten Tag für die Vormittagssitzung bereithalten.

»Ich bitte, den Zeugen Abraham Sutzkever aufzurufen«, sagte am 27. Februar der sowjetische Vertreter der Anklage, Oberjustizrat L. N. Smirnow. »Er ist ein jüdischer Schriftsteller, der ein Opfer der deutsch-faschistischen Verbrecher in dem zeitweilig besetzen Gebiet der Litauischen Sowjetrepublik wurde«, fügte er hinzu. Obwohl Sutzkever inständig darum bat, in seiner Muttersprache auf Jiddisch aussagen zu dürfen, bestand die sowjetische Delegation auf Russisch. Er wurde auch als »Staatsbürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken« vereidigt.

Augenzeuge eines großen Pogroms in Wilna

Die mit »brennender Unruhe« vorgetragenen Aussagen des »mageren, mittelgroßen jungen, blassen Manns« über die von den Deutschen verübten Verbrechen, insbesondere in Vilnius, haben einen »starken und unvergesslichen Eindruck« hinterlassen, schrieb der jiddische Journalist Marian Zyd unter der Überschrift »Der jidiszer Tog fun di Sowjetn« in der Landsberger Lager-Cajtung, einem Sprachrohr der jüdischen Überlebenden im Nachkriegsdeutschland. Sutzkever schilderte dem Gericht die Tragödie des Wilnaer Judentums mit rund 80.000 Toten, viele wurden an die Massenexekutionsstätte Ponary verschleppt und dort erschossen.

»Am 17. Juli 1941 war ich Augenzeuge eines großen Pogroms in Wilna, und zwar in der Nowgorodstraße«, gab Sutzkever zu Protokoll. Alle Männer wurden zusammengetrieben, etwa 100 bis 150 sofort erschossen. »Ich habe es selbst gesehen, als sich meine Kolonne in Bewegung setzte«, berichtete er, »wie die Blutströme die Straße entlangliefen, als wäre ein roter Regen herabge­kommen.«

Im Zuge seiner Vernehmung berichtete der Zeuge von weiteren Grausamkeiten, zum Beispiel dass Ende Dezember 1941 den jüdischen Frauen verboten worden war, Kinder zu bekommen. »Wenn die Deutschen erführen, dass eine Frau einem Kind das Leben geschenkt hat, würde das Kind vernichtet werden«, erklärte er auf Nachfragen des Richters.

»Gerechtigkeit« für die Millionen ermordeter Juden angemahnt

Nach dem Ende seiner umfangreichen Ausführungen schrieb Sutzkever in seinem Tagebuch: »Gerade habe ich meine Zeugenaussage vor dem Nürnberger Tribunal beendet. Auf meinen Lippen glühen noch die Worte, die ich vor der ganzen Welt und den kommenden Generationen herausschrie. Es fällt mir schwer, meine Gefühle abzuwägen. Welches Gefühl ist das stärkere, die Trauer oder die Rache? Stärker als diese beiden scheint mir das machtvolle Gefühl, dass unser Volk lebt, seine Henker überlebt hat.«

Sein Auftritt vor dem internationalen Gerichtshof fand großen Widerhall vornehmlich in der internationalen Presse sowie Eingang in die jiddische Dichtung. Mit seinem Poem »Farn Nirnberger Tribunal«, in dem er »Gerechtigkeit« für die Millionen ermordeter Juden anmahnte, setzte der Dichter der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen ein literarisches Denkmal.

Über Berlin kehrte Abraham Sutzkever am 6. März 1946 nach Moskau zurück. Später emigrierte er mit einem Zwischenaufenthalt in Polen 1947 nach Israel. Hochverehrt starb der Dichter, Ghettokämpfer und Zeitzeuge im Alter von 96 Jahren 2010 in Tel Aviv.