Wir sind Text
Oft wird beklagt, dass kaum noch gelesen werde. Doch manche geisteswissenschaftlich interessierte Linke haben eine Lösung gefunden – sie lesen mehr als je zuvor. Der Trick: Es müssen ja nicht immer Bücher oder überhaupt Schriften sein! In der Taz wird in einer Buchbesprechung zum Beispiel »die Pandemie von links gelesen«. Denn zu den brennenden Fragen über Covid-19 gehört nicht zuletzt die nach der Leserichtung. Über den rezensierten Band verrät der Artikelvorspann zudem: Er »liest die Gesundheitskrise als Labor«. Noch bevor man im Haupttext ankommt, wurde schon zweimal gelesen! Die letztgenannte Art der Lektüre ist die derzeit beliebteste: das Lesen einer beliebigen Sache »als« irgendetwas. Nur liest man eben nicht mehr Jane Austen als Bettlektüre, sondern den Straßenverkehr als Abbild der Gesellschaft oder Nagellack als Performance von Queerness.
Auf der richtigen Spur war die Bibel, der zufolge am Anfang das Wort war. Nun können wir präzisieren: Es war das geschriebene Wort, und das war nicht nur am Anfang, sondern es ist überall, denn das ganze Leben ist nichts als ein dahinmäandernder Text. Das haben Literaturwissenschaftler herausgefunden, die ihrer Disziplin zur Abwechslung mal den Schlüssel zum Weltverständnis entlockten, statt immer nur olle Romane zu interpretieren, die (anders als die Pandemie oder die Gesundheitskrise) ohnehin niemand mehr liest.
Auch der Mensch ist letztlich nur ein Text, wenn auch ein besonders wirrer. Am liebsten liest er natürlich seinesgleichen, und zwar meist »als« Mann, Frau, queer, hetero oder auch migrantisch.
Auch der Mensch ist letztlich nur ein Text, wenn auch ein besonders wirrer. Am liebsten liest er natürlich seinesgleichen, und zwar meist »als« Mann, Frau, queer, hetero oder auch migrantisch; hingegen vernimmt man selten, dass jemand als Rechtshänder, Tennisfan oder Polizistin »gelesen« werde. Als kritikwürdig gilt es, wenn derlei Menschenlektüre sich nicht am Selbstverständnis der Gelesenen orientiert – obwohl sonst die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten als unantastbar gilt. Gebührt dem Mensch als Text am Ende jene Autonomie, die ihm das verpönte westliche Denken einst als Subjekt zusprechen wollte? Hier ist weitere Forschung nötig.
Jedenfalls konnten Linke dank solcher Erkenntnisse nicht nur ungezählte Lehrstühle erobern, sondern sich auch von überkommenen Irrlehren befreien. Denn frühere Generationen wollten die Welt nur verändern, es kommt aber darauf an, sie einer machtkritischen Relektüre zu unterziehen.