Jungle+ Artikel 19.03.2026
Rezension: Paolo Sorrentinos Spielfilm »La Grazia«

Von ihm kann sich Trump eine Scheibe abschneiden

Ein Präsident, der immer wieder zögert, Gesetze zu unterschreiben: Paolo Sorrentino porträtiert in seinem Drama »La Grazia« einen nachdenklichen Staatsmann und fragt nach den Grenzen politischer Verantwortung.

Die Amtszeit des fiktiven italienischen Präsidenten Mariano De Santis (Toni Servillo) neigt sich dem Ende zu. Der gläubige Katholik und erfahrene Rechtswissenschaftler gilt als Politiker, der das Land mit Augenmaß geführt und vor dem Populismus bewahrt hat. Allzu viele Aufgaben hat er nicht mehr zu erledigen; ein Gesetz zur Sterbehilfe soll er unterschreiben und über zwei Gnadengesuche entscheiden. Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er damit, in den Räumen des Quirinalspalasts auf dem Sofa sitzend zu sinnieren oder auf dem Dach seines Dienstsitzes heimlich Zigaretten zu rauchen, die ihm sein mit allen Wassern schelmenhafter Pragmatik gewaschener Leibwächter Colonello Labaro (Orlando Cinque) reicht.

Sieht man von den sich dekorativ in die Bildhintergründe einfügenden Sicherheitsleuten ab, ist De Santis viel allein. Seine kaum bewegte Gestalt spiegelt sich in Fensterscheiben oder ist von hinten zu sehen. Lange Flure und Totalen imposanter Baudenkmäler oder Innenräume – beispielsweise der vollbesetzten Mailänder Scala – unterstreichen seine Einsamkeit, auch und gerade wenn er Besuch empfängt oder gesellschaftlichen Ereignissen beiwohnt. Seit seine Ehefrau vor acht Jahren verstorben ist, sind ihm drei Bezugspersonen geblieben: der Papst (Rufin Doh Zeyenouin), seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) und eine Freundin aus Jugendtagen, Coco Valori (Milvia Mari­gliano), eine meinungsstarke und wortgewaltige Kritikerin, die gern zum Abendessen vorbeischaut, um dabei das Protokoll im Palast durchein­anderzuwirbeln und etwas Schwung in Marianos Leben zu bringen.

Dass das insgesamt ruhige Erzählkonzept aufgeht, liegt auch an dem eklektischen Soundtrack, den Sorrentino selbst kuratiert und äußerst effektvoll eingesetzt hat. 

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