19.03.2026
Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball

Jüdische Fußballleidenschaft

Eine Rezension des Buchs »Juden auf dem Platz, Juden auf den Rängen. Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball heute«.

Um den vergangenen Jahreswechsel fanden im Südwesten Deutschlands zwei besondere Fußballpartien statt. In der Europa League empfing zunächst Mitte Dezember der VfB Stuttgart den israelischen Vertreter Maccabi Tel Aviv, Mitte Januar waren die Israelis dann im selben Wettbewerb beim SC Freiburg zu Gast. Es waren die ersten Begegnungen deutscher Mannschaften mit dem israelischen Topteam seit über zehn Jahren.

Rund ein Jahr zuvor war es rund um die Partie von Maccabi bei Ajax Amsterdam zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Zum Teil war von Jagdszenen auf israelische Fans nach dem Spiel die Rede (Jungle World 48/2024). Nur wenige Wochen vor der Partie in Stuttgart versuchten »propalästinensische« Gruppen mit Hilfe von Unterstützern in der Stadtverwaltung, Maccabi-Anhängern und -Anhängerinnen den Besuch des Spiels ihrer Mannschaft gegen Aston Villa in Birmingham gänzlich zu verwehren – das gelang nicht. Ohnehin aber finden Heimspiele israelischer Mannschaften in internationalen Wettbewerben seit dem Überfall der Hamas auf ­Israel am 7. Oktober 2023 und dem nachfolgenden Beginn des Kriegs in Gaza nur noch im Ausland statt.

Spiele jüdischer Fußballmannschaften finden seit dem 7. Oktober noch immer unter verstärktem Polizeischutz statt.

Die beiden Maccabi-Partien in Deutschland standen dann gewissermaßen symptomatisch für die zugespitzte Lage, in der sich jüdischer Vereinssport hierzulande befindet. Die Spiele fanden unter größtmöglichen Sicherheitsanstrengungen statt, die Polizei Stuttgart bereitete sich nach eigener Aussage auf einen der größten Einsätze ihrer Geschichte vor. Unter diesen Bedingungen wollte die Stuttgarter Fanszene nur eingeschränkt im Stadion auftreten, die Freiburger Ultras verzichteten gleich komplett auf den Spielbesuch. Zumindest Fans von Maccabi Tel Aviv waren bei beiden Spielen. Dass nach den Partien Videos kursierten, auf denen extrem rechte Teile der Maccabi-Fanszene antiarabische Gesänge zum Besten gaben, trug zur Beruhigung der Gesamtsituation selbstredend nicht bei.

Dabei kommt der israelische re­spektive jüdische Sport in Deutschland vielleicht noch vergleichsweise gelinde davon. Während der Vuelta, der Spanien-Rundfahrt, war es im vergangenen Sommer immer wieder zu Protesten gekommen, weil ein israelisches Team an dem Wettbewerb teilnahm. Im vergangenen Herbst wurde federführend vom irischen Fußballverband und unter Mitwirkung von sogenannten Menschenrechtsexperten der UN außerdem zum wiederholten Male der Ausschluss Israels aus dem europäischen Fußballverband Uefa gefordert – und offenbar sollen die Verantwortlichen tatsächlich einen solchen Schritt in Erwägung gezogen haben, der aber nicht vollzogen wurde.

Die israelischen Fußballer und Fußballerinnen spielen ohnehin nur unter dem Dach der Uefa, weil ihnen bereits vor einem halben Jahrhundert die Mitgliedschaft im asiatischen Kontinentalverband entzogen worden war. In Irland läuft derzeit eine Kampagne an, die das kürzlich ausgeloste Spiel der heimischen Nationalauswahl gegen Israel in der Uefa Nations League verhindern will. Bereits vor der Auslosung hatte der Trainer Irlands seinen Spielern freigestellt, ob sie bei einer etwaigen Partie gegen Israel antreten wollen.

Doch auch hierzulande findet jüdisch geprägter Vereinssport weiterhin und vermehrt unter besonderen Bedingungen statt. Spiele jüdischer Fußballmannschaften finden seit dem 7. Oktober noch immer unter verstärktem Polizeischutz statt. Im September des vergangenen Jahres machte der TuS Makkabi Köln »massive antisemitische und gewalttätige Übergriffe« beim Spiel gegen den Kölner Stadtteilverein Nippes 78 öffentlich (Jungle World 40/2025). Man werte die Angriffe als »gezielte antisemitische Gewalt – gegen unsere Spieler, unseren Verein und das jüdische Leben im deutschen Sport«. Nippes 78 wies die Vorwürfe zurück.

Diese Situation greift ein vor kurzem im Werkstatt-Verlag erschienenes Buch auf: »Juden auf dem Platz, Juden auf den Rängen. Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball heute«. Die beiden Herausgeber Ruben Gerczikow und Monty Ott – beide haben übrigens auch schon für die Jungle World geschrieben – zeichnen die Geschichte des jüdischen Sports in Deutschland nach und führen dabei insbesondere auch durch aktuelle Ereignisse und Entwicklungen; so behandelt der Band auch die Auswirkungen des 7. Oktober und trägt mit dazu bei, jüdisches Leben in Deutschland zu dokumentieren.

Gerczikow und Ott gehen von einer »Leerstelle« aus, die bei der »Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden« hierzulande bestehe; hier wollen die Herausgeber und Autoren des Bands Abhilfe schaffen. Allzu oft nämlich werde jüdische Fußballleidenschaft als ein Relikt der Vergangenheit angesehen und dargestellt. Um das zu widerlegen, führen Gerczikow und Ott das Wirken von über 42 Makkabi-Vereinen und ihrer Fußballabteilungen an – Makkabi ist die jüdische Sportbewegung. Diese Vereine würden auf verschiedene Weisen jüdische Sportbegeisterung und Teilhabe symbolisieren, aber auch unter Ausschluss und Diskriminierung leiden: Sie werden oft Ziel judenfeindlicher Attacken durch eine Art »Umweg-Handeln«, wenn Makkabi-Vereine als »Stellvertreter des jüdischen Staats« imaginiert werden und Spiele gegen die Teams zu einer »Gelegenheitsstruktur für Antisemitismus« werden.

Die Herausgeber betonen die Bedeutung der Makkabi-Vereine für die Wahrnehmung jüdischen Lebens in Deutschland. Gerczikow hält in einem Beitrag beispielsweise die Geschichte des TuS Makkabi Berlin fest, dessen Fußballern es im Sommer 2023 gelang, sich als erster jüdischer Verein überhaupt für den DFB-Pokal zu qualifizieren. Im Buch ist auch ein Interview mit zwei Präsidiumsmitgliedern des Verbands Makkabi Deutschland zu finden, die unter anderem die seit dem Hamas-Terror am 7. Oktober verschärfte Situation jüdischer Sportler und Sportlerinnen beleuchten.

Ein Augenmerk legt der Sammelband auf deutsch-israelische Fanbeziehungen. Adam Lahav zeichnet in seinem Beitrag unter anderem die Geschichte der Freundschaften von deutschen und israelischen Ultra-Gruppen nach und beschreibt deren Entwicklung nach dem 7. Oktober. Daran anschließend findet sich ein eindrückliches Interview mit einer Bremer Ultra-Gruppe und dem »Freundeskreis der Geisel Hersh Goldberg-Polin«. Hersh war 2023 in den Gaza-Streifen verschleppt, als Geisel gehalten und schließlich ermordet worden (Jungle World 37/2024). Seine Verbindungen in die Fanszene des Bundesligisten Werder Bremen führten zu großer solidarischer Unterstützung von Seiten deutscher Ultras (Jungle World 1/2024). Ebenso spannend ist das Interview mit Daniel Lörcher, der jahrelang die Erinnerungsarbeit von Borussia Dortmund verantwortet hat und inzwischen Vizepräsident des Vereins ist. Er zeichnet die Probleme und Erfolge bei der Sensibilisierung von Dortmunder Fußballfans für Antisemitismus in Gegenwart und Geschichte.

Besonders interessant werden diese Einordnungen nicht zuletzt durch einen Artikel von Pavel Brunssen und Andrei Markovits, die ein »antisemitisches Grundrauschen der Fußballkultur« identifizieren, das die »Zugehörigkeit zum Fußballkollektiv« für die davon Betroffenen stets zu einer »Zugehörigkeit auf Widerruf« mache. Monty Ott schließt sich mit einer Beschreibung des Fußballstadions als »Einfallstor« für Diskriminierungen und extrem rechte Politik an, betont aber zugleich die Bedeutung und Wirkmacht des Kampfs dagegen. Das Ziel – wie auch eine Motivation des vorliegenden, sehr empfehlenswerten Sammelbands – sei es aufzuzeigen, »was möglich ist, wenn sich Fanszenen für Antidiskriminierungspolitiken einsetzen«.

 

Ruben Gerczikow, Monty Ott (Hrsg.): Juden auf dem Platz, Juden auf den Rängen. Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball heute. Bielefeld 2025, Verlag Die Werkstatt, 176 Seiten, 22 Euro