26.03.2026
Beobachtungen im Ostseeurlaub

Vögel, die Fische essen

Manchmal sterben Wale in der Ostsee. Gut, manchmal sterben auch Menschen in der Ostsee, aber weil Ertrinken leise und unauffällig geschieht, bekommt das kaum jemand mit.

Allgemein wird in Meeren ohnehin viel gestorben. Damit lässt es sich am Strand bei Matjesbrötchen und kühlen Getränken aber ganz gut leben. Bis sich eben ein Wal auf eine Sandbank verirrt. Oder eine Möwe sich ausgerechnet zwischen Strandkörben niederlässt, um einen noch sehr lebendigen, frisch gefangenen Fisch erst zu killen und anschließend zu verzehren. Was keine Sache von ­Sekunden ist, sondern auf der einen Seite ein Kampf ums Überleben und auf der anderen mutmaßlicher Möwenalltag, nämlich etwas auf­zuessen, was partout nicht gegessen werden will.

»Ja, was haben Sie denn gedacht, wovon Möwen leben, nur von geklauten Fritten und Brötchenresten?«

In solchen Fällen dauert es nicht lang, bis der ganze Strand Anteil nimmt. Erwachsene fordern sich wahlweise gegenseitig auf, was zu unternehmen, weil so etwas doch nun mal ganz klar kein Anblick für die zarten Kinderseelen des kleinen Kai-Benedikt oder der kleinen Cara-Celeste ist, nun tu doch was. Oder machen Geräusche, von denen sie annehmen, dass sie die Möwe stören könnten, nicht einkalkulierend, dass der Vogel den Fisch dann halt im Schnabel ein paar Meter weiter zur nächsten Strandkorbreihe transportiert. Wo das Ganze von vorn losgeht, bis irgendwer sehr laut sagt: »Ja, was haben Sie denn gedacht, wovon Möwen leben, nur von geklauten Fritten und Brötchenresten?«

Das genügt, umgehend wird der unempathische, am Fischleid nicht interessierte Mensch zum Hauptfeind Nummer eins, schade für die Möwenbeute, die aber mittlerweile ohnehin nicht mehr sehr lebendig wirkt. Nach viel »wie kann man nur« und »manche Leute haben wirklich kein Herz« wird der Urlaubsverderber dann noch kurz grundsätzlich und macht böse Bemerkungen über den lebendig gekochten Inhalt abend­licher Krabbencocktails. Oder über panierte Schnitzel aus Babykühen, was, wie wohl erhofft, die allgemeine Aufregung fast zum Siedepunkt bringt, aber dann ist es auch schon fünf und Zeit für Kaffee und Kuchen. Schnell noch Kai-Benedikt und Cara-Celeste einsammeln, die aber gerade damit beschäftigt sind, mit ihren Schaufeln eine angespülte Qualle zu zerlegen.