26.03.2026
Altın Güns Hommage an Neşet Ertaş

Kein Schwelgen

Das neue Album der türkisch-niederländischen Psychedelic-Folk­rock-­Band Altın Gün ist ein Statement und gesellt sich zu anderen zeitgenössischen Neuerkundungen traditioneller türkischer Musik.

Mit »Garip« hat die türkisch-niederländische Psychedelic-Folk­rock-­Band Altın Gün ihr sechstes Studioalbum vorgelegt – und würdigt mit ihm den 2012 verstorbenen Bağlama-Spieler und Sänger Neşet Ertaş – eine regelrechte Institution der türkischen Musik.

Das türkische Wort »garip« bedeutet »einsam«, »arm«, aber auch »seltsam«. Der Albumtitel spielt darauf an, dass mittellose Musiker, wie auch Neşet Ertaş einst einer war, in mitleidsvoller Absicht mit diesem Wort bezeichnet wurden. Zehn Kompositionen Ertaş’ wurden für das Album ausgewählt und liebevoll durch die eigene Sound-Mühle gedreht, inklusive Wah-Wah-Effekt und quirligem Synthesizer. Altın Gün stellen sich in eine lange Tradition, denn seit den siebziger Jahren werden Ertaş’ Stücke gecovert. Auch ist es nicht das erste Mal, dass sich die Band an die Neuinterpretation von türkischen Klassikern macht; so handelt es sich bei »Yolcu«, dem Opener ihres Albums »Gece« (2019), ebenfalls um eine Komposition von Ertaş.

Das türkische Wort »garip« bedeutet »einsam«, »arm«, aber auch »seltsam«. Der Albumtitel spielt darauf an, dass mittellose Musiker, wie auch Neşet Ertaş einst einer war, in mitleidsvoller Absicht mit diesem Wort bezeichnet wurden

Zudem waren schon die vorigen Alben der Band geprägt vom Einsatz der Bağlama, einer birnenförmigen Langhalslaute, die zu den gängigsten Saiteninstrumenten in der traditionellen anatolischen Musik gehört. Neu hingegen ist, dass man nach dem Ausscheiden der Sängerin Merve Daşdemir nun auf allen Tracks die Stimme von Erdinç Ecevit Yıldız hört.

Das Interesse an der ausgesprochen vielseitigen türkischen Mischung aus Volks- und Popmusik der Sechziger und Siebziger ist derzeit groß – so beispielsweise auch bei der Hamburger Musikerin Derya Yıldırım oder der Berliner Band Kara Delik. Mit den Neuinterpretationen der Ertaş-Klassiker machen Altın Gün auch darauf aufmerksam, dass sich in den Stücken vielfach eine Liberalität und Laizität artikuliert, die in auffälligem Kontrast sowohl zur AKP-Politik unter Präsident Erdoğan als auch zum Erstarken autoritärer Kräfte anderswo steht. »Garip« ist also kein einfaches Schwelgen im Vergangenen, sondern probiert aus, welche Bedeutungen und Wirkungen diese Stücke in der heutigen Situation zu entfalten vermögen.


Altın Gün: Garip (Glitterbeat Records)