Der letzte Leninist
Als Roy Medwedjews wichtigstes Buch Anfang der siebziger Jahr im Westen erschien, waren viele Linke elektrisiert. »Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus« war eine schonungslose und quellengesättigte Abrechnung mit den Verbrechen der Stalin-Zeit. Geschrieben hatte sie ein überzeugter sowjetischer Marxist, der den Gräueln zum Trotz weiter an den Ideen der Oktoberrevolution festhielt. Medwedjew (dessen Name in der deutschen Ausgabe, anders als bei seinen übrigen hierzulande erschienen Büchern, in der Schreibweise »Medwedew« erschien) verdammte den Stalinismus, ohne den Sozialismus preiszugeben. Sein in 14 Sprachen übersetzter Bestseller weckte bei vielen Hoffnungen auf eine demokratische Neuorientierung der Sowjetunion.
Der linke Dissident prägte jahrzehntelang den Blick westlicher Leser auf die Sowjetunion. In Hunderten Artikeln und Essays gewährte er intime Blicke hinter die oft grau wirkende Fassade des kommunistischen Imperiums. Für Korrespondenten war der zurückhaltend auftretende Historiker ein gefragter Gesprächspartner, seine Bücher fanden im Westen ein breites Publikum. Insgesamt verfasste er mehr als 40 Werke über sowjetische Politik und Geschichte, darunter viele Biographien kommunistischer Führer. Am 13. Februar ist Roy Medwedjew nun bei Moskau gestorben. Er wurde 100 Jahre alt.
Roy Medwedjews wohlwollende Biographie des einstigen KGB-Vorsitzenden Jurij Andropow erhielt 2007 einen Preis des Inlandsgeheimdiensts FSB.
Geboren wurde Medwedjew am 14. November 1925 in der georgischen Hauptstadt Tiflis in eine Familie überzeugter Kommunisten. Sein Vater hatte im Bürgerkrieg gekämpft und unterrichtete Philosophie an einer Akademie in Leningrad, die politische Offiziere ausbildete. In Erinnerung an Manabendra Nath Roy, einen der Gründer der Kommunistischen Partei Indiens, gab er seinem Sohn den für Russen ungewöhnlichen Vornamen Roy.
Die Verhaftung des Vaters im Zuge des »Großen Terrors« 1938 markierte den Beginn von Medwedjews lebenslanger Beschäftigung mit den verheerenden Folgen des Stalinismus. »Die Tatsache, dass mein Vater verhaftet wurde, war etwas Furchtbares und völlig Unbegreifliches, völlig im Widerspruch zu den Ideen des Leninismus, des Marxismus oder des Sozialismus«, erinnerte er sich später. 1941 kam der Vater als angeblicher Volksfeind in einem Lager nahe dem ostsibirischen Fluss Kolyma ums Leben. Sein Sohn hielt an seinen kommunistischen Überzeugungen fest.
Zunächst schlug der junge Russe einen eher gewöhnlichen Karriereweg ein. Nach dem Militärdienst studierte Medwedjew bis 1951 Pädagogik und Philosophie in Leningrad. Anschließend wurde er für drei Jahre als Lehrer in die Dörfer des Urals geschickt und dann als Schuldirektor ins Leningrader Gebiet zurückgeholt. 1956 zog er nach Moskau, um an der Akademie für Erziehungswissenschaften zu forschen.
Diese Jahr war auch das des 20. Parteitags der KPdSU. Auf diesem rechnete Parteichef Nikita Chruschtschow mit Stalins Verbrechen und Personenkult ab. »Der 20. Parteitag hat das Vertrauen in Stalin zerstört, das ich bis dahin hatte«, schrieb Medwedjew später. Seinen Glauben an die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus stärkte der Parteitag eher: Nach der Rehabilitation seines Vaters trat Medwedjew noch 1956 in die KPdSU ein.
Auch außerhalb der Partei nahm er an politischen Diskussionen teil: Er knüpfte Kontakte zu anderen Marxisten, die Liberalisierungen forderten, und stritt mit Menschenrechtlern über die offiziell beschwiegenen Opfer der sowjetischen Geschichte. Daneben begann er 1962 mit der Arbeit an seiner Studie über die Geschichte des Stalinismus. Medwedjew durchforstete Parteiarchive, Hunderte Gerichtsakten und Prozessberichte aus der Zeit des Großen Terrors. Stalin sei ein machtbesessener Paranoiker gewesen und habe Lenins Ideale verraten, so Medwedjews Fazit. Nur eine Demokratisierung der Sowjetunion könne die Möglichkeit solcher Verbrechen künftig ausschließen.
Ursprünglich wollte Medwedjew sein Buch in der Sowjetunion publizieren. Doch dann endete die sogenannte Tauwetterperiode: 1964 wurde Chruschtschow entmachtet, Leonid Breschnew übernahm die Führung der Partei. Die Entstalinisierung war beendet. Die Zensoren lehnten die Veröffentlichung des Manuskripts ab.
Medwedjew ließ sich nicht entmutigen. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Schores – benannt nach dem französischen Sozialisten und Pazifisten Jean Jaurès – hob er 1964 das Untergrundjournal Polititscheskij Dnjewnik (Politisches Tagebuch) aus der Taufe, in dem man stalinistische und bürokratische Tendenzen kritisierte und über eine Demokratisierung des Sowjetsystems diskutierte.
Als die Moskauer Führung 1968 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus nicht nur in der ČSSR beerdigte, verengte sich auch für Roy Medwedjew der Spielraum. 1969 wurde er aus der Partei ausgeschlossen.
Als die Moskauer Führung 1968 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus nicht nur in der ČSSR beerdigte, verengte sich auch für Roy Medwedjew der Spielraum. 1969 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Das Journal wurde nun auch offiziell verboten, Medwedjew verlor seine Stellung an der Akademie, der KGB durchsuchte seine Wohnung und beschlagnahmte sein Archiv. Trotzdem forderte er im März 1970 gemeinsam mit dem Physiker Walentin Turtschin und dem späteren Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow in einem offenen Brief an die Führung eine Demokratisierung des Systems.
Dann, im Jahr 1971, erschien die »Die Wahrheit ist unsere Stärke« im Westen und machte Medwedjew schlagartig international bekannt. Die Einkünfte aus dem Bestseller ermöglichten ihm, als freier Autor in der Sowjetunion zu arbeiten. Dort blieb das Buch verboten.
Trotz seiner öffentlichen Kritik wurde Roy Medwedjew nie inhaftiert oder mit einer Pressekampagne überzogen. Dazu dürfte seine vorbehaltlose Verteidigung der sowjetischen Entspannungspolitik der siebziger Jahre beigetragen haben. Die Verständigung mit dem Westen würde den Parteiapparat zur Mäßigung zwingen und eine Demokratisierung der Sowjetunion befördern, glaubte Medwedjew. Appelle westlicher Staaten zur Einhaltung von Menschenrechten oder nach Medwedjews Meinung überzogene Forderungen von Dissidenten würden nur die Hardliner in der Partei stärken.
In das öffentliche Leben der Sowjetunion kehrte Medwedjew zur Zeit der Perestroika zurück. Der Historiker wurde wieder in die Partei aufgenommen, seine Schriften durften offiziell erscheinen. 1989 veröffentlichte die Wochenzeitung Argumenty i Fakty als erstes sowjetisches Presseorgan Medwedjews Schätzung, der zufolge etwa 20 Millionen Sowjetbürger durch Stalins Regime zu Tode gekommen waren. Bei den ersten halbwegs freien Wahlen wurde Medwedjew in den Volksdeputiertenkongress – das neue sowjetische Parlament – gewählt und setzte sich dort für demokratische Reformen ein. 1990, ein Jahr vor dem Ende der Sowjetunion, stieg er ins Zentralkomitee der KPdSU auf.
Tief enttäuscht von der Perestroika war er kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion an der Gründung der Sozialistischen Partei der Werktätigen (SPT) beteiligt. Diese trat für eine Wiederherstellung der Sowjetunion, Menschenrechte, Demokratie und ein nichtkapitalistisches Wirtschaftsmodell ein.
Den Putsch der Altkader im August 1991 verurteilte Medwedjew ebenso scharf wie das darauffolgende Verbot der Kommunistischen Partei durch Boris Jelzin. Tief enttäuscht von der Perestroika war er kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion an der Gründung der Sozialistischen Partei der Werktätigen (SPT) beteiligt. Diese trat für eine Wiederherstellung der Sowjetunion, Menschenrechte, Demokratie und ein nichtkapitalistisches Wirtschaftsmodell ein. Doch die Partei blieb relativ bedeutungslos. Die meisten ihrer Mitglieder wechselten zur 1993 gegründeten sowjetnostalgischen Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) von Gennadij Sjuganow. 2001 löste sich die SPT auf.
Verbittert vom Zerfall der Union, dem ausufernden Kapitalismus und der um sich greifenden Kriminalität wandte sich Medwedjew Russlands Geheimdiensten zu. Seine wohlwollende Biographie des einstigen KGB-Vorsitzenden und kurzzeitigen Staats- und Parteichefs Jurij Andropow (1914–1984) erhielt 2007 einen Preis des Inlandsgeheimdiensts FSB. Über die vier von 2008 an erschienen lobpreisenden Bücher über Wladimir Putin schüttelten frühere Bewunderer nur noch fassungslos den Kopf. Die Geheimdienste mit einem Blick nur auf den Stalinismus zu kritisieren, sei antirussische Propaganda, kanzelte Medwedjew Kritiker ab.
Auch für den belarussischen Diktator Aleksandr Lukaschenko fand er lobende Worte. Diesen kritisiere der Westen nur deshalb, weil sich Belarus als sozialistischer Staat positioniere, meinte Medwedjew 2010. Wie weit sich der einstige Dissident von seinen Ursprüngen entfernt hatte, zeigt sein letztes Interview aus dem September 2025. In diesem bestritt er die Existenz politischer Repressionen unter Putin, nannte die Regierung sogar noch zu liberal, warf dem Westen vor, den Ukraine-Krieg begonnen zu haben, und befürwortete die Wiedererrichtung des Denkmals für den Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, Feliks Dserschinskij, vor deren ehemaligem Hauptquartier in Moskau, der Lubjanka, in der heute der Inlandsgeheimdienst FSB sitzt.