Unstillbarer Durst nach Subventionen
Wenn das der Papa noch erlebt hätte! Ursula von der Leyen (CDU), die Präsidentin der EU-Kommission, bekannte sich dieser Tage zur Atomenergie. Ihr Vater, Ernst Albrecht (CDU), niedersächsischer Ministerpräsident von 1976 bis 1990, war schon immer dieser Meinung gewesen, halste sich aber sehr große Probleme mit seiner Entscheidung auf, im Kreis Lüchow-Dannenberg ein sogenanntes nukleares Entsorgungszentrum einzurichten. Gorleben wurde zum Kristallisationspunkt des Kampfs für und wider die Atomkraft, und wie der in Deutschland ausging, ist bekannt.
Doch was hierzulande geschah, ist keineswegs die Norm in der EU. Emmanuel Macron, Präsident der Atommacht Frankreich, und Rafael Grossi, Präsident der Internationalen Atomenergie-Agentur in Wien (IAEA), hatten für den 10. März zum »Weltgipfel für Atomenergie« nach Paris geladen. 40 Staaten nahmen teil, neun davon mit ihren Staats- oder Regierungschefs, unter anderem Ruanda, die Ukraine, die Slowakei, Griechenland und natürlich Frankreich. Eine auffällige Präsenz zeigten afrikanische Staaten, vereint in der Afrikanischen Kommission für Kernenergie, die ihren Sitz in Südafrika hat. China schickte einen stellvertretenden Ministerpräsidenten, die USA einen Unterstaatssekretär. Von bundesrepublikanischer Seite waren lediglich Diplomaten aus der deutschen Vertretung bei der IAEA digital zugeschaltet. Die Geste war deutlich.
Der bislang letzte Neubau eines Atomkraftwerks in Europa kostete 23,7 Milliarden Euro, siebenmal so viel wie ursprünglich angekündigt.
Gastgeber Macron versprach Fortschritt, Wohlstand und Unabhängigkeit durch Atomenergie, Grossi Autonomie und Souveränität, Chinas Zhang Guoqing Sicherheit und Nachhaltigkeit, Ruandas Präsident, Paul Kagame, Stabilität und industrielles Wachstum. Das alles war keine Überraschung. Hingegen machte von der Leyen Schlagzeilen. Sie bedauerte öffentlich die Abkehr von der Atomkraft: »Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren.« Heute gebe es eine weltweite Renaissance der Kernenergie; die Staaten der EU wollten nicht nur daran teilhaben, sondern Weltmarktführer werden.
Dieser Anspruch ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Staaten der EU produzieren mit ihren insgesamt 98 Reaktoren ähnlich viel Atomstrom wie die USA mit 94 Meilern. Weitere vier Reaktoren sind in der Schweiz in Betrieb, neun in Großbritannien und 15 in der Ukraine. Die Tendenz geht freilich beständig nach unten. Der nukleare Anteil an der europäischen Elektrizitätsversorgung hat sich in diesem Jahrtausend halbiert.
Es waren starke Worte der Kommissionspräsidentin, denen sie bescheidene Taten folgen ließ. Von der Leyen kündigte Risikoabsicherungen in Höhe von 200 Millionen Euro für private Geldgeber an, die in neue Atomtechnologien investieren. Die Mittel dafür würden aus dem EU-Emissionshandel kommen. Damit verfolge die EU-Kommission das Ziel, dass kleine modulare Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit werden.
200 Millionen sind in den Augen von Verbrauchern eine Menge Geld, aber für die Atomindustrie weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Der bislang letzte Neubau eines Atomkraftwerks in Europa, Flamanville-3 in der Normandie, kostete nach Angaben des französischen Rechnungshofs 23,7 Milliarden Euro, siebenmal so viel wie ursprünglich angekündigt (Jungle World 33/2020). Das ist – für ein einziges AKW – mehr als das Hundertfache des von der EU-Kommission in Aussicht gestellten Betrags, der zudem nicht von ihr ausgeschüttet werden, sondern nur als Bürgschaft dienen soll.
Aber die Ankündigung von der Leyens bezog sich auch nicht auf den Zubau herkömmlicher Großkraftwerke, sondern auf die Förderung neuer nuklearer Technologien. Es geht ihr um die sagenumwobenen Small Modular Reactors mit Leistungen bis 300 Megawatt, deren Module man in Fabriken vorfertigen möchte, so dass sie billiger und schneller zu errichten wären. Außerdem variieren kreative Nuklearingenieure alle möglichen Parameter beim Brennstoff, der Betriebstemperatur, bei den Kühl- und Moderationsmitteln, damit angeblich weniger Atommüll anfällt – ein von vielen Fachleuten bezweifeltes Kalkül, da vier kleine Reaktoren anstelle eines großen eher mehr Aufwand, mehr Unterhaltskosten und mehr Dreck bedeuten würden.
Bisher existieren SMR nur auf dem Reißbrett und in Computersimulationen. Mehrere Projekte sind schon spektakulär gescheitert, etwa Nuscale in den USA oder Astrid und Naarea in Frankreich. Oder man experimentiert immer noch an ihrer Bauweise, so zum Beispiel bei der 2006 gegründeten Firma Terra Power des Microsoft-Gründers Bill Gates, wo man jetzt einen natriumgekühlten Reaktor anstelle des vor fast 20 Jahren spektakulär angekündigten Laufwellenreaktors präferiert. Bei Nuward, einer Tochter des staatlich-französischen Energieversorgers Électricité de France (EDF), musste die ursprüngliche Planung gleich komplett aufgegeben werden. Die französischen Hoffnungen ruhen nun auf dem SMR-Projekt der Firma Newcleo, bei dem recycelter Mox-Brennstoff (Uran und Plutonium) aus der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague eingesetzt werden soll.
In der Bundesrepublik gibt es zwar Forschungen in München und Karlsruhe, aber kein nennenswertes Start-up, das sich der SMR-Technik verschrieben hätte. Stattdessen investieren Bund und Länder in die Kernfusion, eine von der Kernspaltung völlig verschiedene Technik, um nicht zu sagen: Utopie. Zuletzt hat Bayern 400 Millionen Euro für das Münchner Unternehmen Proxima Fusion bereitgestellt. Sofern der Bund nochmal 1,2 Milliarden Euro beisteuert, hat man es hier mit dem Vielfachen der von der EU für die SMR-Entwicklung in Aussicht gestellten Summe zu tun.
Zukunftsmusik vorzuspielen, wie es von der Leyen tut, obwohl es in der Realität nicht so recht vorangeht, hat mindestens einen Effekt: immer wieder mediale Kampagnen auszulösen, um den Bürgern im Bereich Atomenergie etwas ganz Neues und Fortschrittliches zu versprechen. Wollte nicht Polen bei den kleinen Wunderreaktoren vorangehen? Beschlossen wurde allerdings ein konventionelles Atomkraftwerk in Choczewo mit drei AP1000-Reaktoren, mit einer Leistung zu jeweils 1 200 Megawatt, hergestellt von Westinghouse (USA) für 42 Milliarden Euro. Der Verlust eines der schönsten Ostseestrände ist in dieser Rechnung nicht enthalten. Der polnischen Regierung war ohnehin, die Genehmigung der Europäischen Kommission wichtiger, ein Drittel aus polnischen Staatsmitteln zu den Kosten zuzuschießen.