Jungle+ Artikel 26.03.2026
Auszug aus dem Buch »Alles auf einmal, und zwar jetzt«

Postfordistische Belastungsstörung

Warum ADHS-Symptome nicht neu sind, aber im heutigen Arbeitsmarkt stärker problematisiert werden. Ein Plädoyer dafür, Leistungsnormen kritisch zu hinterfragen und sich selbst mehr Nachsicht zu erlauben. Auszug aus dem bei C. H. Beck erschienenen Buch »Alles auf einmal, und zwar jetzt! ADHS: Individuelle Diagnose, gesellschaftliche Folgen«.

Es ist beruhigend zu wissen, dass man ein normales Zebra ist, kein seltsames Pferd. So geht eine beliebte Analogie, die erklären soll, weshalb Labels wie ADHS für viele Menschen so wichtig sind. Sie wüssten dann, dass sie als Pferd nicht gescheitert sind, schließlich gelten für Zebras andere Regeln. Dieses Denken kann dabei helfen, sich von den herkömmlichen Normen ein Stück weit zu distanzieren. Viel von dem, was unter dem Etikett ADHS läuft, geht auf ein Hadern mit Leistungsanforderungen zurück. Bereits die Diagnostik steht unter diesem Stern: Schwierigkeiten in Schule, Ausbildung oder Beruf sind ein häufiger Anlass.

Bastian, einer meiner Interviewpartner, erzählt davon, dass er in seinem Verwaltungsjob bei der Deutschen Bahn schwer bei der Sache bleiben kann. Nach vier Stunden am Computer sei er völlig fertig, klagt er. Nun bemüht er sich um eine offizielle Diagnostik. Sein ganzes Leben lang habe er sich als Versager gefühlt. Mit einer Diagnose wüsste er dann endlich, dass er mit erschwerten Bedingungen durchs Leben gehe, meint Bastian. Diese Geschichte hörte ich von anderen Betroffenen in verschiedenen Abwandlungen immer wieder, stets mit ähnlicher Pointe: Ich bin gar nicht dumm, es ist eine ADHS!

Die neue Berufswelt beanspruchte nicht weniger, sondern anders. Statt die körperliche Arbeitskraft zu disziplinieren, wirkte sie direkter auf die Psyche des Menschen ein.

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