Tief im Osten, wo die Sonne aufgeht
Über die AFD oder über Wölfe solle Maria berichten, rät der Chefredakteur der jungen Journalistin in Lukas Rietzschels Roman »Sanditz« (erschienen bei DTV) über die gleichnamige fiktive Stadt im Lausitzer Braunkohlerevier. Typische Ost-Themen also sollen es sein, Maria ist genervt.
Wie seine Figur Maria, die nach ihrem Studium im Westen in die Lausitz zurückkehrt, hat auch der 32jährige Autor all die Klischees über den Osten satt. Er erzählt mosaikartig, aus wechselnden Perspektiven von der DDR gegen Ende der siebziger Jahre, von den Zeiten des Mauerfalls und vom Lockdown-Winter 2021 bis nah an unsere Gegenwart. Im Zentrum steht eine protestantische Familie. Da ist Marias rebellischer Zwillingsbruder Tom, Ex-Polizist, Coronamaßnahmengegner, der gegen Ende des fast 500 Seiten starken Romans in einem exzellent recherchierten Showdown im Kampfverband der Ausländer für die Ukraine in den Krieg geht. Sein gutherziger Ziehvater Roland lebt seine Homosexualität nur heimlich. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Marion, die er aus Freundschaft geheiratet hat, hat Roland nach dem Mauerfall verhindert, dass in dem Ort Stasi-Unterlagen verbrannt wurden. Marions Bruder Dirk, der als sogenannter Bausoldat schwer traumatisiert wurde, wagt erst nach dem Tod seiner dominanten Mutter zaghafte Schritte ins Leben.
Immer geht es um geplatzte Träume, das Sicharrangieren mit neuen Realitäten, um Lebenslügen und natürlich um die Liebe.
Wunderbar ist, dass der Görlitzer Autor, dessen Debüt »Mit der Faust in die Welt schlagen« fulminant verfilmt wurde, in seinem ambitionierten Roman all seinen Figuren ihr Geheimnis lässt. So hängt man den Figuren in Gedanken noch lange im eigenen Alltag nach, der sich – überflüssig zu sagen – im Kern nicht von dem der Menschen unterscheidet, die ostsozialisiert sind: Immer geht es um geplatzte Träume, das Sicharrangieren mit neuen Realitäten, um Lebenslügen und natürlich um die Liebe.
Viel Liebe für die Musik der afroamerikanischen Popgeschichte versprüht Flea, der Bassist von Red Hot Chili Peppers, auf seinem ersten Soloalbum »Honora«, das vor allem eine Ehrerweisung an den Großvater der Funkmusik ist – den Jazz. Bei »Honora« hat man es letztlich mit einem Jazzfunkpunk-Album zu tun. Leider reicht es über die Gesamtdauer nicht an die phantastische erste Single-Auskopplung »A Plea« heran. Doch wenn Flea und Band am Ende davon singen »Free As I Want To Be« zu sein, groovt man gerne mit und kriegt endlich den Winter aus den Klamotten geschüttelt.