12.03.2026
Industrialisierung und Umweltschäden

Die Kehrseite der Modernisierung

Die indische Regierung unter Narendra Modi brüstet sich mit einem hohen Wirtschaftswachstum, doch nicht nur der Internationale Währungsfonds stellt die offiziellen Zahlen in Frage. Zweifellos beachtlich sind allerdings die ökologischen Folgeschäden.

An einem Teestand in Lakshman Jhula bei Rishikesh im Norden Indiens sagt der 28jährige Programmierer Saga in die Runde: »Auf unseren Flughäfen herrscht gerade Chaos, und die Regierung rät, doch mal wieder mit unserer schönen Eisenbahn zu fahren.« Die fünf anderen anwesenden Teeliebhaber quittieren das mit Lachen. Wie Saga sind sie während der Jahre der Covid-19-Pandemie hierher, an den sauberen Oberlauf des Ganges, geflüchtet, wo sie seitdem aus dem Homeoffice arbeiten.

Die Regierung von Premierminister Narendra Modi und seiner hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) hat seit 2014 76 Flughäfen bauen lassen, damit vor allem die obere Mittelschicht leichter per Flugzeug reisen kann. Immer mehr Fluggesellschaften drängen seither auf den Markt. Die Billig-Airline Indigo begann einen brutalen Preiskampf, der sie zum Marktführer im Inlandsflugverkehr machte. Doch Mitte Dezember geriet Indigo durch neue Regelungen der Luftfahrtbehörde für kürzere Arbeitszeiten des Kabinen- und Cockpitpersonals in Schwierigkeiten und musste Hunderte Flugverbindungen pro Tag streichen.

Der 83jährige Wirtschaftsexperte Arun Kumar zweifelt seit Jahren die offiziellen Zahlen an und schätzt das gegenwärtige jährliche Wirtschaftswachstum Indiens auf drei Prozent statt der offiziellen acht.

Daraufhin hat die Regierung Modi die Arbeitszeitverkürzungen wieder gelockert. »Da wird unsere Oberklasse aber einen Schock kriegen, wenn sie mal wieder in der indischen Realität landet: im überfüllten Zug sitzt und sieht, wie der eine Nachbar einen roten Batzen Paan (eine Art Kautabak; Anm. d. Red.) aus dem Fenster rotzt und die anderen seine teuren Schuhe mit Erdnussschalen einsauen«, sagt Dhawal. »Und alles furzt und rülpst um die Wette.« Wieder lachen alle.

Jeden Morgen trifft sich hier der selbsternannte Club der Teestandphilosophen von Rishikesh, während sie dabei zusehen, wie es mit ihrem Zufluchtsort langsam bergab geht. Yogaschülerinnen, vor allem aus westlichen Staaten, sind nach Südindien geflüchtet, auf den Straßen sind nun Massen lärmender Touristen aus der 250 Kilometer entfernten Hauptstadt Delhi zu sehen. Dazu kommen Dauerhupen und Baulärm von der anderen Flussseite, wo Bagger das Ufer begradigen.

Sagas Sitznachbar, der 27jährige Programmierer Tyagi, war tags zuvor in Delhi, um seinen Bruder zu besuchen. Die Stadt hatte mal wieder einen Rekord in Sachen Luftverschmutzung aufgestellt, und so bringt er eine weitere Neuigkeit mit: »Die Regierung plant jetzt Heißluftballons, mit denen die Bewohner Delhis 80 Meter in die Höhe steigen können, um frische Luft zu schnappen.« Wieder amüsieren sich alle.

Die Stadtregierung Delhis – seit Fe­bruar 2025 regiert die BJP auch die 33,8-Millionen-Einwohner-Metropole – ist an dem Spott selbst schuld. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem der Smog alljährlich seinen Höhepunkt erreicht, gab sie die Entscheidung bekannt, eine Reihe von Heißluftballons in der Stadt aufzustellen – ohne zu sagen, ob es sich um eine Touristenattraktion handeln soll oder um eine »neue« Idee zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. Derweil warnen Forscher, dass die derzeit kalte Luft Delhis auch antibiotikaresistente Bakterien enthalten kann. Die drei Müllberge der Stadt kokeln derweil weiter vor sich hin; gleichzeitig geht das Grundwasser zur Neige, und jeder Regenguss stürzt die Hauptstadt ins Chaos.

Die Bevölkerung in 60 Prozent der 806 indischen Distrikte atmet Luft, die gemäß dem US-amerikanischen Air Quality Index (AQI) als gefährlich einzustufen ist.

Doch nicht nur Delhi leidet unter verpesteter Luft. In einem Korridor, der sich über 1 600 Kilometer bis in den südöstlichen Bundesstaat Odisha erstreckt, ist Smog mittlerweile ein ganzjähriges Problem. Die Bevölkerung in 60 Prozent der 806 indischen Distrikte atmet Luft, die gemäß dem US-amerikanischen Air Quality Index (AQI) als gefährlich einzustufen ist, deren Feinstaubbelastung im Jahresdurchschnitt über dem in Indien geltenden Grenzwert für PM2.5 (Masse der Partikel, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind; bei dieser Partikelgröße spricht man auch von lungengängigem Feinstaub) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) liegt – der Jahresgrenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beträgt fünf µg/m³.

Der Bundesstaat Odisha steht jedoch aus einem anderen Grund in den Schlagzeilen: Seit Monaten werden dort immer wieder bengalische Wanderarbeiter angegriffen, da sie für Menschen aus Bangladesh gehalten werden. Seit dem Sturz der Autokratin Sheikh Hasina im Juli 2024 in Bangladesh gibt es Spannungen zwischen den Regierungen in Dhaka und Delhi, auch weil Indien Hasina Asyl gewährt. Der Regierung Modi scheint das Nachbarland die perfekte Ablenkung von den heimischen Problemen zu sein – schon vor Jahren hatte der indische Innenminister Amit Shah die Menschen aus Bangladesh als »Termiten« bezeichnet, die sich in Massen in Indien hineinfräßen.

Auf den Straßen von Berhampur, einer typischen Kleinstadt im Bundesstaat Odisha, ist jedoch kein Hass zu finden. Die Menschen wirken wie vor 20 Jahren: freundlich, genügsam und bescheiden, auch wenn Religion in der Regel immer noch Allgemeinbildung zu ersetzen scheint. Doch vieles um sie herum hat sich verändert. Die Straßen präsentieren ein Inferno hupender Motorräder und Autos. Fußgänger müssen sich in den Abgasen am Straßenrand entlangbewegen, denn die Bürgersteige sind mit Müll übersät oder von parkenden Motorrädern blockiert.

Auf dem Moped lässt sich alles transportieren. Straßenszene in Puri

Bild:
Gilbert Kolonko

Typisch sind Szenen wie diese: Ein alter Mann mit Gehhilfe will die Straße überqueren. Fünf Minuten wartet er, ohne dass sich eine Lücke im Verkehr ergibt. Dann blickt er einmal auf den Boden und schleicht los – und alles rast mit unverminderter Geschwindigkeit an ihm vorbei. Dabei hat auch niemand einen Blick dafür, dass fast jede Mauer im Auftrag der Regierung mit einem bunten künstlerischen Bild bemalt ist, denn sie hatte Berhampur in ihre »Smart City Mission« aufgenommen. Diese hatte die Regierung Modi im März 2015 begonnen mit dem Ziel, 100 indische Städte in moderne urbane Zentren zu verwandeln. Die Regierung investierte 19 Milliarden US-Dollar, bis die Mission Ende März 2025 eingestellt wurde, da 7 479 der geplanten 8 058 Projekte als erfolgreich ausgeführt galten.

Der Tagesdurchschnitt der Feinstaubwerte lag im Januar vier Tage in Folge bei 296 µg/m³ oder nur wenig darunter. Die Tageshöchstwerte in der kleinen Stadt erreichten 460 µg/m³ und konnten locker mit denen in Kolkata und Delhi mithalten. Lärmmessungen aus dem Jahr 2022 an elf Orten in Berhampur ergaben, dass zwischen 6 Uhr und 23 Uhr überall selbst die Lärmhöchstgrenze für Busbahnhöfe von 65 Dezibel dauerhaft überschritten wurde – auch vor Krankenhäusern.

Seitdem hat der Verkehr weiter zugenommen, ebenso wie die Anzahl der Verkehrstoten im gesamten Bundesstaat. Obwohl Odisha mit 42 Millionen nur etwa halb so viele Einwohner hat wie Deutschland, kam es dort im Jahr 2024 zu 6 124 Verkehrstoten; in Deutschland waren es 2 770. Bis Juli 2025 stieg die Zahl der Todesopfer um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Dass auch die Wirtschaft in Berhampur boome, verneinten alle befragten Geschäftsleute. Den Grund beschreibt stellvertretend für sie der 50jährige Hotelier Prashad: »Bis 2016 lief es sehr gut, dann kam Narendra Modi mit seiner Demonetarisierung.« Am 9. Dezember hatte die Regierung über Nacht alle großen Geldscheine aus dem Verkehr gezogen. »Das Geschäft brach ein, weil einfach kein Bargeld mehr vorhanden war. Viele überstanden das nur, weil sie Kredite aufnahmen. Die Wirtschaft in Berhampur hatte sich kaum erholt, dann kam Corona.« Auch derzeit laufe es nur schleppend, sagt Prashad – dabei wachse Indiens Wirtschaft doch stark.

In Indore, das acht Jahre in Folge zur saubersten Stadt des Landes gekürt wurde, führte Ende Dezember ein Leck in der Kanalisation dazu, dass Tausende Menschen durch verunreinigtes Wasser krank wurden.

Der 83jährige Wirtschaftsexperte Arun Kumar zweifelt seit Jahren die offiziellen Zahlen an und schätzt das derzeitige jährliche Wirtschaftswachstum Indiens auf drei Prozent statt der offiziellen acht. Eines seiner Hauptargumente deckt sich mit den Eindrücken auf den Straßen: Zwar wachse der formelle Sektor, doch in ihm seien nur sechs Prozent der indischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigt. Die Regierung schätze jedoch, dass der schwer zu erfassende informelle Sektor ebenso stark wachse. Zudem kritisiert Kumar veraltete Daten, etwa aus dem Zensus von 2011 und 2012, den die Regierung als Grundlage ihrer Berechnungen heranzieht.

Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) äußerte Zweifel an der Qualität der Daten, die die Regierung Modi mit ihren hohen Wachstumszahlen veröffentlicht hat, und listet fast alle Argumente auf, die auch Kumar vorbringt. Der IWF geht jedoch nicht so weit, die indischen Wachstumszahlen als manipuliert zu bezeichnen. Er stuft die Daten Indiens in Kategorie C ein – das bedeutet: Sie sind veraltet und schwer nachvollziehbar, so dass kaum zu beurteilen ist, wie es der indischen Wirtschaft wirklich geht.

170 Kilometer nördlich liegt die Stadt Puri an der Bucht von Bengalen. Hier steht der für gläubige Hindus wichtige Jagannath-Tempel. Doch wie viele Menschen jährlich hierher pilgern, weiß niemand genau: Die einen sprechen von 200 000 am Tag, andere von vier Millionen im Jahr. Bekannt ist hingegen, dass der 280 000 Einwohner zählenden Stadt das Grundwasser ausgeht. Schon im Jahr 2006 lagen die 900 Jahre alten Brunnen des Jagannath-Tempels erstmals trocken.

Indien duschen

Duschen unterm Wasserhahn. Für die Masse der Bevölkerung in Kolkata gibt es Wasser für den täglichen Gebrauch nicht in der Wohnung,    sondern auf der Straße

Bild:
Gilbert Kolonko

Ein Hauptgrund ist in der Strandgegend zu sehen: Genau dort, wo die beiden Hauptgrundwasserspeicher liegen, ist alles mit neuen Hotels und Straßen versiegelt. So kann das Regenwasser nicht mehr in den Boden einsickern. Dabei hatte die Regierung des Bundesstaats Odisha bereits vor mehr als 20 Jahren beschlossen, dass hier nicht gebaut werden solle.

Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt zudem, dass der Lärm noch schlimmer ist als in Berhampur: Zwischen 7 Uhr und 22 Uhr herrschte an 13 verschiedenen Orten ein durchschnittlicher Lärmpegel von 70 bis 82 Dezibel – selbst in sogenannten Ruhezonen. Mit einem PM2.5-Wert von 243 µg/m³ war auch in Puri der Dezember 2025 der verpestetste Monat seit fünf Jahren, obwohl die Stadt am Meer liegt.

500 Kilometer weiter nördlich, in Kolkata mit seinen 16 Millionen Einwohnern, sind die Feinstaubwerte in diesem Jahr so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Im vergangenen Jahr ist die Metropole zur drittreichsten Stadt Indiens aufgestiegen – auch dank des größten Ledergerbereiparks Asiens in Bantala, 20 Kilometer außerhalb der Innenstadt und mitten in den eigentlich geschützten östlichen Feuchtgebieten gelegen.

Ende Dezember lag über dem 4,5 Quadratkilometer großen Gelände mit seinen etwa 500 Gerbereien und Lederverarbeitungsbetrieben ein intensiv süß-saurer Chemiegestank. Auf dem Lederkomplex blubbert das chromverseuchte Abwasser in kilometerlangen Gräben vor sich hin.

Beim vorigen Besuch im Februar 2025 waren fast alle Wege und Straßen des Komplexes mit stinkendem Abwasser überschwemmt. Bei der Reinigung der Kanalisation war einiges schiefgegangen. Die Behörden warfen den Gerbereien vor, trotz der Kanalisationsarbeiten weiter Abwasser eingeleitet zu haben. Drei Arbeiter starben in den Abwasserrohren.

Indien Ganges Abwässer

Ökologisch wenig überzeugend. Hier werden Abwässer der Stadt Puri ins Meer geleitet

Bild:
Gilbert Kolonka

Im Sektor 2 des Gerbereiparks sieht es noch schlimmer aus als im vergangenen Jahr: Alle Wege sind mit toxischem Abwasser überschwemmt, die Stimmung unter den Arbeitern ist gereizt. Eine Gasse weiter steht ein Lastwagen schräg auf der Kreuzung. Ein Reifen steckt in einem Straßenloch – Achsbruch. Chemikalien laufen aus beschädigten Fässern auf die ungepflasterte Straße. Nach Angaben der bengalischen Regierung hat sie 150 Millionen Euro in den Lederkomplex und ein neues Abwassersystem investiert. Im September 2024 hieß es, die Arbeiten seien bald abgeschlossen.

Doch aus den Gerbereien läuft weiterhin Abwasser heraus. An allen Mauern hängen massenhaft Lederhäute zum Trocknen. Die Grundwasserprobleme Kolkatas sind schwerwiegend, der Bauboom zerstört immer mehr Gebiete der grünen Lunge Kolkatas: die östlichen Feuchtgebiete. Für den 24 Hektar großen Müllberg der Stadt in Dhapa, der ständig kokelt, hat die Regierung keinen neuen Standort gefunden. Nun will sie 74 Hektar Farmland neben dem »Berg« erwerben, denn die Verantwortlichen wissen nicht mehr, wohin mit dem Müll der wachsenden Metropole.

Weil Indiens Groß- und Kleinstädte so aussehen, flüchten immer mehr junge Menschen an Orte wie Rishikesh. Doch auch diese werden langsam von den indischen Realitäten eingeholt. Wie beispielsweise die Stadt Indore, die acht Jahre in Folge zur saubersten Stadt des Landes gekürt wurde. Ein Leck in der Kanalisation ließ dort jedoch Ende Dezember Tausende Menschen durch verunreinigtes Wasser krank wurden. Etwa 200 mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, mindestens 32 Menschen sind bislang nach offiziellen Angaben gestorben.

Durch den Skandal kommt auch in Indore langsam mehr an Umwelt­problemen ans Licht. Schon seit Jahren wiesen Umweltgruppen darauf hin, dass das Trinkwasser regelmäßig verunreinigt wird.

Für Indiens junge, gebildete Menschen scheint es derzeit nur zwei Möglichkeiten zu geben: Sie ziehen sich noch weiter in den Himalaya zurück – oder sie verlassen wie Tyagi, der für Ende März einen Studienplatz in Deutschland erhalten hat, das Land.