19.03.2026
Interview mit der russischen Autorin Gusel Jachina

»Eisenstein wollte wissen, wie man das Publikum beherrscht«

Revolutionär, Nonkonformist, Regisseur: Sergej Eisenstein ist bis heute eine bewunderte und umstrittene Figur nicht nur in Russland, seine Propagandafilme wie »Panzerkreuzer Potemkin« und »Oktober« gelten als Meilensteine des Kinos. Die Schriftstellerin Gusel Jachina hat nun mit »Eisen« eine literarische Biographie über Eisenstein vorgelegt. Im Gespräch mit der »Jungle World« erzählt sie über den Einfluss des Filmemachers auf sie, sein Unterlaufen der sowjetischen Doktrin und die Schwierigkeit, eine Mischung aus Sachbuch und Roman zu schreiben.

Sergej Eisensteins großes Propagandawerk »Panzerkreuzer Potemkin« über die russische Revolution 1905 gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Im vergangenen Jahr feierte der Film sein 100jähriges Jubiläum. Wie wurde des Jubiläums in Russland gedacht?

Dazu kann ich leider wenig sagen. Ich wohne seit drei Jahren nicht mehr in Russland und verfolge die dortige Kultur nicht mehr ausführlich.

Welchen Stellenwert hat Eisenstein in der russischen Gesellschaft?

»Eisenstein, so könnte man ihn beschreiben, war ein riesiges Talent, gefangen in einem miserablen Menschen. Darüber und über die Frage, welche Verantwortung ein Künstler in einem totalitären Staat hat, wollte ich schreiben.«

Eisenstein gehört als Klassiker in die goldenen Bücher der Kinematographie. Vor allem in den neunziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion, war das Interesse an der Figur Eisenstein groß. Zu der Zeit wurde viel über ihn gesprochen. Auch ich begann damals, mich für ihn zu inter­essieren. »Iwan der Schreckliche« etwa wurde zum ersten Mal im Fernsehen gezeigt. Für mich war das als Jugendliche, ich muss etwa 14 Jahre alt gewesen sein, ein absolutes Ereignis. Ich dachte, es wäre ein antistalinistischer Film, und verstand nicht, wie so ein Film zu Lebzeiten Stalins gedreht werden konnte. Viele Russen haben den Film bei dieser Ausstrahlung zum ersten Mal gesehen. Man muss dazu sagen, dass in den Neunzigern ein Ozean der Wahrheit über uns geflossen ist. Man hat über alles gesprochen und alles kritisch betrachtet, einschließlich die heilige Figur Sergej Eisenstein.

Wie aktuell ist Eisenstein heute?

Vor vier Jahren war diese Figur in Russland noch ein Erbe der Vergangenheit. Nach dem 24. Februar 2022 (Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine; Anm. d. Red.) wurden viele sowjetische Gestalten wieder lebendig, auch Eisenstein. Mein Anspruch war es nicht, ein aktuelles Buch zu schreiben. Ich habe es auch vor dem 24. Februar angefangen. Aber nach diesem Datum wurden viele Dinge, etwa die Kunst im totalitären Staat und die Verantwortung des Künstlers, wieder sehr aktuell.

In Ihren bisherigen Büchern, zum Beispiel im Roman »Wo vielleicht das Leben wartet«, der von der großen Hungersnot in Tatarstan handelt, oder auch in »Wolgakinder« über die Geschichte der Wolgadeutschen, beschäftigten Sie sich mit dunklen, wenig bekannten Kapiteln der Sowjetgeschichte. Über Eisenstein hingegen ist bereits sehr viel geschrieben worden. Warum wollten Sie gerade über ihn ein Buch schreiben?

Mein Anliegen war es nicht, bisher unbekannte Seiten der Figur aufzudecken. Ich wollte auch nicht über den kleinen Menschen in der großen Sowjetgeschichte schreiben, wie ich es in meinen vorherigen Büchern getan hatte. Es sollte um eine große Figur gehen, die ein Paradox ist. Eisenstein, so könnte man ihn beschreiben, war ein riesiges, ein kosmisches Talent, gefangen in einem miserablen Menschen. Darüber und über die Frage, welche Verantwortung ein Künstler in einem totalitären Staat hat, wollte ich schreiben.

In Ihrem Buch heißt es, dass Eisenstein nur eine große Liebe hatte – und das war der Film. Dafür ließ er sich in den Dienst der Propaganda stellen. Inwiefern war er von der Ideologie der Sowjetunion überzeugt?

Das Interessante an ihm ist, dass er gar keine tiefen Überzeugungen hatte. Er hatte keine moralischen Prinzipien, keine Grundsätze. Das war seine eigentliche Tragödie. Gleichzeitig erlaubte ihm das, sehr flexibel zu sein. Er wusste, was man von ihm wollte, und hat dementsprechend die Ideologie in den Film eingebunden. In einigen Filmen ist dieser Anteil sehr groß, wie in »Panzerkreuzer Potemkin« oder in »Oktober«. In anderen Filmen, wie »Que viva Mexico!«, der von ihm gedreht, aber erst nach seinem Tod montiert und veröffentlicht wurde, ist der ideologische Anteil sehr gering. Sein ganzes Leben lang wandelte Eisenstein entlang dieser Grenze zwischen Kunst und Propaganda, um der einen großen Frage nachzugehen.

Welche war das?

Eisenstein wollte wissen, wie man das Publikum beherrscht. Dieses Rätsel hat ihn sein ganzes Leben beschäftigt. Und dafür hat er gerne den Preis der Ideologie gezahlt.

Konnte er dieses Rätsel lösen?

Ich denke, er hat sich der Antwort zumindest angenähert. Seine Filme sind sehr unterschiedlich, da er verschiedene Ansätze ausprobiert hat, wie man das Publikum in den Bann ziehen kann. Zunächst hat er das Konzept der Attraktionsmontage entwickelt, das den Zuschauer einem Erdbeben der Emotionen aussetzen soll. Für seinen Film »Die Beshin-Wiese« von 1937 wiederum hat er die Psychologie von Kindern studiert. Das Publikum sollte in den Zustand eines Kindes versetzt werden und auch wie ein solches gefesselt auf die Leinwand schauen. Mit »Iwan der Schreckliche« hat er von dieser Suche abgelassen. Erstmals konzentrierte er sich auf seinen Helden und nicht auf den fanatischen Gedanken, den Zuschauer zu fesseln. In meinen Augen ist der Film gerade deswegen ein Meisterwerk geworden.

Sie erwähnten bereits Eisensteins Tragödie, die darin bestand, dass er ein Genie ohne Moral war. Ist nicht auch seine Filmographie von einer großen Tragödie gezeichnet? Einige seiner Filme wurden verboten, andere gar nicht erst fertiggestellt. Ein Teil des Negativs von »Die Beshin-Wiese« wurde auf Anordnung Stalins vernichtet, nur 30 Minuten konnten gerettet werden. Für den ersten Teil seiner Trilogie über Iwan den Schrecklichen erhielt er den Stalin-Orden, der zweite wurde verboten, der dritte nie gefilmt.

Das Tragischste daran ist wohl, dass er in all diesen Fällen versucht hat, den staatlichen Auftrag zu erfüllen. Dabei hat er aber die Ideologie diskreditiert. In »Die Beshin-Wiese« etwa hat er sich so sehr bemüht, über das schreckliche Kulakentum (als Kulaken wurden seit dem 18. Jahrhundert wohlhabende Bauern bezeichnet, die zwischen 1929 und 1932 als Klassenfeinde in Arbeitslager deportiert oder erschossen wurden; Anm. d. Red.) zu erzählen, dass der Film selbst zu einer schrecklichen Erzählung wurde. Das Vorhaben verwandelte sich in sein Gegenteil. Das Gleiche ist ihm mit »Iwan der Schreckliche« passiert. Er dachte, er hätte einen komplizierten, psychologischen Sowjetfilm über den ersten Zaren des russischen Reichs gemacht. Aber herausgekommen ist ein antisowjetischer Film.

»Ich habe ›Eisen‹ in erster Linie für den russischen Leser geschrieben. Ich freue mich, dass der russische Verlag den Mut und den Willen hatte, es zu verlegen.«

Warum hat Eisenstein für den Film dennoch den Stalin-Orden bekommen?

Im ersten Teil der Trilogie wird Iwan der Schreckliche als widersprüchliche, aber immer noch positive Figur gezeigt. Im zweiten Teil wird seine Seele korrumpiert, der Verbrecher setzt sich durch. Und im dritten Teil, der nie gedreht wurde, sollte der Zar zu einer beinahe teuflischen und absolut einsamen Figur werden, zu einem durchaus dunklen Herrscher. Diese drei Teile sollten zusammen »die Leiter nach unten« zeigen, die jeder allmächtige Tyrann geht. Stalin hat diese Entwicklung im ersten Teil noch nicht erkannt, im zweiten schon. Deswegen wurde der erste Teil mit dem Stalin-Orden ausgezeichnet und der zweite verboten.

Ein Kapitel Ihres Buchs widmet sich der Paranoia Eisensteins zur Zeit des Stalin-Terrors, als er dachte, er würde bald eingesperrt und ermordet werden. Wie gefährdet war er?

Er hatte sehr große Angst, das kann man in seinen Tagebüchern lesen. Er schreibt nicht direkt darüber, aber man spürt es. Die Angst zeigt sich auch in seinen Zeichnungen, die er zu der Zeit anfertigte. Damals konnte sich keiner sicher fühlen, alle hatten Angst. Das hat er auch sehr deutlich in »Iwan der Schreckliche« gezeigt. Eisenstein schildert im Detail das Leben im 16. Jahrhundert, erzählt aber im Grunde von der Stalin-Zeit. Das ist die Genialität des Films.

Ihr Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Roman. Wie haben Sie entschieden, an welchen Stellen Sie etwas hinzudichten und an welchen Sie mit historischen Fakten arbeiten?

Das Schwierige war, in diesem Grenzbereich von fiction und non-fiction zu bleiben. Dabei habe ich mir nicht einfach etwas ausgedacht. Zum Beispiel wusste ich, dass Eisensteins Mutter bei einigen Dreharbeiten anwesend war. Oder ich habe Drehaufnahmen von Eisensteins Kameramann Eduard Tisse angesehen. Aus diesen kleinen Samen von Fakten habe ich größere Szenen erarbeitet. Mir war wichtig, dass der Leser einerseits durch die Form eines Romans mitgerissen wird. Andererseits sollte die Atmosphäre der Fakten spürbar bleiben. Das Buch sollte auch zwischen verschiedenen Registern schaukeln. Mal ist es ein Drama, mal eine ganz präzise Beschreibung des historischen Prozesses. Es handelt von der Psychologie des einzelnen Menschen und der Geschichte dieses großen Landes gleichermaßen. Es ist seriös, tragisch, lustig. Jeder, der Eisenstein kannte, wusste von der breiten Palette seiner Emotionen. Auch diese Bandbreite sollte sich in der Form des Buchs widerspiegeln.

Eisenstein wurde von seinen Regiekollegen vehement angegriffen. Einer von ihnen war Dsiga Wertow. Sie setzen jedem Kapitel Auszüge aus den Gedichten von Wertow voran. Warum?

Eine der Linien des Romans, so könnte man sagen, ist der Dialog zwischen beiden. Wertow war eine geniale Figur, sein Beitrag zur Entwicklung der Filmkunst ist bemerkenswert. Aber er war viel weniger bekannt als Eisenstein. Er wurde zu seiner Zeit sehr unterschätzt. Eisenstein war die prägende Stimme. Beide haben sich nicht gemocht und sehr böse kritisiert. Mir ging es darum zu zeigen, dass sie das Gleiche gefühlt haben, indem sie ihr Leben dem Film widmeten.

Sie haben Drehbuch an der Filmschule in Moskau studiert, bevor Sie begannen, Romane zu schreiben. Welchen Einfluss hatte Eisenstein auf Ihren Werdegang?

Mein Interesse am Kino begann in den Neunzigern, als ich noch ein Kind war, und Eisenstein war für mich zu der Zeit eine der wichtigsten Figuren. Ich habe mir immer wieder seine Zeichnungen zu »Iwan der Schreckliche« angeschaut. Damals habe ich selbst viel gezeichnet und wollte wissen, wie Eisenstein seinen Zugang zum Film über das Zeichnen gefunden hat. Ich versuche, meine Romane an der Grenze zwischen Literatur und Kino anzusiedeln. Vor allem in »Eisen« habe ich versucht, meine Szenen wie einen Film auf die innere Leinwand der Leser zu projizieren.

Eisenstein litt unter Schlafstörungen, an Herzproblemen und anderen körperlichen und seelischen Beschwerden. Während der Dreharbeiten zu »Oktober« erblindete er für einige Tage aufgrund von Stress. Nachdem der Film von allen Seiten verrissen wurde, fiel er in eine tiefe Depression, die ihn in ein Sanatorium beförderte. Sie beschreiben sein Leiden immer wieder als »Hysterie«. Das Wort wird in der medizinischen Fachsprache nicht mehr verwendet. Was für eine Bedeutung hat es für Sie?

Eisenstein litt nicht im klinischen Sinne unter Hysterie. Ich verwende den Begriff allgemeinsprachlich. Hysterie ist die Krankheit jener Leute, die die Wahrheit über sich selbst fürchten. Sie treten sehr stark auf und verbergen dadurch ihre innere Leere. Dieses Fehlen von Integrität erlaubt es hysterischen Künstlern, jene Ideologie in ihrer Kunst zu transportieren, die gerade gebraucht wird. Eisensteins Kunst ist ein sehr schönes Beispiel dafür, denn sie ist sehr auffallend und mitreißend. Zu Stalins Zeit wollte man genau das von der Kunst: Sie sollte aufwühlen, die Zuschauer mit allen Emotionen entflammen, damit sie ihr Gehirn nicht einschalten und nur in diesem Fluss der Emotionen schwimmen.

»Das Buch handelt von der Psychologie des einzelnen Menschen und der Geschichte dieses großen Landes gleichermaßen.«

Sie haben sich 2022 gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine positioniert. Daraufhin wurden Sie mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert, ein Theater strich die Aufführung eines Stücks basierend auf Ihrem Roman »Suleika öffnet die Augen«, und bei einem wichtigen Buchpreis gingen Sie leer aus, obwohl sie als Favoritin galten. »Eisen« erschien bereits im vergangenen Jahr in Russland. Wie wurde es aufgenommen?

Das Buch ist in Russland erschienen und das allein ist großartig. Ich habe es in erster Linie für den russischen Leser geschrieben. Ich freue mich, dass der Verlag den Mut und den Willen hatte, es zu verlegen. Im Rahmen der Veröffentlichung gab es ein paar Interviews, aber ich bin zu keiner Buchmesse eingeladen worden. Einige Theater spielen nach wie vor Inszenierungen meiner Bücher. Diese sind bisher auch nicht verboten worden. Ich möchte nach wie vor alle Möglichkeiten nutzen, damit die Menschen in Russland meine Bücher lesen können.

Sie leben seit drei Jahren in Almaty, der größten Stadt Kasachstans. Haben Sie Russland wegen des Krieges verlassen?

Der 24. Februar 2022 war ein Erdbeben für mich. Alles brach auseinander und stand auf dem Kopf. Ich musste mein Leben neu aufbauen. Anfang 2023 bin ich schließlich ausgereist.

Wie geht es Ihnen jetzt in Kasachstan?

»Eisen« ist Kasachstan, dem allergastfreundlichsten Land, gewidmet. So steht es auf der ersten Seite. Für mich war der Umzug sozusagen eine Bewegung der Seele. Ich habe hier neue Freunde gefunden. Das Land ist meiner tatarischen Kultur auch sehr nahe. Kasachisch ist wie Tatarisch eine Sprache türkischer Abstammung. Daher ist Kasachstan kein fremdes Land und Almaty keine fremde Stadt für mich. Das gilt umso mehr, da ich im Laufe der Recherche zu meinem Buch sehr viel über Almaty gelesen habe. Die Gebäude in der Stadt sprechen viel über Eisenstein, der während des Zweiten Weltkriegs nach Almaty evakuiert wurde und hier »Iwan der Schreck­liche« drehte. Für mich ist es also auch eine Stadt Eisensteins, die Stadt eines meiner Helden.

 

Gusel Jachina wurde 1977 im russischen Kasan geboren. Nach ihrem Drehbuchstudium widmete sie sich dem Schreiben von Büchern, in denen es vornehmlich um unbekanntere russische Geschichte geht. »Eisen« ist ihr vierter Roman.

 

 

 

 


Gusel Jachina: Eisen. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger. Kanon-Verlag, Berlin 2026, 576 Seiten, 32 Euro