26.03.2026
Zum historischen Programm »Neue Unsicherheiten«

Auf der Suche nach Geschichte

Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, die Nachwirkungen des Bosnien-Kriegs: Das alles greift das film­geschichtliche Programm »Neue Unsicherheiten. Österreichischer Dokumentarfilm in den 90er Jahren« bei der Diagonale auf – dem Festival des österreichischen Films in Graz.

Im Jahr 1982 verzeichnet Frau Gerstl aus dem niederösterreichischen Schlöglmühl in ihrer Privatchronik den Tod der Fürstin Gracia Patricia von Monaco und die Schließung der örtlichen Papierfabrik. 269 Menschen verlieren ihre Arbeit, nahezu alle Einwohner:innen sind davon ­betroffen. Eine gewerkschaftliche Aktion wird unterbunden, der Fabrik­besitzer hat sein Geschäft gemacht und wird einige Zeit später in einer Fernsehsendung als tüchtiger Indus­triemanager mit vielfältigen Hobbys gepriesen. Ehemalige Beschäftigte antworten mit einem Protestbrief gegen die »schleimige Reportage« des ORF, die nichts über die realen Verhältnisse wisse.

Im Film »Postadresse: 2640 Schlögl­mühl« von Egon Humer (1990), acht Jahre nach der Schließung entstanden, sieht man weder Frau Gerstl noch das »Wir« einer Arbeiterschaft. Und auch wenn einzelne Betroffene zu Wort kommen, ist auch das Reale dieser Katastrophe nur bedingt zu greifen. Geisterhafte Kamerafahrten entlang der Fabrikruinen, Aufnahmen leerer Hausflure, vereinzelte Menschen, ein wortlos bleibender Mann, der apathisch vor dem Fernseher sitzt und sich in die Bilder der Mondlandung hineinträumt. Im Voice-over zu hören sind Tagebucheinträge, Briefe, die Hausordnung des Werkswohnhauses und Auszüge aus der 1933 erschienenen Sozial­studie »Die Arbeitslosen von Marien­thal« von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel, die die sozialen und psychischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in der Zwischenkriegszeit erforschten. »Sie schrieben«, heißt es im Film einleitend zu jedem Zitat über dieser Studie – eine Formulierung, die auch das Vorgehen des Regisseurs als Geschichtsschreibung kenntlich macht.

Zum 26. Mal findet in Graz das Filmfestival Diagonale statt. Vom 18. bis 23. März werden 149 Filmproduktionen zu sehen sein, davon 77 als Österreich- oder Weltpremiere. Der Filmwettbewerb, bei dem am 23. März Österreichs höchstdotierte Filmpreise vergeben werden, bildet mit 82 Spiel- und Dokumentarfilmen den Schwerpunkt des Festivals. Die historischen Reihen »Neue Unsicherheiten« und »Girls Will Be Boys« befassen sich mit dokumentarischen Arbeiten der neunziger Jahre beziehungsweise mit Filmen, die Frauen in sogenannten Hosenrollen zeigen.

Die »Diagonale – Festival des öster­reichischen Films«, die vom 18. bis 23. März in Graz stattfindet, blickt im Rahmen des filmgeschichtlichen Programms in diesem Jahr auf die neunziger Jahre in Österreich zurück. »Neue Unsicherheiten« ist der Titel der von Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar kuratierten Reihe, die sich auf vielfältige Weise mit den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umbrüchen des Jahrzehnts befasst. Mit Unsicherheiten sind dabei nicht nur der Verlust von Arbeit im Zuge des Strukturwandels und der Neoliberalisierung oder die Situation nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gemeint, sondern auch ein produktives Misstrauen gegen klassische Formen filmischer Darstellung. Eine neue Gene­ration von Filmschaffenden, die in den neunziger Jahren ihre ersten ­Dokumentarfilme macht, begreift Geschichte und Erinnerung nicht mehr als stabile Kategorien, sondern stellt sie in ihrer Relationalität dar. Ihre Filme beunruhigen.
Die Arbeit mit Brüchen, Stilisierung, Bild-Ton-Trennungen und multi­perspektivischen Erzählungen zieht sich durch das Programm. »Postadresse: 2640 Schlöglmühl« bleibt ein Fragment und zeichnet ­zugleich ein prägnantes – und durchaus auch wahrhaftiges – Bild einer sozialen Realität von posttrauma­tischem Ausmaß.

Auch Valeska Grisebach durchkreuzt in »Berlino«, ihrer 1999 an der Filmakademie Wien entstandenen Kurzdokumentation über italienische Arbeitsmigranten, die klas­sische Darstellungsform, wenn sie die mündlichen Zeugnisse der ­Porträtierten als Voice-over über Aufnahmen ihrer Gesichter legt, die schweigend in die Kamera blicken. Der Film zeichnet ein raues Bild des Arbeits­lebens in der Fremde, hat aber auch immer wieder komische Züge. Etwa wenn zwei Männer auf ­einem Berliner Weihnachtsmarkt über die Vorliebe der Deutschen für Glühwein rätseln oder ein Arbeiter sich im ­Telefongespräch mit ­seiner Familie wiederholt für seine Ausgaben – ein Bier, ein Brot – rechtfertigt.

Gerhard Friedls halbstündiger ­Essay »Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte« (1997) lässt die Logik der Repräsentation ganz ins Leere laufen und ist dadurch eine insistente Konfrontation mit den eigenen Rezep­tionsmustern. Der Film stellt die aus dem Off erzählten true crimes ­einer Knittelfelder Familie unverbunden neben Ansichten einer steirischen Kleinstadt, die in statischen Einstellungen und mechanisch abtastenden Kameraschwenks vermessen wird. Während die Verbrechen monströse Ausmaße annehmen, ­lösen sie sich durch Verweise auf die Wirtschaftsgeschichte der Region immer mehr von den individuellen Biographien ab. Die Gewalt wird zum gesellschaftlichen Symptom.

Mit dem Nachwirken des Bosnien-Kriegs befassen sich gleich mehrere Beiträge. Angesichts der zahllosen gegenwärtigen Kriege, die meist nur als Bildfetzen durch die Nachrichten­kanäle strömen, gehen diese ­Filme besonders nah. Das Kino zeigt sich gerade in seiner Langsamkeit als ein unentbehrliches Medium der Zeugenschaft. Ihre Rolle als Kriegstouristin thematisiert Barbara Albert in »Somewhere Else« (1997) gleich zu Beginn, wenn eine ältere Frau sie auf einem öffentlichen Platz in ­Bosnien als »Hure auf Fotosafari« beschimpft. Auf Augenhöhe mit ­ihren jungen Protagonist:innen, ­darunter auch die spätere Filmemacherin ­Jasmila Žbanić, lässt sich ­Albert durch die vom Krieg gezeichnete Stadt Sarajevo führen. Eine Frau zeigt ihr einen kahlen Grünstreifen zwischen Wohnblöcken, der einmal ein märchenhafter Park war; nahezu alle Bäume mussten im ­kalten Winter verheizt werden. Sie er­innert sich auch, wie sie und ihre Freun­dinnen, verzweifelt nach einer Tasse Kaffee lechzend, in das Hotel »Holiday Inn« rannten, wo während der von 1992 bis 1995 andauernden Belagerung der Stadt im Bosnien-Krieg ein großer Teil der internationalen Presse untergebracht war – im Gegensatz zu der hungernden ­Be­völkerung bestens versorgt.

Gedreht im Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens von Dayton, mit dem der Bosnien-Krieg 1995 endete, zeichnet Nikolaus Geyrhalter in »Das Jahr nach Dayton« (1997) das Bild einer schwer traumatisierten Gesellschaft. Der Film begleitet eine Handvoll Menschen durch die Jahreszeiten: Inmitten der Unsicherheiten des täglichen Lebens erinnern sie sich an die schrecklichen Bombardierungen, an Flucht und Ver­treibung und Tod. Die Häuser sind zerstört, Hilfe gibt es so gut wie ­keine und die Angst vor einem erneuten Ausbruch des Kriegs mischt sich mit der Ungläubigkeit darüber, dass ethnischer Nationalismus im vor­maligen Jugoslawien überhaupt wirk­mächtig und zerstörerisch werden konnte. Das Öffnen von Mas­sen­gräbern hält der Film in beklem­men­den Bildern fest.

Um ein Massengrab geht es auch in »Totschweigen« (1994) von ­Margareta Heinrich und Eduard Erne – als Abwesenheit. 45 Jahre nach der Ermordung ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter im burgenländischen Rechnitz ist das Grab der Opfer noch immer nicht gefunden (und ist es bis heute nicht). Isidor Sandorffy initiiert eine erneute Suche, um die Ermordeten nach jüdischem Ritual bestatten zu können, doch die Rechnitzer verweigern ihre Mitwirkung. Zeitzeugen sind verschwunden oder wollen sich nicht äußern, andere geben wortreich Auskunft, ohne etwas zu wissen. Ein Bauer ­bittet, mit den Grabungen doch bis nach der Ernte zu warten; dass sein Getreide womöglich auf den mensch­lichen Überresten eines Massakers wächst, scheint ihn nichts anzugehen. Einzig eine alte Frau wirkt schwer betroffen und bricht bei der Erinnerung an die Schüsse und Schreie in Tränen aus. »Totschweigen« ist ein vehementer Widerspruch gegen den refrainartig geäußerten Satz, man solle die Sache doch endlich ruhen lassen. Dieser Widerspruch reicht weit über Rechnitz hinaus.