19.03.2026
Isolationisten vs. Neocons

Maga und die Angst vor den »ewigen Kriegen«

In der US-amerikanischen Maga-Bewegung wird heftig über den Krieg gegen den Iran gestritten. Immer schriller werden dabei die anti­semitischen Töne des isolationistischen Lagers.

»I’m not going to start a war. I’m going to stop wars.« Die USA in keine »for­ever wars«, keine langanhaltenden Krieg, mehr zu verwickeln, schon gar nicht im Nahen Osten, war von Beginn an eines der entscheidenden politischen Versprechen Donald Trumps und kon­stitutiv für das Maga-Lager in der Re­publikanischen Partei. Das Trauma des Irak-Kriegs wusste Trump geschickt zu nutzen, um sich von der interventionist right in der eigenen Partei abzuwenden, also jenen, die gemeinhin als Neocons bezeichnet werden; der chaotische Abzug aus Afghanistan verstärkte diese Stimmung in der Partei zusätzlich.

Die ambitionierten Projekte des nation building in von den USA weit entfernten Ländern nach 9/11 ließen sich angesichts der zweifelhaften Erfolge der Missionen in Afghanistan und im Irak leicht als teure, vermeintlich gegen die Interessen des »kleinen Mannes« gerichtete, elitäre Projekte abkanzeln. Die Neocons stellten und stellen für die Anhänger von »Make America Great Again« ähnlich wie die demokratisch gesinnten Eliten der Ost- und Westküste ein integrierendes Feindbild dar. Nicht selten werden beide Gruppen im Maga-Sprech als »Globalisten« bezeichnet, was antisemitische Assoziationen evoziert. Es ist vor allem Vizepräsident J. D. Vance, der die »America First«-Politik der isolationistischen Rechten im Weißen Haus repräsentiert.

Tucker Carlson hat durch sein Insinuieren, dass eine international tätige jüdische Organisation hinter dem Iran-Krieg stecke, Millionen Juden weltweit zu potentiellen Zielen von antisemitischer Gewalt gemacht.

Angesichts des völlig offenen Ausgangs des Kriegs gegen das iranische Regime und der unklaren und vielfach widersprüchlichen Äußerungen der Regierungsoffiziellen über die Ziele in diesem Konflikt und die politischen Plänen für die Zeit danach überrascht es wenig, dass sich in der trumpistischen Rechten die Geister am vermeintlichen Alleingang des Anführers scheiden. Der reichweitenstarke Podcaster Joe Rogan, bisher ein Trump-Unterstützer, sprach davon, dass der Prä­sident das US-amerikanische Volk verraten habe. Die Entführung des venezolanischen Diktators Nicolas Maduro sei immerhin noch »clean« gewesen, der Krieg gegen den Iran hingegen sei völlig »nuts«.

Rogan hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder kritisch über Trumps Politik geäußert, aber selten so direkt wie nun zum Krieg gegen den Iran. Seiner Ansicht nach ergibt der Krieg schlicht keinen Sinn. Die anderen Granden unter den Maga-Podcastern stoßen in das gleiche Horn. Candace Owens, ihres Zeichens christlich grundierte Verschwörungstheoretikerin und Antisemitin, widmete dem »Verrat« Trumps an den USA eine ganze Podcast-Folge.

Am bemerkenswertesten ist jedoch die Lesart des Trump-Getreuen und ehemaligen Fox-News-Moderators Tucker Carlson, der inzwischen so etwas wie der Leitstern des podcastenden antiinterventionistischen und antisemitischen Flügels der »America First«-Bewegung geworden ist. Carlson, der regelmäßig im Weißen Haus zu Gast ist und sich im Orbit von J. D. Vance bewegt, behauptete jüngst in seinem Pod­cast, dass der Krieg gegen den Iran keine Idee von Trump selbst gewesen sei, sondern das Ergebnis eines von der jüdischen Wohlfahrtsorganisation Chabad verfolgten Plans zum Bau eines »Dritten Tempels« in Jerusalem. Nicht wenigen Evangelikalen in den USA ist dieser Begriff geläufig; sie glauben, dass sich mit der Errichtung eines neuen Tem­pels an der Stelle des im Jahr 70 u. Z. zerstörten Zweiten Tempels, an dem sich heute die al-Aqsa-Moschee befindet, die Wiederkunft Christi nähere.

Es ist eine antisemitische Verschwörungstheorie wie aus dem Lehrbuch. Wichtig an dieser vor Absurdität und Bösartigkeit strotzenden Erzählung sind hier zwei Dinge: Erstens hat Carlson durch sein Insinuieren, dass eine international tätige jüdische Organisation hinter dem Iran-Krieg stecke, Millionen Juden weltweit zu potentiellen Zielen von antisemitischer Gewalt gemacht. Er hat es perfektioniert, antisemitisch-christliche Motive zu bespielen, etwa wenn er zum Iran-Krieg twitterte: »Pray that the spell breaks and the world is saved.« (Bete, dass der Bann gebrochen und die Welt gerettet wird.) Die Aussage ist klar: Trump steht unter dem Einfluss einer dunklen Macht. 

Zweitens ist an Carlsons Botschaft entscheidend: Der Chef kann unmöglich selbst auf die Idee ­gekommen sein, von seiner Antikriegspolitik abzurücken, um das Regime anzugreifen, das seit seinem Bestehen den USA mit Tod und Vernichtung droht. Es können nur dunkle Machenschaften sein, die die Lichtgestalt Trump vom rechten Weg abgelenkt haben.

Nun hat Trump Carlson verbal aus der Bewegung verstoßen. Dem Sender ABC News sagte der Präsident: »Tucker hat sich verirrt. Er ist nicht Maga.« Carlson entgegnete, dass er Trump trotz allem liebe, egal was dieser über ihn sage.

Auch der Neonazi Nick Fuentes ist der Meinung, dass die USA den Krieg im Namen fremder Interessen führen würden. In der extremen Rechten ist man sich also einig: Israel, oder gleich das internationale Judentum, steckt hinter dem Krieg; entsprechende eigene Interessen können die USA in ihren Augen gar nicht haben, auch wenn das apokalyptische iranische Regime eng an die militärische Infrastruktur Chinas gebunden ist, mit dem es auch wirtschaftlich kooperiert.

Die antisemitischen Verschwörungstheorien um Trumps Entscheidung für den Beginn von »Operation Epic Fury« erinnern mindestens im Falle von Tucker Carlson an ein Muster aus der Zeit des Großen Terrors in der Sowjetunion, in der Teile der Bevölkerung Stalin in Schutz nahmen und es für unmöglich hielten, dass der »Vater der Völker« selbst die Verfolgung gutheißen könne. Er werde von seinem Umfeld getäuscht, munkelte man.

Anders als die Antiinterventionisten ist Stephen Miller, der stellvertretende Stabschef im Weißen Haus und einer der Chefideologen der Maga-Bewegung, geradezu euphorisch ob des Kriegs. Er feierte ihn als »politically incorrect«, im Gegensatz zu den anderen Kriegen, die das »woke« Pentagon bisher geführt habe. Man werde sich an keinerlei Konventionen mehr halten müssen. Miller steht für ein interventionistisches »America First«, das auch kriegerische Außenpolitik als Teil der Wiederauferstehung im Inneren betreibt, jedoch nicht, um fernen Ländern die Demokratie zu bringen, sondern um sich Gegner von Hals zu schaffen.

Da Vertreter beider Paradigmen das Ohr des Präsidenten beziehungsweise seines nächsten Umfelds zu haben scheinen, ist das auch ein Kampf um die außenpolitische Ausrichtung der Republikanischen Partei.