Zur falschen Zeit
Am Anfang von Richard Linklaters kammerspielartigem Drama »Blue Moon« steht ein tragischer Niedergang. Ein gut gekleideter Herr streift volltrunken singend durch eine verregnete Gasse, geht schließlich zu Boden und erliegt seinem Rausch. Es ist nicht nur das Lebensende des Liedtexters Lorenz Hart, sondern auch das endgültige Ende der Ära des erfolgreichen Komponistenduos Rodgers und Hart, dem die Menschheit zahlreiche Musicals und unsterbliche Klassiker wie »The Lady Is a Tramp«, »Little Girl Blue«, »My Funny Valentine« und eben »Blue Moon« verdankt – und damit das Ende einer dezidiert jüdischen Erfolgsgeschichte. Sein Komponistenkollege Richard Rodgers hatte Hart bereits kurz zuvor gegen den Produzenten und Liedtexter Oscar Hammerstein ausgetauscht, was eine gefälligere Musik zur Folge hatte.
Am 31. März 1943 feierte das erste gemeinsame Musical von Rodgers und Hammerstein, »Oklahoma!«, Premiere. Mit dieser setzt die eigentliche Handlung von »Blue Moon« ein: Cowboys und Farmer tanzen vor einem ländlichen Bühnenbild, das die agrarische Landschaft des titelgebenden Bundesstaats darstellen soll. Für den geschassten Lorenz Hart, hinreißend verkörpert von einem gestriegelten Ethan Hawke, Grund genug, die Vorführung mit der Erklärung, er brauche einen Drink, frühzeitig zu verlassen. Der dandyhafte Texter findet sich an der Bar des New Yorker Restaurants »Sardi’s« ein, in dem später auch die Premierenfeier stattfinden soll – und blüht an seinem Platz wohlig auf.
Linklater zeichnet mit »Blue Moon« das Porträt eines Genies, das zugleich zu früh und zu spät zu leben scheint.
Seinen Drink bestellt der vorgeblich trockene Alkoholiker freilich nur, um ihn anzusehen, doch der Kunst der polemischen Barkonversation gibt er sich hemmungslos mit herrlich spitzer Zunge hin. Mit dem Pianisten Morty (Jonah Lees) und dem Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) diskutiert er über die Höhe- und Tiefpunkte der Filmgeschichte und persifliert seine eigene, sehr schwule Weise der Bisexualität als »Ambisexualität« (er könne mit beiden Händen masturbieren), schiebt aber sogleich erklärend nach, dass seiner Auffassung nach alle wahren Schriftsteller omnisexuell sein müssen, um alles und jeden auf dieser Welt in sich aufnehmen zu können.
Damit gewährt Hart einen ersten Vorgeschmack auf seinen Wortwitz und seine Libertinage, ehe er zu einem vernichtenden Verriss von »Oklahoma!« anhebt, jenem »14karätigen Stück Scheiße«, das in seiner provinziellen Harmlosigkeit die Frage aufwerfe, wer eine derart unanstößige Kunst überhaupt sehen wolle, und Hart ausrufen lässt: »Verlangt mehr!« Schließlich sei schon die Notwendigkeit des Ausrufezeichens im Titel des Musicals das Eingeständnis seiner Mittelmäßigkeit – verkörpert es doch in Harts so geistreicher wie anstößiger Metaphorik als Ausdruck abschließender Eindeutigkeit die Erektion, der er als Symbol der Offenheit und Ambivalenz – mithin der wahren Erotik – den halbsteifen Schwanz entgegenstellt: Man wisse nie, ob er gehe oder komme.
Der wortgewandte Tresenheld liefert in jener ersten halben Stunde von »Blue Moon« einen pointenreichen Ritt durch Fragen der Schönheit, der Liebe und des Begehrens ab, der zum Niederknien ist und dem Drehbuch von Robert Kaplow die verdiente Oscarnominierung eingebracht haben dürfte. Zu dem Trio in der Bar gesellt sich zunächst der Schriftsteller E. B. White (Patrick Kennedy), in dem Hart einen interessierten Gesprächspartner findet, während Mortys Unkenntnis der Werke von Rodgers und Hart (mit Ausnahme des titelgebenden »Blue Moon«) ebenso einen frühen Hinweis auf den Niedergang des geistreichen Dandys liefert wie dessen allzu insistierende Einladungen zu einer Soiree in seiner Wohnung am späteren Abend, an deren opulente Gästeliste er selbst nicht ganz zu glauben scheint.
Auf schmerzliche Weise verstärkt sich dieser Eindruck, als schließlich die Premierengesellschaft im »Sardi’s« Einzug hält und sich alles um den Erfolg von Rodgers (Andrew Scott) und seinem neuen Texter Hammerstein (Simon Delaney) dreht. Hart, der unter einfallsreichen Vorwänden inzwischen vom Betrachten zum Einverleiben seiner Drinks übergegangen ist, macht dem Komponisten das vergiftete Lob, »Oklahoma!« sei mit Sicherheit sein erfolgreichstes – und goyischstes – Musical. Rodgers, von Scott mit nachsichtiger Reserviertheit gespielt, erwidert auf die ausschweifenden Ideen seines ehemaligen Partners für neue gemeinsame Werke mit dem bremsenden Vorschlag einer begrenzten Anzahl neu eingespielter Klassiker.
Linklater zeichnet mit »Blue Moon« das Porträt eines Genies, das zugleich zu früh und zu spät zu leben scheint – zu früh, um trotz seiner sexuellen Devianz ein bürgerliches Leben jenseits der Nachtlokale führen zu können, und zu spät, um in jenen Jahren des Zweiten Weltkriegs, die im US-amerikanischen Showgeschäft zu einer neuen Emphase von Eindeutigkeit und Ernsthaftigkeit führten, mit seinem hintergründigen Witz noch eine Zukunft zu sehen. Unterstrichen wird diese Existenz zur falschen Zeit durch sein überschäumendes Begehren für die Schönheit der deutlich jüngeren Elizabeth (Margaret Qualley), die in Hart wiederum nur einen onkelhaften, schwulen Seelenverwandten zu sehen scheint – oder auch ein Mittel zu dem Zweck, an den erfolgreicheren Rodgers heranzukommen, dem offenbar die Zukunft gehört.
Dass das Kammerspiel (der Film spielt so gut wie komplett in der Bar) über die gesamte Laufzeit trägt, ist nicht zuletzt dem Ensemble zu verdanken. Ethan Hawke verleiht Hart eine nervöse Eleganz, in der Großspurigkeit, Selbstironie und Verzweiflung ineinander übergehen. Andrew Scott spielt Rodgers dagegen mit einer höflichen Distanz, hinter der gleichermaßen Zuneigung und Erschöpfung spürbar werden. Bobby Cannavale sorgt als Barkeeper (»Dr. Bacardi«) für eine lakonische Kommentierung des Geschehens, während Margaret Qualley der Figur der Elizabeth jene schwer greifbare Mischung aus Unschuld und Berechnung verleiht, an der sich Harts romantische Schwärmerei entzündet.
Dass Linklater die Geschichte eines Mannes, der unter die Räder seiner Zeit kommt, fast vollständig an einem Tresen spielen lässt, erweist sich dabei als Glücksgriff. Denn »Blue Moon« ist weniger ein Biopic als ein musikalischer Dialogfilm über Witz, Begehren und Vergänglichkeit. Während draußen die Welt des US-amerikanischen Musicals in eine neue Epoche aufbricht, sitzt Hart an der Bar und verteidigt noch einmal seinen ästhetischen Anspruch der Annäherung an so etwas wie Transzendenz und die Doppelbödigkeit des jüdischen Humors. Und in seiner rasenden Schwärmerei für Elizabeth fährt er alles auf, was er als »Bewunderer der Schönheit«, wie White ihn nennt, zu bieten hat.
So ist es nicht nur der Mensch Lorenz Hart, der in jener Nacht im »Sardi’s« zu verschwinden droht, sondern mit ihm eine ganze Kunstform: eine urbane, jüdische, doppeldeutige Unterhaltungskultur, deren Witz aus Andeutungen, Ambivalenzen und frivolen Zwischentönen bestand. Mit »Oklahoma!« beginnt dagegen das Musical der großen amerikanischen Gewissheiten – ländlich, aufrichtig, eindeutig. Dass Linklater diese Zeitenwende in den letzten Stunden eines Individuums gleichsam verdichtet, verleiht dem Film wiederum seine melancholische Schönheit: Es ist das Porträt eines Genies, das nicht an sich selbst zugrunde geht, sondern an einer Welt, in der seine Art von Geist keinen Platz mehr findet. Indem »Blue Moon« an Lorenz Hart erinnert, springt der Film ihm nachträglich rettend zur Seite – als Stellvertreter einer Nonchalance, die auch gegenwärtig durch neuerliche Gebote, nicht anstößig zu sein, in Bedrängnis gerät.
Blue Moon (USA/Irland 2025). Buch: Robert Kaplow. Regie: Richard Linklater. Darsteller: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale, Andrew Scott, Simon Delaney