26.02.2026
Mahnaz Mohammadi, exiliranische Regisseurin, im Gespräch über den Wandel im Iran

»Ich treffe keine politischen Vorhersagen«

Die Islamische Republik nimmt den Iranern ihre Individualität. Die exiliranische Regisseurin Mahnaz Mohammadi begehrt mit Filmen wie »Roya« dagegen auf. Eine Intervention der USA gegen das Mullah-Regime lehnt sie nicht ab, der Wandel müsse aber aus der Gesellschaft kommen.

Das Gespräch fand in der vergangenen Woche am Rande der Berlinale zu ­einem Zeitpunkt statt, als ein militärisches Eingreifen der USA im Iran ­erwartet wurde.

Ist eine Intervention von außen, durch die USA, in der jetzigen ­Situation womöglich unvermeidlich?
Darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen: Was wäre passiert, wenn Amerika während des Zweiten Weltkriegs nicht eingegriffen hätte, um Deutschland zu befreien? Wir sind wirklich in derselben Situation.

Dem jetzigen Engagement der USA gehen die stärksten inneriranischen Proteste seit 2022 voraus. Was unterscheidet die Aufstände von den bisherigen?
Beim letzten Mal gingen die Proteste maßgeblich von Frauen aus. Aber dieses Mal ist es anders.

Wie beschreiben Sie den Zustand der Gesellschaft?
Die Menschen haben in diesen 47 Jahren der Islamischen Republik ihre Identität verloren. Die Islamische Republik hat die Bevölkerung zu einem gesichtslosen Kollektiv gemacht. Wir haben unsere Eigenständigkeit verloren, wir mussten den Schleier tragen, um Teil ihrer Ideologie zu werden. Ganz langsam haben die Menschen verstanden, dass sie ihnen ihre Individualität genommen ­haben.
Ich treffe aber keine politischen Vorhersagen. Was ich allerdings sehe, ist, dass Angst, Scham und Schweigen nicht mehr dieselbe Wirkung haben wie früher. Aber niemand von außen kann den Zeitpunkt des Wandels vorgeben.

»Ich bin nicht Filmemacher geworden, weil es die Umstände zuließen, sondern weil sie es nicht zuließen.«

Der Slogan »Frau, Leben, Freiheit«, der ursprünglich von der Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK, stammt, wurde nach Mahsa Aminis Ermordung zum Motto des Protests. Warum wurde gerade diese Forderung so zentral?
»Frau, Leben, Freiheit« ist im Iran, wo auch immer diese Parole herkommt, nicht nur ein Slogan, sondern ein Wandel in der Wahrnehmung. Frauen rückten in den Mittelpunkt, weil die Kontrolle über den weiblichen Körper eine Säule der Ideologie ist. Wir Frauen waren zuerst auf der Straße. Nun haben die Männer es endlich auch verstanden. Wir haben im Iran verschiedene Ethnien. Wir sind eine große Familie. Jeder war geschockt nach Mahsa Aminis Ermordung. Sie war ja Kurdin. Ich denke, der Schmerz kennt keine Grenzen. Und überall haben wir als Menschen dieselben Gefühle.
Ob das Regime kurz vor dem Zusammenbruch steht, darüber kann ich keine Prognose abgeben. Aber wenn ein System auf Internetsperren, Gefängnis, erzwungene Geständnisse und Angst angewiesen ist, zeigt dies eine tiefe Legitimitätskrise.

Das Mullah-Regime stört in diesen Tagen die Starlink-Satelliten, um die Bevölkerung von den Geschehnissen abzuschirmen. Ihr Dokumentarfilm »Beyond the Lies« zeigt, wie die Nachrichtensperre schon bei den Protesten im November 2019 als Druckmittel eingesetzt wurde. Wie gelang es Ihnen damals, sich über die dortige Situation zu informieren?
Wenn sie alle Beweise vernichten, müssen wir unsere eigenen Wege finden, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich begann mit Videos. Ich nutze dazu das iranische Fernsehen als Beweisquelle, denn was sie dort erzählen, was sie über den Massenmord 2019 berichteten – daraus machte ich meine Dokumentation. Einer meiner besten Freunde brachte die Videos als Zeuge vor ein Tribunal in London (das Iran Atrocities Tribunal war ein symbolisches Gericht, das im November 2021 und ­Februar 2022 tagte, um Menschenrechtsverletzungen während der iranischen Proteste im November 2019 zu untersuchen; Anm. d. Red.). Wir haben gelernt, auch unter schwierigen Bedingungen Netzwerke aufzubauen: Nicht Plattformen, sondern Menschen werden zu Quellen der Information.
Für mich war das Filmemachen nie vom Internet abhängig, sondern auch von Erinnerungen und persönlicher Zeugenschaft. Wenn Bilder zensiert werden, besteht meine Arbeit auch darin, eine Erfahrung zu vermitteln.

Wie gelangt man als regimekritische Frau dahin, Regisseurin zu werden und so kritische Filme wie »Son-Mother« (2019) oder den Dokumentarfilm »Women With­out Shadows« (2003) zu drehen? Was ist Ihre Motivation?
Ich bin nicht Filmemacherin geworden, weil es die Umstände zuließen, sondern weil sie es nicht zuließen. Wenn Menschen ihrer Erzählkunst beraubt werden, wird die Kunst zu einem Mittel, ihnen diese zurückzugeben. Meine Hauptmotivation ist: Menschen wieder zu einem »Gesicht« zu machen; dafür zu sorgen, dass Leiden nicht namen- und stimmlos bleibt und dass Frauen nicht nur Gegenstand einer Geschichte sind, sondern deren Eigentümerinnen.

Sie saßen selbst sieben Jahre lang wegen »Gefährdung der natio­nalen Sicherheit« und »Propaganda gegen das Regime« im Iran im Gefängnis. Finden Sie sich in der Protagonistin Ihres Films »Roya« wieder?
Diese Situation der Inhaftierung ist mir sehr bekannt, aber es ist nicht meine Biographie, die ich in »Roya« erzähle. Die Zelle, in der ich innerhalb des Evin-Gefängnisses war, nannten sie »End of the World« und sie war 2,5 Meter groß. Dort sind sie befugt, alles zu tun. Du hast keinen Namen, du bist nur eine Nummer. Wenn ich meine Biographie erzählen würde, könnte es niemand ansehen. Niemand würde es drehen. Es sind mehr die Gefühle, die ich während der Haft hatte, die ich in dem Film verarbeitet habe. Und nicht nur ich, sondern auch so viele meiner Freundinnen und Freunde.

»Die Zelle, in der ich innerhalb des Evin-Gefängnisses war, nannten sie »End of the World« und sie war 2,5 Meter groß. Dort sind sie befugt, alles zu tun. Du hast keinen Namen, du bist nur eine Nummer.«

Wie und wo konnten Sie diesen regimekritischen Film, der überwiegend im Gefängnis spielt, drehen?
Zum Teil im Iran, zum Teil außerhalb – denn sie schauen nach, wo du bist, und finden die Leute, die Kritik üben. Seit der Covid-19-Pandemie habe ich über die Erfahrung der Isolation und die Zeit davor geschrieben. Es ist eine Reise, um zu erkunden, was mir passiert ist und wie ich eine solche Geschichte in nichtlinearer Weise erzählen könnte.

Verbinden Sie mit dem Filmemachen und Ihrem jüngsten Film eine Hoffnung, Sie könnten mithelfen, die politische Situation im Iran zu beeinflussen, oder ist es für Sie eher eine Art Ventil?
Für mich ist dieser Film kein Ventil. Ein Ventil bedeutet, etwas freizusetzen, um Erleichterung zu verspüren, und dann ist es vorbei. Für mich ist Kino eine Form der Pflege von Erinnerungen. Wenn es Hoffnung gibt, dann ist es keine unmittelbare politische. Es ist eine stille menschliche Hoffnung: nicht zuzulassen, dass alles vollständig ausgelöscht wird. Ein Film kann keine Gerechtigkeit schaffen, aber er kann bewirken, dass der Kreislauf des Schweigens durchbrochen wird.

Ist der Schah-Sohn Reza Pahlavi tatsächlich auch im Iran eine Hoffnungsfigur oder ist dies eine vom Westen nahegelegte Interpretation?
Ich baue nicht auf Prominenz. Für mich geht es nicht um Namen, sondern um Beteiligung. Ohne die Einbeziehung aller Stimmen, insbesondere von Frauen, Minderheiten und denen, die einen hohen Preis gezahlt haben, kann keine Zukunft aufgebaut werden. Die Außenwelt sucht oft nach einem einzigen, einfachen Gesicht, aber die iranische Gesellschaft ist komplexer als eine einzige Figur.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Mein größter Wunsch als Filmschaffende, als Journalistin, als Demokratin und als Linke ist, dass wir unseren Horizont erweitern, um zu entdecken, dass die Welt so viel Besseres zu bieten hat.