19.03.2026
Lilli Tollkiens erster Roman

Verweigerte Kindheit

Buchkritik über den Debütroman von Lilli Tollkien

In dem Coming-of-Age-Roman »Mit beiden Händen den Himmel stützen« schildert Lilli Tollkien aus Sicht eines Kindes die Polit­szene Westberlins in den achtziger Jahren. Lale wächst bei ihrem Vater in einer Männer-WG voller Ex-Knastis, Dauerkiffer, Säufer und Lebenskünstler auf, muss keinerlei Regeln befolgen, dafür aber schweren sexuellen Missbrauch erfahren. Die Mutter spritzt, steht am »Kotti«, hat das Sorgerecht verloren.

Das freie WG-Leben wird wenig romantisiert. Einmal schreibt Lale an ihre Lehrer: »Leider konnte ich heute Morgen nicht am Unterricht teilnehmen, weil alle meine Erziehungsberechtigten besoffen waren.« Der Brief wird in der WG zur Belustigung aller an die Wand gepinnt. In der Schule schreibt Lale fast nur Einsen, es ist ihre Form der Rebellion gegen das »Elternhaus«.

Einmal schreibt Lale an ihre Lehrer: »Leider konnte ich heute Morgen nicht am Unterricht teilnehmen, weil alle meine Erziehungsberechtigten besoffen waren.«

So gelungen die Milieubeschreibung aus der Sicht einer stark vernachlässigten Heranwachsenden ist, so enttäuschend ist zuletzt der konservative Dreh. Der Roman endet plakativ mit den Worten »nach Hause«. Die Protagonistin hat ein Baby bekommen und verspricht dem Säugling noch im Krankenhaus, dass es bald »nach Hause« geht – und es ist klar, dass nun ein geordnetes Leben ansteht. Die Lebenskünstler von damals sind gescheitert. Lales Mutter stirbt früh am Heroin, der Vater Jahre später an Blasenkrebs, nachdem er, ins esoterische Lager gewechselt, eine schulmedizinische Behandlung verweigert hat. Mit Ausnahme eines einfühlsamen Lehrers und der einen oder anderen abgelegten Freundin des ­Vaters gibt es keine positiven Erwachsenenfiguren. WG-Genossen, Yogalehrer, Boyfriends entpuppen sich als Egoisten. »Alle Frauen«, heißt es an einer Stelle, »weinen wegen allen Männern.« Der Lebenskampf der jugendlichen Hauptfigur und ihr Ringen damit, sich und ihren Körper anzunehmen, berühren in diesem Debüt. Zwischen Freiheit und Vernachlässigung sind die linken Utopien auf der Strecke geblieben.

 

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen. Aufbau, Berlin 2026, 255 Seiten, 24 Euro