Ökopopulismus im Höhenflug
Lange Zeit war die Green Party of England and Wales mehr oder weniger eine Umwelt-NGO mit parlamentarischem Arm und leicht antizionistischen Tendenzen, die sich hauptsächlich für den Ausbau von Radwegen und den Schutz lokaler Hecken einsetzte. Die Partei hat jedoch seit August 2025 eine rasante Metamorphose vollzogen. Sie hat die Zahl ihrer Parteimitglieder vervielfacht und gewinnt auch in den Wahlumfragen hinzu. Der neue Erfolg der Partei lässt sich darauf zurückführen, dass sie sich als Ventil für berechtigte soziale Frustration anbietet und einen linken Populismus bedient, der auf antiamerikanischem Isolationismus und Israel-Hass beruht.
Möglich wurde dieser Aufstieg durch die schwindende Popularität der regierenden Labour Party unter Premierminister Keir Starmer. Als sie im Juli 2024 die absolute Mehrheit der Mandate gewann, sprachen Analysten von loveless landslide. Labour holte die 411 der 650 Sitze im Unterhaus mit nur 34 Prozent der Wählerstimmen. Im britischen Mehrheitswahlrecht kam der Partei zugute, dass die Stimmen der Rechten zwischen den Tories und Reform UK gespalten waren. Starmer hatte die sozialkonservativen, älteren Wähler im Norden umworben, stieß dabei aber die eigene progressive, proeuropäische Basis vor den Kopf. Linksliberale Wählerinnen und Wähler suchten sich daraufhin offenbar eine neue politische Heimat und fanden sie bei den Greens.
Außenpolitisch positionieren sich radikalisierte Greens deutlicher als bisher antiamerikanisch und antiwestlich und sprechen damit der britischen Altlinken aus dem Herzen.
Entscheidend für deren Erfolg ist ihre Radikalisierung unter der neuen Führung von Zack Polanski, dem vorherigen stellvertretenden Vorsitzenden. Im August 2025 gewann er mit 84,1 Prozent der Stimmen die interne Urwahl gegen das Duo aus dem bisherigen moderaten Co-Vorsitzenden Adrian Ramsay und Ellie Chowns. Polanski bezeichnet sich selbst als Ökopopulisten und ist gewissermaßen der Popstar des neuen Ökosozialismus. Er verknüpft die grassierende Lebenshaltungskostenkrise rhetorisch mit dem Klimakollaps und brandmarkt beides als Symptom eines ausbeuterischen, neoliberalen Systems.
Seine Rhetorik hat Erfolg: Zwischen September 2025 und März 2026 stieg die Mitgliederzahl der Greens von 65.000 auf über 216.000. In Umfragen von Yougov vom März kommen die Greens auf 21 Prozent und lassen Labour sowie die Tories mit jeweils 16 Prozent hinter sich; lediglich die Rechtspopulisten von Reform UK liegen mit 23 Prozent vor ihnen. Unter den befragten 18- bis 24jährigen hat die Partei eine Zustimmung von 49 Prozent. Prognosen für die Kommunalwahlen im Mai 2026 zufolge wird Labour in London stark abgestraft werden, die Greens könnten bis zu 530 Sitze sowie neun Bezirke übernehmen. Bei nationalen Wahlen rechnet man mittlerweile mit bis zu 56 Parlamentssitzen für die Grünen.
Der desillusionierten Labour-Wählerschaft scheint Polanski genau jene ideologische Eindeutigkeit zu liefern, die Starmer ihr verweigert. Die wirtschaftspolitischen Forderungen der Grünen unter der neuen Parteiführung lesen sich wie ein linkspopulistischer Wunschzettel: eine Reichensteuer von einem Prozent auf Vermögen über zehn Millionen Pfund sowie die Verstaatlichung der Infrastruktur. Bei der Frage der Finanzierung gehen die Meinungen der Parteiflügel jedoch auseinander. Während der moderate parteinahe Think Tank Verdant um den Ökonomen James Meadway auf fiskalische Disziplin pocht, um institutionell glaubwürdig zu bleiben, träumt der radikale Flügel unter Berufung auf die Modern Monetary Theory von unendlicher Geldschöpfung seitens des Staats, Vollbeschäftigung und ökologischem Umbau.
Außenpolitisch positionieren sich viele Greens deutlicher als bisher antiamerikanisch und antiwestlich und sprechen damit der britischen Altlinken aus dem Herzen. Als die USA im März britische Stützpunkte auf Zypern zur Abwehr iranischer Angriffe nutzten, forderte Polanski nicht nur ein parlamentarisches Veto, sondern forderte, US-Streitkräfte komplett von britischem Boden zu verbannen und aus der Nato auszutreten. Polanskis »Friedenspolitik« erscheint dabei als eine linke Spielart des »Take Back Control«-Nationalismus der Brexiteers, die mit diesem Slogan Stimmung für den Austritt Großbritanniens aus der EU gemacht hatten.
Die Greens zeigen sich nicht mehr nur vereinzelt antizionistisch, sondern deutlich judenfeindlich, und das bis in die höchste Parteispitze. Personifiziert wird das in der Wahl von Mothin Ali zum stellvertretenden Parteivorsitzenden neben Rachel Millward. Ali hatte bereits bei den Kommunalwahlen 2024 in Leeds landesweit für einen Eklat gesorgt, als er seinen Sieg als grüner Stadtrat lautstark dem palästinensischen »Widerstand« in Gaza widmete und mit »Allahu Akbar«-Rufen feierte.
Ali ist Mitglied der Gruppe Greens for Palestine und setzt sich dafür ein, das israelische Vorgehen im Gaza-Streifen als »Genozid« zu bewerten und Israel als Apartheidstaat einzustufen und zu boykottieren. Zur grünen Parteiführung gehört nun ein Politiker, dessen antiisraelische Obsession und islamistisches Vokabular bestens dokumentiert sind. Auch Polanski selbst, der aus einer jüdischen Familie stammt, bezeichnet den Gaza-Krieg als »Genozid« und kritisiert die britische Regierung für ihre Unterstützung Israels.
Die linkspopulistische Strategie zeigte sich auch beim historischen Sieg der Grünen bei Nachwahlen im nordenglischen Gorton und Denton im Februar. Mit auf Urdu gedruckten Flugblättern und einem Fokus auf die angebliche britische Mitschuld an einem »Genozid« in Gaza wurde gezielt an antizionistische Ressentiments unter muslimischen Wählerinnen und Wählern appelliert. Hannah Spencer von den Grünen gewann die Wahl im bis dahin von Labour dominierten Wahlkreis mit knapp 41 Prozent der Stimmen. Es war der erste Sieg der Partei bei einer Nachwahl.
Polanski kündigte an, bei der Parlamentswahl 2029 in einem der Wahlkreise in Hackney im Nordosten Londons zu kandidieren, wo bisher Labour dominiert. Wenn er dort ähnliche Strategien einsetzt, gegen Israel hetzt und quasi die Abschaffung des britischen Kapitalismus durch den Ausstieg aus der Nato verspricht, könnte er damit Erfolg haben. Statt zwischen Labour und den Tories würden die nächsten Wahlen dann zwischen den Rechtspopulisten von Reform UK und den Linkspopulisten der Greens entschieden werden.