26.03.2026
Die potentiellen Herausforderer des Schachweltmeisters Gukesh Dommaraju

Es zählt nur der erste Platz

Am 29. März beginnt das Kandidatenturnier im Schach, bei dem der Herausforderer von Weltmeister Gukesh Dommaraju ermittelt wird. Eine Übersicht über die antretenden Spitzenspieler

Es ist der Traum aller professionellen Schachspieler und Schachspielerinnen: Einmal am Kandidatenturnier teilnehmen und um das Recht streiten, den amtierenden Weltmeister herauszufordern. Der Weg dorthin ist enorm schwierig und voller Unwägbarkeiten. Er führt hauptsächlich über das gute Abschneiden bei bestimmten großen Turnieren des internationalen Schachverbands (Fide), die am ehesten mit den Grand Slams im Tennis verglichen werden können. Seit Ende vergangenen Jahres steht fest, welche acht Spieler es geschafft haben. Sie werden vom 28. März bis zum 16. April in 14 Runden mit klassischer Bedenkzeit in Pegia, einer Kleinstadt an der Westküste Zyperns, gegeneinander antreten. Das Kandidatenturnier gehört zu den aufregendsten Turnieren im Schachkalender. Alle treten bestmöglich vor­bereitet an, denn es zählt nur der erste Platz.

Der Gewinner des Kandidatenturniers darf sich zudem gute Chancen auf den Weltmeistertitel ausrechnen. Seitdem der indische Großmeister Gukesh Dommaraju 2024 den Chinesen Ding Liren bezwang und mit ­gerade einmal 18 Jahren jüngster Weltmeister in der Geschichte des Schachs wurde, geht seine Formkurve nach unten. Während er bis in die erste Jahreshälfte 2025 immerhin noch gelegentlich um die vorderen Plätze bei Turnieren mitspielen konnte, werden seine uninspirierten Vorstellungen seither nicht selten von haarsträubenden Fehlern begleitet, so dass er zuletzt beinahe aus den Top 20 der Weltrangliste geflogen wäre. Auch wenn Leistungsschwankungen in dem Alter nicht ungewöhnlich sind, scheint – wie es schon vor ihm bei Ding Liren der Fall war – die Bürde des Titels schwer auf seiner Performance zu lasten.

Nakamura ist der umstrittenste Kandidat, denn er trickste sich durch die Teilnahme an vier niederklassigen Turnieren auf 40 klassische Spiele im Zeitraum eines Jahres, was die Bedingung für die Platzierung ist. 

Das Teilnehmerfeld des Kandidatenturniers ist dieses Jahr äußerst heterogen besetzt. Der einzige Platz, der anhand der Weltranglistenplatzierung vergeben wurde, geht an den US-Profi Hikaru Nakamura, den nominell stärksten Spieler im Turnier. Nakamura ist gleichzeitig der umstrittenste Kandidat, denn er trickste sich durch die Teilnahme an vier niederklassigen Turnieren auf 40 klassische Spiele im Zeitraum eines Jahres, was die Bedingung für die Platzierung ist. Manche bewundern den Pragmatismus des Louisiana State Champions, andere halten sein Vorgehen für unsportlichen Zynismus. 

Die fehlende Praxis könnte Nakamura jedenfalls zum Verhängnis werden, denn das regelmäßige Kräftemessen mit anderen Supergroßmeistern gilt als essentiell für den Erhalt der Spielstärke. Während ihm viele Großmeister daher geringe Gewinnchancen beim Turnier einräumen, macht ihn dies gleichzeitig sozusagen zu einer Wundertüte, denn zweifellos ist Nakamura immer noch ein Gigant im Spitzenschach. Seine Klasse stellt der mittlerweile sich hauptsächlich als Streamer in Erscheinung tretende US-Amerikaner bei dem wöchentlich stattfindenden Online-Blitzturnier Titled Tuesday zur Schau, wo er im Gesamtscore unangefochten vor der Konkurrenz steht.

Als Favorit gilt der ebenfalls für die USA spielende Fabiano Caruana. Der 33jährige nahm bereits fünf Mal an Kandidatenturnieren teil, gewann das Turnier 2018 und lieferte sich danach mit Magnus Carlsen, der von 2013 bis 2023 Weltmeister war, einen Titelkampf auf Augenhöhe. Er ist bekannt für seine herausragende Eröffnungsvorbereitung und sein konsistentes Spiel. Fast alle Experten und Expertinnen sind sich einig: Die Kombination aus starker Form und viel Erfahrung gibt ihm die besten Chancen auf den Sieg. 

Der nächste in der aktuellen Rating-Liste ist der Chinese Wei Yi, der sich über den zweiten Platz im Weltpokal qualifizierte. Wie viele im Feld war der 26Jährige ein Wunderkind: Mit gerade einmal 15 Jahren erreichte er die Spielstärke von 2 700 Elo-Punkten, was sonst noch niemandem gelang. Er pausierte seine Schachkarriere, um in China Ökonomie zu studieren, was seinem Spiel jedoch nicht geschadet zu haben scheint: 2024 meldete er sich mit einem furiosen Sieg im Spitzenturnier Tata Steel Masters in Wijk aan Zee zurück. Wei Yi ist für seine Stabilität und sein punktgenaues Zeitmanagement bekannt – nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. 

Ähnlich stabil ist der Niederländer Anish Giri. Mit seinen 31 Jahren gehört Giri bereits seit über einer Dekade zur Weltspitze. In den vergangenen Jahren hatte der mehrfache Familienvater weniger gute Ergebnisse vorzuweisen, was sich jedoch zuletzt änderte. Im Herbst 2025 ­gewann er überzeugend das Grand Swiss und qualifizierte sich damit fürs Kandidatenturnier. Ähnlich wie bei Wei Yi wird Giris Stabilität ihm von Kommentatoren und Kommentatorinnen aber auch als Schwäche im Kandidatenturnier ausgelegt: Es genügt nicht, nicht zu verlieren, sondern es braucht zahlreiche Siege, was den beiden eher nicht zugetraut wird.

Jüngster Teilnehmer ist der 20jährige Usbeke Jakhovir Sindarov, dem es gelang, Wei Yi im Finale des World Cup zu schlagen. Sindarov stand zuvor eher im Schatten seines Landsmanns Nodirbek Abdusattorov, konnte jedoch im vergangenen Jahr seine Klasse unter Beweis stellen. Wo auch immer er antrat, erzielte Sindarov herausragende Ergebnisse. Unter anderem auch in den renommierten Freestyle-Schach-Turnieren, bei denen es weniger um Vorbereitung als um ein tiefes Spielverständnis geht. Sindarov geht nicht als Favorit ins Kandidatenturnier, Siegeschancen trauen ihm wohl dennoch die meisten zu.

Andrej Jessipenko ist der einzige russische Kandidat. Wegen der Sanktionen gegen den russischen Schachverband wird der 23jährige unter der Flagge der Fide antreten. Jessipenko sorgte 2021 für Aufsehen, als es ihm gelang, den damaligen Weltmeister Magnus Carlsen in Wijk aan Zee zu schlagen. 

Das gilt ebenso für den nur wenig älteren Inder Rameshbabu ­Praggnanandhaa, von seinen zahlreichen Fans liebevoll Pragg genannt. Das Wunderkind war bereits im vergangenen Kandidatenturnier angetreten, wo er durch waghalsige wie innovative Eröffnungsvorbereitung beeindruckte. Praggnanandhaa startete herausragend in die erste Jahreshälfte 2025 und gewann gleich drei Spitzenturniere in Folge, inklusive dem Tata-Steel-Schach­tunier, seitdem ist seine Leistung jedoch auffällig eingebrochen. Statt um die Spitzenplätze sieht man ihn derzeit häufiger um den Verbleib im Mittelfeld kämpfen. Ungeachtet der Formschwäche, die viele durch zu häufige Teilnahme an Turnieren erklären, hat Praggnanandhaa jedoch oft genug bewiesen, dass er in der Lage ist, hochklassige Events zu gewinnen.

Andrej Jessipenko ist der einzige russische Kandidat. Wegen der Sanktionen gegen den russischen Schachverband wird der 23jährige unter der Flagge der Fide antreten. Jessipenko sorgte 2021 für Aufsehen, als es ihm gelang, den damaligen Weltmeister Magnus Carlsen in Wijk aan Zee zu schlagen. In den vergangenen Jahren wurde es aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der folgenden Isolation Russlands ruhiger um ihn, bis er dann im vergangenen World Cup den dritten Platz erzielen konnte. Die Abstinenz von Spitzenturnieren macht es schwer, seine tatsächliche Spielstärke einzuschätzen. Jessipenko war 2022 einer der russischen Schach-Aktiven, die sich in einem offenen Brief gegen den Krieg aussprachen. Ein Erfolg im Kandidatenturnier würde vom russischen Verband und damit auch der Regierung dennoch sicher für Propagandazwecke genutzt. 

Letztgesetzt im Turnier ist Matthias Blübaum, der im Grand Swiss Zweiter wurde. Blübaum ist der erste deutsche Kandidat seit Anfang der neunziger Jahre und definitiv ein Underdog. 28 Jahre alt, unterbrach Blü­baum seine professionelle Schachkarriere, um ein Mathematikstudium zu absolvieren. Hinter ihm liegt nun das beste Jahr seiner Schachkarriere. Beim Gewinn der Europameisterschaft, beim Grand Swiss und in Wijk aan Zee im Januar 2026 hat Blü­baum bewiesen, dass er mit der Weltspitze mithalten kann. Sollte seine Konkurrenz mit zu viel Risiko auf Sieg gegen ihn spielen, könnte ihm dies Überraschungschancen er­möglichen.

Wer fehlt im Kandidatenturnier? Drei der stärksten Nachwuchsspieler, jeweils auf der aktuellen Spitzen­position ihres Landes, haben den Einzug knapp verfehlt: Der Inder ­Arjun Erigaisi, der Usbeke Nodirbek Abdusattorov und der Deutsche Vincent Keymer müssen das Geschehen vom Spielrand aus verfolgen. Ebenso wird Magnus Carlsen nicht dabei sein, der immer noch als der beste Spieler im klassischen Schach gilt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sein Rückzug die Reputation des Titels geschmälert hat. Insbesondere da derzeit ständig neue Weltmeistertitel ausgerufen werden, wie der Titel im Freestyle-Schach oder die norwegische Total Chess World Championship 2026, die ­Carlsens Trophäenhunger eher reizen als der klassische Fide-Titel.

Trotz alledem gibt es keinen Zweifel: Der Weltmeistertitel im klassischen Schach setzt immer noch beispiellos hohe Ansprüche an Vorbereitung, psychische Resilienz und Ausdauer voraus. Der lange Zweikampf mit klassischer Bedenkzeit in einem guten Dutzend Partien hat nicht an Faszination verloren, und so wird auch das Kandidatenturnier in Vorbereitung darauf sicher wieder von Millionen Schachfans weltweit verfolgt werden.

Anzumerken ist noch, dass zur gleichen Zeit das Kandidatenturnier der Frauen stattfindet. Es wird überschattet davon, dass bei diesem Turnier zwei russische Kandidatinnen anwesend sind, die sich an Kriegspropaganda-Turnieren beteiligt haben. Sollte sich hoffentlich eine andere Kandidatin durchsetzen, freuen wir uns auf den Titelkampf und hoffen ansonsten, dass dieses Kandidatenturnier wenig Beachtung ­findet.