Die fremde Familie
Eigentlich geht es der 18jährigen Marina (Llúcia Garcia) in Carla Simóns Spielfilm »Romería – Das Tagebuch meiner Mutter« nur um die Dokumente, die sie für ihre Bewerbung um ein Stipendium an der Filmakademie braucht. Marina ist nach dem frühen Tod der Eltern bei ihrer Adoptivmutter in Katalonien aufgewachsen. Ihren Vater und seine Familie im galizischen Vigo hat sie nie kennengelernt. Weil ihr Erzeuger von den Behörden als kinderlos geführt worden ist, benötigt sie ein Vaterschaftszertifikat oder entsprechende Dokumente von dessen Familie. Deshalb reist die junge Frau von Barcelona nach Vigo an die Atlantikküste.
Dort wird Marina sofort auf die Segeljacht eingeladen, auf der ihr Onkel Lois (Tristán Ulloa) mit seiner Familie ein paar Urlaubstage verbringt. Was für Marina folgt, ist eine innere Reise in die eigene Familiengeschichte – eine Art persönliche »Romería«, ein Wort, das im Spanischen eine Wallfahrt, im Galizischen aber auch eine Fiesta beschreibt. Der neue Film Carla Simóns verbindet Vergangenheitserkundung mit Aufbruch genauso wie das Blau der Bucht von Vigo mit dem Grün der zerklüfteten Küste samt ihrer vorgelagerten Inseln. Dort taucht die Protagonistin in eine wohlsituierte Großfamilie ein, die sie bald den anfangs noch regen telefonischen Austausch mit ihrer Adoptivmutter vergessen lässt.
Mit dem Ende der »Movida« brach eine Heroin- und Aids-Welle mit vielen Toten über Spanien und seine Subkulturen herein, an die zu erinnern, ähnlich wie an die Opfer des Bürgerkriegs, kollektiv verdrängt und tabuisiert wurde.
Es ist eine Welt voller Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, die in ihren Treffen und Streitereien an den Clan der Pfirsichbauern erinnert, den Simón in »Alcarràs – Die letzte Ernte« porträtiert hat; nur dass hier das helle Licht der mediterranen Plantagen durch die satten Farben der feuchten Vegetation am Atlantik ersetzt ist.
Aus Bemerkungen der Kinder und einander zum Teil widersprechenden Erinnerungen der Älteren entsteht für Marina allmählich ein Bild vom Leben ihrer Eltern im Spanien der achtziger Jahre. Nicht alles, was sie zu hören bekommt, passt dabei mit den Schilderungen zusammen, die sie dem ererbten Tagebuch ihrer Mutter entnimmt. Brüche und Widersprüche sind für die spanische Erinnerungskultur fast schon symptomatisch. Denn mit dem Ende der »Movida«, der Zeit des demokratischen und kulturellen Aufbruchs nach dem Tode Francos, brach eine Heroin- und Aids-Welle mit vielen Toten über das Land und seine Subkulturen herein, an die zu erinnern, ähnlich wie an die Opfer des Bürgerkriegs, kollektiv verdrängt und tabuisiert wurde.
Auch Marina muss sich erst langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihre Eltern Junkies und von einer Krankheit gezeichnet waren, deren Existenz in bürgerlichen Kreisen am liebsten geleugnet wurde – bis dahin, dass Erkrankte im Privaten verborgen, wenn nicht gar gegen ihren Willen weggesperrt wurden.
»Romería« bildet den Abschluss einer losen, auf autobiographischen Motiven beruhenden Trilogie, deren Auftakt der Coming-of-Age-Film »Friedas Sommer« (2017) und deren Mittelteil »Alcarràs – Die letzte Ernte« bildet. Stark ist »Romería« vor allem dann, wenn der Film schildert, wie sich die Hauptfigur innerhalb der Gemeinschaft aus mal mehr, mal weniger wohlmeinenden Angehörigen bewegt und ihre Schlüsse zieht. Mit gesundem Misstrauen, der Fähigkeit sich abzugrenzen und einer dennoch großen Neugier auf das Milieu ihrer Herkunft gelingt es ihr, sich allen Vereinnahmungsversuchen konsequent zu widersetzen. Weder lässt sie sich von den Jungen zum Kiffen verführen, noch trinkt sie mit den Alten Schnaps. Onkel Iago (Alberto García), ein weiterer Bruder ihres Vaters, ist in seiner Offenheit, was Berichte über die Drogengeschichte ihrer Eltern angeht, zwar der interessanteste Gesprächspartner, andererseits aber auch der, bei dem man sich am ehesten fragt, wie er selbst eigentlich die wilden Zeiten hat überleben können. Noch immer ist er ein Außenseiter in den familiären Zusammenhängen; beim sonntäglichen Stelldichein auf dem Anwesen der Großeltern ist er der Einzige, der zunächst nicht erscheint.
Andere Teile der Sippschaft sind den Gepflogenheiten der spanischen Bourgeoisie entsprechend darauf erpicht, den Anschein zu wahren, dass alles seine Ordnung hat. So kann die Großmutter es kaum ertragen, dass die für ihren Geschmack zu frei erzogenen Enkel den Pool benutzen und ihn dabei womöglich beschmutzen. Als befände man sich in einem von Luis Buñuel imaginierten Phantasma, lässt der Opa nach dem Mittagessen die Enkel:innen in einer Reihe antreten und drückt allen für ein Küsschen einen nach Leistung und persönlicher Zuneigung gewichteten Geldbetrag in die Hand. Meist sind es 50 Euro, aber als die verwunderte Marina an der Reihe ist, überreicht er ihr einen Umschlag, der so viele Scheine enthält, dass sie gar kein Stipendium mehr braucht. Wie sie mit diesem Geschenk eines Fremden, von dem sie sich weder gesehen noch angenommen fühlt, umgeht, wird zu einem der Höhepunkte des Films.
Doch die Protagonistin beobachtet ihre Umwelt nicht nur, während sie sich ihren Reim auf sie macht – sie hält sie auch fest, häufig führt sie eine Kamera mit sich. Durch dieses Interesse am filmischen Blick ergibt sich eine deutliche Parallele zwischen der Figur Marina und ihrer Schöpferin Carla Simón.
Im Interview fürs Presseheft erklärt Simón, dass sie sich ihrer eigenen, ebenfalls in ihrer frühen Kindheit an Aids verstorbenen Mutter zum ersten Mal nahe gefühlt habe, als sie posthum Briefe von dieser lesen konnte, die sie einst aus Galizien und der Welt nach Hause geschrieben hatte.
Ebenfalls an eigene Erfahrungen der Regisseurin und Autorin angelehnt ist ein Großteil der Texte, die sie Marina mit dem Tagebuch der Mutter an die Hand gibt. Im Interview fürs Presseheft erklärt Simón, dass sie sich ihrer eigenen, ebenfalls in ihrer frühen Kindheit an Aids verstorbenen Mutter zum ersten Mal nahe gefühlt habe, als sie posthum Briefe von dieser lesen konnte, die sie einst aus Galizien und der Welt nach Hause geschrieben hatte. Um die Geschichte der eigenen Eltern filmisch lebendig werden zu lassen, habe Simón diese Dokumente mit eigenen Reiseerfahrungen angereichert. Durch neu konstruierte Versatzstücke und kleine Erfindungen habe die Nachfahrin sich die Vergangenheit aneignen und zum Sprechen bringen können.
In »Friedas Sommer« und in »Alcarràs« hat Simón ein naturalistisches Erzählen etabliert, in dem sie für die darin geschilderten lebensgeschichtlichen Umbrüche starke symbolträchtige Bilder gefunden hat. In »Romería« führt sie als neues Element einen magischen Realismus ein; Marina beginnt, die Geschichte ihrer Eltern mit einem Mal als involvierte Beobachterin mitzuerleben. So ganz geht das Konzept nicht auf. Dass der Film trotz der Spannung, mit der er erwartet wurde, bei der Vergabe der spanischen Filmpreise leer ausgegangen ist, hängt sicherlich nicht zuletzt mit diesem Bruch in der Erzählhaltung zusammen.
Wobei das Problem mit dem neuen Element eher das Wie als das Was ist. Wenn sich Marina in den ersten Teilen zögernd und streckenweise widerstrebend an die Erforschung ihrer Herkunft macht, entsteht Spannung gerade aus der Dissonanz der involvierten Stimmen und Perspektiven. Ab dem Moment, in dem sie tatsächlich in persona in die vergangene Gegenwart der Eltern eintaucht und der Film deren Liebes- und Drogengeschichte nachzeichnet, folgt plötzlich alles einem doch recht vorhersehbaren Plot. Der hätte gut und gern auf die Hälfte seiner Erzählzeit gekürzt werden können.
Dennoch gibt es auch hier starke Motive und Momente. Besonders eindrücklich gerät die Einbindung des lokalen Mythos der Santa Compaña, einer einem Volksglauben nach Unheil verheißenden Prozession der Toten. In einer morbiden Partyszene wird sie eindrücklich choreographiert mit der dem Tod geweihten Drogenkultur des spanischen Undergrounds der achtziger Jahre zusammengeschaltet. So schafft Simón ein Erinnerungsbild, das durchaus an die Kraft der Verdichtung im Bild der Bagger heranreicht, die in »Alcarràs« das Ende der Pfirsichplantagen markieren.
Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (Spanien 2025). Buch und Regie: Carla Simón. Mit Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa. Filmstart: 2. April