02.04.2026
Groyper in Florida

Die letzten Tabus fallen

Seit vergangenem Jahr erhält der offen faschistische Rand der US-amerikanischen Republikaner mehr Zuspruch. Dieses Milieu profitiert von der Zunahme des Antisemitismus in der Gesellschaft, insbesondere seit dem Beginn des Iran-Kriegs.

In den Vereinigten Staaten finden derzeit zwei besorgniserregende Entwicklungen gleichzeitig statt. Erstens erhält der Antisemitismus durch Verschwörungstheorien über den Iran-Krieg einen weiteren Schub. Zweitens wird der unverhüllte Rechtsextremismus innerhalb der Republikanischen Partei immer stärker. Das jüngste Beispiel für beide Entwicklungen ist der 31jährige James Fishback, der in Florida bei den republikanischen Vorwahlen für das Amt des Gouverneurs kandidiert. Er ist unverblümt rassistisch und attackiert seinen republikanischen Rivalen Byron Donalds bei jeder Gelegenheit als von der »Israel-Lobby« kontrolliert. Zwar hat Fishback kaum Chancen, die Vorwahlen zugewinnen, doch er trifft offenbar einen Nerv. »Er ist offen antisemitisch. Junge, männliche Republikaner in Florida lieben ihn«, titelte die New York Times kürzlich über ihn.

Das seit dem Zweiten Weltkrieg geltende Tabu über dem Antisemitismus und insbesondere über der Leugnung des Holocaust hatte solche Tendenzen lange gebremst. Doch beide Tabus werden immer schwächer. Was Kommentatoren als das »Nazi-Problem« der Republikaner bezeichnen, hat sich lange angekündigt. Eine Schlüsselfigur ist der inzwischen sehr erfolgreiche Streamer und Podcaster Nick Fuentes. »Juden beherrschen die Gesellschaft. Frauen müssen die Fresse halten. Die meisten Schwarzen müssen ins Gefängnis« – solche Aussagen kriegen seine vor allem jungen Fans in seiner Sendung zu ­hören.

Was Kommentatoren als das »Nazi-Problem« der Republikaner bezeichnen, hat sich lange angekündigt.

Bereits 2017 nahm der damals noch nicht mal 20jährige Fuentes an der Großversammlung »Unite the Right« in Charlottesville teil. Er gilt als Anführer der »Groyper«-Bewegung. Dabei handelt es sich um einen Zweig der Alt-Right, dessen Popularität zwischen 2015 und 2018 ihren Höhepunkt erreichte. Während sich die Patriot Front, die andere große faschistische Gruppe dieser Zeit, sich von der Republikanischen Partei abgrenzt, verfolgten die Groypers eine Strategie der Unterwanderung oder Entrismus. Sie schlossen sich der Kampagne »Make America Great Again« (Maga) an und damit der Repu­blikanischen Partei, in der Hoffnung, diese immer weiter in Richtung faschistischer Politik zu treiben – insbesondere durch die Propagierung von Antisemitismus. Dabei waren sie durchaus erfolgreich: Fuentes traf sich 2022 in Begleitung von Ye (ehemals Kanye West) sogar mit Donald Trump in dessen Anwesen in Mar-a-Lago.

Die Groypers profitieren davon, dass sich in der Gesellschaft insgesamt der Antisemitismus ausbreitet. Im Frühjahr 2025 gab es in den USA zwei antisemitische Attentate, deren Täter sich als Unterstützer der Palästinenser bezeichneten. Im Mai erschoss ein Linker zwei Personen, die eine jüdische Netzwerkveranstaltung in Washington, D.C., verließen. Im darauffolgenden Monat wurde eine Versammlung in Boulder, Colorado, die auf die israelischen Geiseln in Gaza aufmerksam machen wollte, von einem Attentäter angegriffen, der sich selbst als propalästinensisch bezeichnet. Er versuchte, mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und Molotow-Cocktails die Teilnehmer lebendig zu verbrennen, tötete einen 82jährigen und verletzte 13 Personen, darunter einen Holocaust-Überlebenden.

Im September eröffnete sich für die Groypers eine große Propagandagelegenheit, als der rechte Propagandist Charlie Kirk, der Leiter der Organisation Turning Point USA, ermordet wurde. Fuentes hatte Kirk seit langem zum Feind erklärt – zum Vertreter eines angeblich zu moderaten republikanischen Establishments, das außerdem Israel unterstütze. Anfänglich gab es Spekulationen, dass der Mörder ein Groyper gewesen sei. Gleichzeitig verbreiteten sich zahlreiche antisemitische Verschwörungstheorien, denen zufolge der Mossad Kirk ermordet habe, weil dieser begonnen habe, seine Unterstützung Israels in Frage zu stellen.

Im Monat darauf trat das »Nazi-Pro­blem« der Republikanischen Partei noch einmal offener und vor allem öffentlich zutage. Während Fuentes’ Einfluss auf nicht wenige jüngere Republikaner schon lange deutlich geworden war, blieb er vom Mainstream der Partei lange ausgeschlossen. Doch im Oktober vergangenen Jahres lud der einflussreiche rechtsextreme Podcast-Moderator Tucker Carlson Fuentes in seine Show ein. Das sorgte für heftigen Streit unter den Rechten, allerdings wurde Carlson von prominenten Figuren verteidigt. Kevin Roberts – der Leiter der Heritage Foundation, eines mächtigen rechten Think Tanks – sagte, Fuentes’ vertrete akzeptable rechte Positionen. Zwei wichtige republikanische Senatoren, Lindsey Graham und Ted Cruz, verurteilten dies, ebenso wie Ben Shapiro, einer der wenigen prominenten jüdischen Kommentatoren, die der Maga-Rechten zuneigen.

Ebenfalls im Oktober wurde ein Telegram-Gruppenchat von Gruppenleitern der Jungen Republikaner geleakt – also der Parteifunktionäre von morgen, unter anderem aus den Staaten New York, Vermont, Arizona und Kansas. Darin fielen Sätze wie »Ich liebe Hitler«, es wurde gefordert, Gegner in Gaskammern zu stecken, und die Rückkehr zur Sklaverei vorgeschlagen – dass man dort schwarze Menschen als »Affen« beschimpfte, passt ins Bild. Während einige republikanische Funktionäre den Chat verurteilten, tat Vizepräsident J. D. Vance ihn mit dem Satz »Jugendliche machen so was halt« ab – die fraglichen Chatteilnehmer waren jedoch zwischen 25 und 35 Jahre alt.

In dieses Milieu gehört auch der republikanische Vorwahlkandidat Fishback. Der Journalist Will Sommer schrieb, dieser sei »bisher der politische Kandidat, der dem Typ Nick Fuentes/Groyper am nächsten kommt«. Sein »relativer Erfolg deutet darauf hin, dass ein solcher Kandidat bei den Republikanern der Gen Z eine gewisse Basis hat«.

Fishback hat sich offen zu den Groypers bekannt, Fuentes lobte ihn, Carlson lud ihn in seine Show ein und unterstützt ihn enthusiastisch. Auch mehrere Studentengruppen der Republikaner luden Fishback ein. Eine von ihnen wurde kurz danach von ihrer Hochschule, der Florida International University in Miami, suspendiert, nachdem Bilder aufgetaucht waren, die Mitglieder beim Hitlergruß zeigten.

In einer repräsentativen Umfrage gaben 31 Prozent der unter 50jährigen Republikaner an, rassistische Ansichten zu vertreten, und 25 Prozent sagten, ihre Ansichten seien antisemitisch.

Obwohl nicht statistisch repräsentativ, erregte im Dezember die Befragung einer Fokusgruppe mit 20 »rechtsgerichteten« Jugendlichen der Gen Z viel Aufmerksamkeit. Von fünf Personen, die eine Frage zu Hitler beantworteten, war nur eine völlig gegen ihn; die anderen lehnten zwar die Shoah ab, schätzten ihn jedoch als starken nationalistischen Führer. Neun Teilnehmer beantworteten eine Frage zu Juden; zwei von ihnen sagten, sie kontrollierten die Medien, und einer bezeichnete sie als »eine Kraft des Bösen«.

Der Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar befeuerte die antisemitischen Verschwörungstheorien abermals. So behauptete Joe Kent, der Direktor des Nationalen Terrorabwehrzentrums der Bundesregierung, Mitte März in seinem Rücktrittsschreiben, Israel und dessen Lobbyisten hätten Trump manipuliert und ihn dazu gebracht, den Iran anzugreifen – als ob Trump, der bereits 2020 unter anderem Qasem Soleimani, einen hochrangigen iranischen Milizenführer, hatte töten lassen und seit Jahrzehnten fest davon überzeugt ist, dass vom iranischen Regime Gefahr ausgeht, dafür Überredung benötigt hätte. Kent schrieb sogar, der syrische Bürgerkrieg sei »von Israel fabriziert« worden. Sein offener Brief wurde von einem nicht unerheblichen Teil der Linken gelobt, und nicht alle distanzierten sich dabei von Kents antiisraelischen Verschwörungstheorien. Im selben Monat rammte ein Mann mit seinem Auto eine Synagoge in der Nähe von Detroit, Michigan, und eröffnete das Feuer. Er wurde in seinem brennenden Auto feststeckend von einem Wachmann angeschossen und nahm sich das Leben. In der Synagoge befanden sich unter anderem 100 Kinder.

Verschiedene Umfragen haben versucht zu messen, wie verbreitet Ansichten wie die Kents sind, und dabei festgestellt, dass es dabei große Altersunterschiede gibt. Eine repräsentative Umfrage des erzkonservativen Manhattan In­stitute zeigte beispielsweise, dass unter Republikanern unter 50 Jahren eine beachtliche Minderheit (31 Prozent) offen angibt, rassistische Ansichten zu vertreten, und 25 Prozent geben dies für antisemitische Ansichten an. Bei den über 50jährigen liegt dieser Wert in beiden Kategorien bei nur vier Prozent.

Obwohl also unter dem Deckmantel des »Antizionismus« antisemitische Gewalt stattfindet, bleiben unverblümt antisemitische Ansichten selbst unter Republikanern eine Minderheit. Doch das könnte sich ändern, wenn die jungen republikanischen Aktivisten die politische Karriereleiter hinaufsteigen. Wenn »die Kinder unsere Zukunft sind«, wie es das Klischee will, dann könnte diese ziemlich düster aussehen.