Der kosmische Code im Alphabet
In der akademischen Welt gibt es einige Disziplinen, die klingen wie Ideen aus dem feuchtfröhlichen Umtrunk eines Silicon-Valley-Gurus mit einem Mittelalter-Mystiker. »Astrolinguistik« und »Astroarchäologie« sind solche Wortschöpfungen. Sie klingen nach New-Age-Schwurbelei, doch verbirgt sich dahinter eine esoterische, nazi-inspirierte Rassenlehre.
An der Kutaisi International University (KIU), dem akademischen Prunkstück des Landes, sollte ab September 2026 das Fach »Astrolinguistik und Astroarchäologie« angeboten werden. 20 Studienplätze waren dafür vorgesehen – so war es in einer Regierungsverordnung des Bildungsministeriums nachzulesen. Doch Ende Februar verschwand das Programm wieder von der Website der Universität. Der Grund waren vermutlich Berichte unter anderem in den englischsprachigen Medien Ganatleba und OC Media, die beschrieben hatten, um was für ein Studienfach es sich handelt. Nicht zuletzt für die Technische Universität München (TUM) dürfte das unbequem gewesen sein, denn sie unterstützt den Aufbau der KIU. Auf der Website der TUM heißt es, diese sei für die KIU »Vorbild« und stehe ihr »beratend zur Seite«.
Der georgische Theologe Beka Mindiaschwili erklärt auf Anfrage der Jungle World, was sich hinter der »Astrolinguistik und Astroarchäologie« verbirgt, nämlich eine völkische Pseudowissenschaft, die ihre Erkenntnisse nicht aus Forschung bezieht, sondern aus dem »dsilburaschi« – einem tranceartigen Zustand zwischen Schlaf und Wachen.
»Wenn Tsintsadze behauptet, die georgische Sprache könne eine ›weiße Rasse‹ rekonstruieren, betreten wir gefährliches Terrain.« Beka Mindiaschwili, Theologe
Angeboten hat die Kurse das 2025 an der KIU gegründete »Forschungszentrum für das kulturelle Erbe Iberiens«. Der Name ist Programm: »Iberien« bezeichnet hier nicht die Halbinsel hinter den Pyrenäen, sondern das antike ostgeorgische Königreich. Leiter des Zentrums ist Aliko Tsintsadze. Seine Theorie der »Astrolinguistik« behauptet eine Schicksalsgemeinschaft zwischen der georgischen Sprache, der ethnischen Identität und den Sternen.
Tsintsadzes Werkzeug ist die Gematria. Diese Methode, Buchstaben Zahlenwerte zuzuordnen, um verborgene Sinnzusammnhänge zu finden, stammt aus der jüdischen Kabbala.
Tsintsadze hat sie zur »georgischen Gematria« uminterpretiert. Damit will er nachweisen, dass mittelalterliche georgische Texte und die einzigartige Schrift des Landes einen kosmischen Code enthalten, der das Volk der Georgier direkt mit den Gesetzen des Universums verbindet.
In einer Zeit, in der die Regierungspartei Georgischer Traum immer stärker konservative Identitätspolitik und eine Abkehr von liberalen Werten betreibt, scheinen solche Theorien auf Nachfrage zu stoßen. Sie liefern die metaphysische Begründung für einen Sonderweg der georgischen Nation: Wer den Kosmos in der Grammatik trägt, brauch sich um Lappalien wie Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenrechte nicht groß zu kümmern.
Mindiaschwili betont, dass es sich hier um eine völkische Ideologie handle. Während die klassische Gematria auf geometrischen Zahlenwerten basiert, leitet Tsintsadze seine Variante des Begriffs von griechisch haima (Blut) ab. Diese »Blut-Zahlenmystik« hätten die antiken Iberier erfunden, um ihr Wissen vor »Semiten und Indogermanen« zu schützen. Mit seiner Methode versucht er sich an einer Dekodierung georgischer Urtexte wie dem Epos »Der Recke im Tigerfell« oder der Bibel – die wurde ihm zufolge nämlich von Georgiern mitverfasst.
Der wohl schockierendste Aspekt von Tsintsadzes Arbeit ist seine offene Bewunderung für die nationalsozialistische Forschungsgemeinschaft »Deutsches Ahnenerbe«. Diese vom Reichsführer SS Heinrich Himmler gegründete Organisation unternahm allerlei pseudowissenschaftliche Forschungsprojekte, um »Raum, Geist, Tat und Erbe des nordrassischen Indogermanismus zu erforschen«.
»Tsintsadze interpretiert alte Texte mit einer Methode, die an okkultes Faschismuswissen erinnert«, so Mindiaschwili. Tsintsadze gebe unumwunden zu, seine Ergebnisse an den Schriften von Himmlers Organisation zu prüfen, die er für die »glaubwürdigste Quelle« hält. Er nutze außerdem das »ariosophische« Modell der Thule-Gesellschaft, eines antisemitischen Geheimbunds, der in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg einige Jahre lang aktiv war. Demnach gab es eine untergegangene Hochzivilisation von (arischen) Gottmenschen, deren Wissen bruchstückhaft in Mythen und Runen überlebt haben. Tsintsadze zufolge ist das georgische Alphabet nichts Geringeres als der erste Alphabet-Code der Menschheit, die Sprache der »Menschengötter« aus Atlantis.
Tsintsadzes Projekt enthalte eugenische Elemente und bediene »die Sehnsucht nach einem nationalen Mythos, der moderne Politik und Identität mit mystischer Legitimation verbindet«, sagt Mindiaschwili. »Wenn Tsintsadze behauptet, die georgische Sprache könne das genetische Gedächtnis beeinflussen und eine ›weiße Rasse‹ rekonstruieren, betreten wir gefährliches Terrain.«
Tsintsadze behauptet, dass die georgische Sprache ein »religiöser Code« sei, der direkt auf den genetischen Code der Menschheit einwirken könne. Er fordert eine »medizinische und militärische Nutzung« dieses Wissens. Demzufolge ist die georgische Sprache die »Sprache Gottes«, die fähig ist, das »Genom der weißen Rasse« zu reinigen und zu optimieren.
Wo die Nationalsozialisten die »arische Rasse« sahen, setzt Tsintsadze das »iberische Volk«. Er behauptet, dass der Faschismus etymologisch vom georgischen Wort phaschwi (Magen/Eingeweide) abstamme – ein Symbol für die Erhebung des Menschen zum Gott. Der historische Faschismus sei lediglich eine »verzerrte ibero-sumerische Sichtweise« gewesen, die nun durch die »georgische Kabbala« korrigiert werden müsse, um gegen die »liberal-globalistische Weltordnung zu bestehen.
Tsintsadze behauptet, dass die georgische Sprache ein »religiöser Code« sei, der direkt auf den genetischen Code der Menschheit einwirken könne. Er fordert eine »medizinische und militärische Nutzung« dieses Wissens. Demzufolge ist die georgische Sprache die »Sprache Gottes«, die fähig ist, das »Genom der weißen Rasse« zu reinigen und zu optimieren.
Mindiaschwili erkennt daran Parallelen zum russischen Imperialokkultismus eines Aleksandr Dugin. Der hat bereits in den achtziger Jahren unter dem Pseudonym des 1948 hingerichteten Ahnenerbe-Leiters Wolfram Sievers publiziert. Der georgische »Iberismus« ist so gesehen kein isoliertes Phänomen, sondern Teil einer breiteren antiliberalen Bewegung im postsowjetischen Raum, die sich aus den dunkelsten Quellen des 20. Jahrhunderts bedient.
Dass der Studiengang nun gestrichen wurde, liegt vermutlich an der prestigeträchtigen Partnerschaft mit der Technischen Universität München liegt. Die KIU soll eigenen Angaben zufolge mit mehr als einer Milliarde Euro von der Stiftung des Oligarchen Bidsina Iwanischwili hochgezogen werden. Doch ihr eigentliches Kapital ist die internationale Anerkennung. Ein Abschluss in Zahlenmystik ist auf dem globalen Arbeitsmarkt so viel wert wie ein Alchemiediplom. Und ohne die Unterstützung der anerkannten TUM hätte die KIU wohl kaum eine Zukunft.
Wolfgang Herrmann, bis 2019 langjähriger Präsident der TUM und jetzige »honorary president« der KIU, äußerte sich auf Anfrage der Jungle World zu dem Vorfall. Er ist auch Vorsitzender des Internationalen Beratungsrats, der über die akademische Qualität der KIU wachen soll. Dieser Beratungsrat, so Hermann, müsse alle Studienangebote genehmigen. Er sagt: »Die genannten Studiengänge gab es an der KIU nie, und diese würden auch nicht zum Profil der Universität passen.« Die »noch junge Kutaisi International University« orientiere sich »seit ihrer Gründung an den Standards der Technischen Universität München (TUM) und baue mit deren Hilfe weitere Verbindungen zu europäischen Universitäten auf«; diese »bewusste Orientierung nach Europa« unterstütze er.
Was aber bleibt, ist Tsintsadzes Forschungszentrum. Der Fall wirft zudem Fragen über die Machtverhältnisse in Georgien auf. Die KIU wird über Iwanischwilis Cartu Foundation finanziert. Der steinreiche Gründer der Regierungspartei Georgischer Traum, der hinter den Kulissen in Georgien enorme Macht ausübt, betrachtet die Universität als sein Vermächtnis. Dass Tsintsadze sich dort etablieren konnte, zeigt, wie einflussreich solche Ideologien in nationalistischen Kreisen sind. Es ist das Dilemma von Georgischer Traum: Man will die Modernisierung nach westlichem Vorbild, inklusive der technologischen und wissenschaftlichen Expertise aus München, aber man will sich auch die ideologische Kontrolle sichern. Mit dem Skandal um die »Astrolinguistik« ist dieser Versuch vorerst gegen die Wand gefahren.